Der Zeiger des Wasserthermometers bleibt bei 13,3 Grad stehen. Die Luft ist nur wenig wärmer am Thunersee. Kurz nach acht Uhr morgens legt Andres Gerber (53) seine Kleider ab und steigt, ohne zu zögern, in den See. «Wenns richtig kalt ist, brauchts Überwindung», sagt der Präsident des FC Thun und lacht. Denn genau darum gehe es, sagt er. Nicht davonrennen. Reingehen. Aushalten. Mehrmals pro Woche steht er so am Thunersee. Es ist eine Haltung, die sich durch sein Leben zieht, lange bevor er es so benennen konnte. Und sie beginnt bei seinem Bruder.
«Dänu» war drei Jahre älter. «Er war mein grosses Vorbild, mein Held», erzählt Gerber, als er aus dem Wasser kommt und sich abtrocknet. Einer, der vor nichts zurückschreckte. Einer, der kämpfte. Täglich sei er im Bielersee baden gegangen. Bis er an Krebs erkrankte. «Ich wusste immer: Wenn Dänu mal nicht mehr da ist, dann mache ich das auch.» Gerber hielt sein Wort. «Früher war ich der typische Warmduscher. Wenn ich mich manchmal sträube, höre ich heute noch meinen Bruder sagen: ‹Tue nid so weich!› Dann muss ich lachen. Und steige trotz allem ins Wasser.»
Die grosse Krise
Es ist eine Szene, die gut erklärt, warum der FC Thun heute Schweizer Meister ist. Denn auch dort ist Andres Gerber geblieben, als alles in ihm gesagt hatte: Renn! Seit 23 Jahren prägt Gerber den FC Thun: 2005 führte er den Klub als Captain sensationell in die Champions League, später wurde er Sportchef und Präsident. 2014 sagte er zur «Basler Zeitung»: «Mein Traum ist es, mit Thun Meister zu werden. Im Wissen, dass wir weit davon entfernt sind.» Und das waren sie. Denn die Tiefpunkte häuften sich.
2020 stieg Thun in die Challenge League ab. Sein damals 17-jähriger Sohn Noé weinte stundenlang. «Für ihn ist eine Welt zusammengebrochen. Es hat ihn fast traumatisiert», erzählt Gerber. 2021 verpasste Thun den Wiederaufstieg im Relegationsspiel gegen Sion in die Super League. Eine Stunde nach Abpfiff verstarb Gerbers Bruder Dänu. Der FC Thun kämpfte mit grossen Geldproblemen. Corona erschütterte den Klub zusätzlich. Spieler wollten weg, Mitarbeitende mussten bei Laune gehalten, Sponsoren beruhigt werden. «Ich war psychisch und körperlich fast am Ende, konnte manchmal nicht mehr schlafen, weil ich nicht wusste, wie wir das Geld eintreiben sollen.»
Gerber stand wohl kurz vor einem Burnout. Auch seine Frau Nicole (53) sorgte sich in dieser Zeit um ihn. Mit ihr ist er seit 38 Jahren zusammen – seit der Schule. Der Klub war gefühlt am Boden. «Es gab Momente, wo ich einfach nur davonlaufen wollte. Aber ich wusste: Ich muss bleiben, weil es mich braucht.»
Jetzt hält er beschwichtigend die Hände hoch und lächelt. «Also nicht, dass ich ein Held bin und das alleine gemacht habe! Aber ich dachte, dass es ohne mich emotional schwierig wird, weil ich schon so lange dabei bin.» Nun erzählt Gerber von Kindheitsfiguren. Von Robin Hood, von den Galliern. Von den Aussenseitern, die sich aber stets gewehrt haben. «Die haben mich schon als kleiner Bub fasziniert. Ich habe mich in der Verantwortung gesehen. Und jetzt im Nachhinein bin ich stolz darauf, nicht aufgegeben zu haben.»
