Darum gehts
- Anojen Kanagasingam erlebt 2025 in St. Gallen ein Albtraum-Spiel
- Hassnachrichten gegen seine Familie bringen ihn dazu, soziale Medien zu löschen
- 2026 ist er Fifa-Schiedsrichter und sagt: «Das Spiel war wichtig für meine Entwicklung»
Als er zur Pause in die Garderobe geht, tut er etwas, was er sonst nie macht. Anojen Kanagasingam schaut auf sein Handy. Hat er einen Fehler begangen? Lag er völlig falsch? Der damals 31-Jährige hat die ersten 45 Minuten eines Spiels hinter sich, das sich zu einer Art Schiedsrichter-Albtraum entwickelt.
Irgendwann bekommt er auf dem Feld das Gefühl, dass er bloss noch schauen muss, «dass mir dieses Spiel nicht total entgleitet – dass ich hier einfach heil herauskomme».
Dann kommen die anonymen Hetzer im Internet
Am Ende stehen ein umstrittener Platzverweis, ein falsch gepfiffener Elfmeter nach Videobeweis, Medienschelte, ein öffentlicher Rüffel vom Chef. Und anonyme Hetzer, die auf den sozialen Medien seine Familie angehen. «Da habe ich gesagt: Jetzt ziehe ich die Notbremse.»
Etwas mehr als ein Jahr danach erzählt Kanagasingam im Blick-Podcast «FORZA!», wie er das schwierigste Fussballspiel seiner noch jungen Karriere auf dem Feld erlebt hat. Und wie er danach mit der Polemik rund um die Partie St. Gallen gegen GC umgegangen ist. Es ist eine persönliche Geschichte, die aber viel über den Druck aussagt, unter dem alle Unparteiischen im Profifussball stehen.
«Ein brutaler Lehrplätz», sei das Spiel gewesen, sagt der Berner im Rückblick. Da ist die Stimmung im St. Galler Kybunpark, die auf einen Schiedsrichter Eindruck macht, der erst sein 20. Spiel in der Super League leitet. Da sind die heftigen Reaktionen der Grasshoppers auf den frühen Platzverweis für Captain Amir Abrashi.
Und dann wird er auch noch mehrfach an den Bildschirm gerufen, um Penalty-Entscheidungen zu korrigieren. Wobei er zu allem Überfluss zu einem falschen Elfmeter-Pfiff verleitet wird.
«Man kann sagen, dass ich in diesem Match in gewissen Situationen überfordert war», gibt Kanagasingam unumwunden zu. Und als er das Spiel endlich abpfeifen kann, hat er noch nicht einmal die Hälfte der Aufregung hinter sich.
Öffentlich meckert GC-Trainer Tomas Oral: «So macht es keinen Spass!» Danach kommt die Schelte durch den Blick-Schiri-Experten Urs Meier: «Hört auf, um Gottes willen!» Und schliesslich taxiert auch noch Schiri-Boss Daniel Wermelinger einen seiner Entscheide öffentlich als falsch.
Intern hat Kanagasingam da längst Feedback von seinem Schiedsrichter-Betreuer bekommen. Er hat sich die entscheidenden Szenen noch einmal angeschaut. Er weiss schon vor Wermelingers Rüge, dass sie erscheinen wird. Und es hilft ihm, dass er am Montag wieder im Büro als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Schweizerischen Polizei-Institut arbeiten darf, wo nicht ständig über Fussball geredet wird.
«Das war eindeutig unter der Gürtellinie»
Trotzdem sagt er: «Was in den 48 Stunden nach dem Spiel abgegangen ist, habe ich in dieser Heftigkeit noch nie erlebt.» Wobei die Medienberichte nur ein Teil des Sturms sind. Noch heftiger trifft ihn, was in den sozialen Medien abgeht: «Da sind Sachen eingegangen, die waren nicht ganz jugendfrei, eindeutig unter der Gürtellinie.»
Das eine sind Beleidigungen, die persönlich an ihn gerichtet sind: «Die kann ich noch einigermassen einordnen. Aber die rote Linie ist dann erreicht, wenn es um deine Familie geht.» Als auch seine Liebsten angegriffen werden, zieht der Vater von zwei Kindern die Reissleine: «Noch am selben Wochenende habe ich alle sozialen Medien gelöscht.»
Dabei ist es bis heute geblieben. Das ist die eine Lehre, die er aus jenem Spiel im März gezogen hat. Andere haben damit zu tun, wie er seither Spiele leitet, wie er an knifflige Situationen herangeht. «Ich glaube, diese Partie war eine der wichtigsten für meine Entwicklung», kann er heute sagen.
Ausgerechnet er darf nochmals GC – St. Gallen leiten
Wobei hilft, dass er zum Saisonende einen persönlichen Strich unter die Geschichte ziehen kann. Er wird beim Rückspiel zwischen GC und St. Gallen wieder als Schiedsrichter eingeteilt. In einem Spiel, in dem es für die Zürcher in der letzten Runde der Saison darum geht, dem direkten Abstieg zu entgehen.
Ausgerechnet! Finden die Grasshoppers. Für Kanagasingam dagegen ist es «der schönste Vertrauensbeweis», den ihm seine Chefs aussprechen konnten: «Ich bin ihnen extrem dankbar dafür.»
GC gewinnt 2:0 und verhindert so den Abstieg. Kanagasingam kommt gut durch die Partie und kann dadurch mit einem positiven Gefühl aus der Saison gehen.
GC ist im Jahr danach nicht viel weiter gekommen. Anojen Kanagasingam dagegen schon. Er hat sein Pensum als Schiedsrichter per Anfang Jahr auf 50 Prozent aufgestockt. Und er ist frischgebackener Fifa-Schiedsrichter. Weil er nicht daran kaputtgegangen ist, was an jenem Samstag und in den Tagen danach alles auf ihn eingeprasselt ist. Und weil er etwas einfach sehr gerne macht: Fussballspiele leiten.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Thun | 36 | 33 | 74 | |
2 | FC St. Gallen | 36 | 23 | 66 | |
3 | FC Lugano | 36 | 13 | 63 | |
4 | FC Sion | 36 | 23 | 61 | |
5 | FC Basel | 36 | 3 | 56 | |
6 | BSC Young Boys | 36 | 6 | 51 |
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Luzern | 37 | 7 | 50 | |
2 | Servette FC | 37 | 6 | 50 | |
3 | FC Lausanne-Sport | 37 | -12 | 42 | |
4 | FC Zürich | 37 | -21 | 38 | |
5 | Grasshopper Club Zürich | 37 | -28 | 30 | |
6 | FC Winterthur | 37 | -53 | 23 |