Darum gehts
Er war schon zweimal auf einem steilen Weg nach oben. Doch zweimal wurde Anthony Racioppis (27) Fahrt Richtung Fussballer-Olymp abrupt gebremst.
Zuerst verliert er bei Dijon seinen Status als Nummer 1 mit 21 Spielen in der Ligue 1, als der Klub in die zweite Liga absteigt. Auch bei YB wird er die Nummer 1, als David von Ballmoos verletzt ausfällt. Er verliert diesen Status auch nicht, als von Ballmoos zurückkehrt. Es ist das Resultat von Racioppis anhaltend guten Leistungen. Auch ein Nati-Aufgebot folgt.
Doch nach zwei, drei Böcken macht ihn der damalige YB-Trainer Raphael Wicky doch wieder zur Nummer 2. Letzten Sommer sagte Racioppi gegenüber Blue: «Das war enttäuschend, denn ich hatte einen guten Lauf. Als mir der Stecker gezogen wurde, war ich ziemlich wütend und enttäuscht.» Heute wiegelt er ab: «Klar war das Ende in Bern nicht schön. Ich hatte das Gefühl, meine Leistung erbracht zu haben, doch der Coach sah das anders. Aber ich habe Titel gewonnen und in der Champions League gespielt. Diese schönen Erinnerungen überwiegen. Da werde ich niemandem in die Suppe spucken.»
Am meisten Shutouts, am wenigsten Gegentore
Tempi passati. Bei Sion sieht man den besten Racioppi aller Zeiten. Er hat nach dem 4:0 bei GC die Führung von Thuns Niklas Steffen im Gegentor-Ranking übernommen. Zudem war es sein elfter Shutout. Damit ist Racioppi auch da die Nummer 1 vor Basels Marvin Hitz (9). «Cool! Ich hatte mir das nicht als Ziel gesetzt. Aber nun ist es schön, dazustehen», sagt der Genfer, bei dem man von aussen den Eindruck gewinnt, dass er sich in seiner Haut derzeit sehr gut fühlt. «Das stimmt. Ich fühle mich in Sion pudelwohl. Ich denke, die Saison, die ich spiele, widerspiegelt das.»
Es ist – auch dank des Keepers – eine überraschend starke Spielzeit des Teams von Didier Tholot, die man diesem nicht zugetraut hatte. «Die Chemie stimmt. Wir verstehen uns blendend. Auf und neben dem Platz. Das ist sehr wichtig, damit eine Gruppe funktioniert», findet Racioppi Gründe für den Walliser Höhenflug. Vermisst er als Grossstadtkind denn Genf nicht? «Nun, Sion ist nicht Genf, klar. Aber es ist viel besser als England und Deutschland.»
Je ein Spiel in Hull und Köln
Das waren die sportlichen Horror-Destinationen von Racioppi nach seiner YB-Zeit und bevor ihn Sion-Sportchef Barthélémy Constantin (31) ein erstes Mal in Köln besuchte. Weder bei Hull City noch beim 1. FC Köln spielte er jemals ein Meisterschafts- oder Cupspiel in der 1. Mannschaft. Bei Hull reichte es zu einem Einsatz im Carabao-Cup (dem Ligacup) gegen den heute bankrotten Traditionsklub Sheffield Wednesday. Bei Köln gabs gar nur einen Einsatz in der 2. Mannschaft – in der Regionalliga West gegen Lotte.
«Hull war eine Erfahrung. Nicht die beste. Ich hatte wenig Halt. Aber jede gemachte Erfahrung hilft dir im Leben. Auch diese im Mutterland des Fussballs. England ist speziell.» Und Köln? «Da gilt dasselbe. Die Fans sind auch dort der nackte Wahnsinn. Wir waren in der 2. Bundesliga, und es kamen 50'000 zu jedem Spiel. Die Stadt lebt für diesen Klub. Verrückt.»
Und die vielen Boulevardzeitungen, für die der Klub tägliches Lebenselixier ist? «Nun, da ich nicht gespielt habe, konnte ich auch nicht kritisiert werden», sagt Racioppi und schmunzelt. Und doch gabs eine wichtige Brücke zum Wallis in dieser Zeit: «Joël Schmid hat mir den FC Sion empfohlen. Er hat mitvermittelt.»
Böcke interessieren Barth Constantin nicht
Zurück in die Gegenwart. Und zur aktuellen Saison. Auch in dieser gabs zwei, drei Böcke, die zu Gegentoren führten. Auch Racioppi war nicht perfekt. So ging das 1:1 beim FC Zürich auf seine Kappe, als er einen Flankenball fallen liess.