Die grosse Sensation
Ausgerechnet aus den dunkelsten Jahren des Vereins entsteht das grösste Wunder seiner Geschichte. Der kleine Klub aus dem Berner Oberland wird Schweizer Meister. Als Gerber all die schwierigen Jahre nochmals Revue passieren lässt, steigen ihm Tränen in die Augen. «Wenn ich denke, was wir alles erlebt haben …», sagt er und muss abbrechen. Für einen Moment ringt der sonst so kontrollierte Präsident nach Worten. «Wow, diese Emotionen gehen gerade tief. Aber es ist ein schönes Gefühl. Ich glaube, das muss jetzt einfach raus. Dass wir heute hier stehen, ist wirklich ein Märchen.»
Besonders emotional erlebt den Titel auch sein Sohn Noé (23). Als er geboren wurde, trug Gerber als Captain gerade das Trikot des FC Thun. Noé wuchs praktisch mit dem Verein auf, erlebte die Champions League, die Abstiege, die Krisen – und jetzt den grössten Triumph der Klubgeschichte. «Für ihn bedeutet das genauso viel wie für mich», sagt Gerber, «und sein Trauma vom Abstieg ist geheilt!» Die beiden verbindet längst mehr als nur Fussball. Noé arbeitete zuletzt als Scout beim FC Sion und wechselt nun zu Thun. Auch Tochter Ana, 15, sei mittlerweile «ein riesiger FC-Thun-Fan geworden». Im Sommer beginnt sie die Fachmittelschule.
Das Märchen ist inzwischen auch im Alltag der Region angekommen. 17'000 Meisterleibchen seien im Umlauf. «Jeder Thuner ist gerade stolz», sagt Gerber. «Das ist vielleicht das Schönste daran.» Vor zwei Wochen aber sagte Kulttrainer Hanspeter Latour zur «Schweizer Illustrierten»: «Thun ist keine Fussballstadt.» Gerber widerspricht dieser Einschätzung nicht, ordnet sie aber ein. «Hanspeter hat damals die erste Euphorie entfacht», sagt er. Doch dieser Titel, sagt Gerber, gehe weiter. «Er wird noch die ganzen nächsten Generationen prägen, die Thun jetzt als Meister kennen und nicht als kleinen Klub.»
Die grosse Hoffnung
Und es wartet bereits die nächste Herausforderung. Als Schweizer Meister darf der FC Thun nun auf die Champions League hoffen – drei Runden trennen den Klub von Europas grösster Fussballbühne. «Das wird happig.» Angst habe er trotzdem keine. «Wir bleiben mutig. Und jetzt denke ich einfach: Komm, schreiben wir das nächste Kapitel.»
Momente wie diese würde er gern mit seinem Bruder teilen und ihm davon erzählen. Davon, dass der kleine FC Thun plötzlich die ganze Schweiz begeistert. «Wenn ich an Dänu denke, dann sind das schöne Gefühle, keine traurigen. Weil er ist für mich immer hier.» Auch morgens am Thunersee. Und vielleicht ist genau das dieses Märchen: dass alles, was ihn geprägt hat, geblieben ist. Und daraus etwas entstanden ist, das niemand mehr für möglich gehalten hat.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Thun 0:0 | 38 | 28 | 75 | |
2 | FC St. Gallen 0:0 | 38 | 25 | 70 | |
3 | FC Lugano 2:0 | 38 | 15 | 67 | |
4 | FC Sion 1:1 | 38 | 23 | 63 | |
5 | FC Basel 0:2 | 38 | -1 | 56 | |
6 | BSC Young Boys 1:1 | 38 | 11 | 55 |
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Luzern | 38 | 10 | 53 | |
2 | Servette FC | 38 | 8 | 53 | |
3 | FC Lausanne-Sport | 38 | -14 | 42 | |
4 | FC Zürich | 38 | -23 | 38 | |
5 | Grasshopper Club Zürich | 38 | -26 | 33 | |
6 | FC Winterthur | 38 | -56 | 23 |