Bei YB hatten ihm diese Sorte Gegentore, vor allem in der Champions League, den Status als Nummer 1 gekostet. Wie geht er mittlerweile damit um? «Man hat keine Wahl, muss sich sofort wieder fokussieren. Das Spiel geht ja weiter.» Und er ergänzt: «Wir Goalies sind Perfektionisten, versuchen das zu vermeiden. Aber es gibt viel Schlimmeres im Leben.»
Spannend auch, was sein Sportchef zu diesem Thema sagt: «Es ist mir völlig egal, ob Anthony den einen oder anderen Fehler macht. Die Punkte, die er uns mit Grossparaden geholt hat, überwiegen tausendfach!», so Barthélémy Constantin.
Für Zuberbühler ist Racioppi die Nummer 1 der Liga
Aber eben: Auch ein Gregor Kobel hat immer wieder mal Aussetzer. Aber die positiven Aktionen überwiegen bei weitem. Und schon sind wir beim Thema Nati. Racioppi stand ja schon mal im Aufgebot. Mittlerweile ist er regelmässig auf Pikett. Marvin Keller ist die Nummer 3 in der Hierarchie. «Jeder Fussballer will für sein Land spielen. Klar ist es mein Ziel, mir diesen Platz zu erobern», sagt Racioppi.
Diesen würde er absolut verdienen, denkt Constantin junior. Dem pflichtet auch Goalie-Legende Pascal Zuberbühler (55) bei: «Anthony ist die Nummer 1 des Landes. Er gehört in die Nati.» Wie ist das, diesen Honig, der einem um den Mund geschmiert wird, abzuschlecken? «Solches Lob macht natürlich Spass. Denn es zeigt: Man macht einen guten Job. Ich tue jedenfalls alles, um in den USA dabei zu sein.»
Sion soll um den Titel spielen – mit Racioppi?
Ein erstes grosses Ziel wird er schon bald erreichen, sollte er sich nicht verletzen. «Ich bin nun 27. Das wird meine erste komplette Saison sein. Also ist es für mich auch die beste meiner Karriere.» Mit einem Titel wird sie nicht gekrönt werden können, da Sion gegen GC auf unglaubliche Art und Weise die Cupsegel in einem Spiel streichen musste, das man niemals hätte verlieren können. «Aber Anthony ist ein grosser Goalie. Und mit einem grossen Goalie will ich einen Titel gewinnen», so die Ansage des CC-Sohnes.
Racioppi dazu: «Logisch. Titel sind das Ziel eines jeden Fussballers.» Und warum nicht der Meistertitel? Bis zu dieser Saison gewannen nur die drei Grossen die Super League: Basel, YB und der FC Zürich. Hat der wahrscheinliche Titelgewinn von Thun am Mindset im Hinblick auf die nächste Saison etwas geändert? Racioppi: «Also bei mir nicht. Meine Haltung ist: Im Fussball ist immer alles möglich. Und man will seine Ranglistenposition gegenüber der des Vorjahrs verbessern.» Was nahelegt: Sion soll um den Titel mitspielen. Und das immer noch mit Racioppi? Denn wenn der so weitermacht, klopft bestimmt ein besserer Klub als Hull oder Köln an. Es gab auch Gerüchte um die Hitz-Nachfolge beim FCB. «Ich habe hier einen Vierjahresvertrag unterschrieben. Mathematisch spiele ich auch nächste Saison in Sion.»
Doch noch dauert die aktuelle, «weiss Gott nicht schlechte Saison» noch an. Bis zur letzten Runde am 17. Mai, in der es heisst: YB vs. Sion. Vielleicht ist es gar die Finalissima um Europa. «Das wäre verrückt», sagt Racioppi. Und im Fall eines Sion-Erfolgs eine süsse Rache an Marvin Keller, wegen dem Racioppi letzten Endes bei YB gehen musste. Wofür dieser aber nichts konnte. Ausser gut gespielt zu haben.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Thun | 32 | 36 | 71 | |
2 | FC St. Gallen | 32 | 24 | 59 | |
3 | FC Lugano | 33 | 12 | 57 | |
4 | FC Basel | 32 | 8 | 53 | |
5 | FC Sion | 32 | 13 | 49 | |
6 | BSC Young Boys | 32 | 5 | 47 | |
7 | FC Luzern | 32 | 3 | 39 | |
8 | Servette FC | 32 | 0 | 39 | |
9 | FC Lausanne-Sport | 32 | -7 | 39 | |
10 | FC Zürich | 33 | -18 | 34 | |
11 | Grasshopper Club Zürich | 33 | -25 | 27 | |
12 | FC Winterthur | 33 | -51 | 19 |
