Auf dem Campus des Super-League-Vorletzten wirkt Sutter im Blick-Gespräch fokussiert, aber ruhig. Seine Zuversicht, GC mit einer unerbittlichen Vorwärts-Strategie auf dem Feld aus der Gefahrenzone zu manövrieren, ist in jeder Silbe spürbar.
Herr Sutter, Sie hatten während der Winterpause einen heiklen Moment zu meistern. Sturm Graz wollte Gerald Scheiblehner ausspannen. Mussten Sie einmal leer schlucken?
Alain Sutter: Nein, es lief ja alles sehr transparent ab. Sturm wollte ihn verpflichten. Aber ich erklärte ihnen deutlich, dass ich es nicht verantworten könne, den Trainer mitten in diesem Prozess abzugeben. Wenn er mir jetzt weggebrochen wäre, hätten wir einen grossen Teil unserer Aufbauarbeit gefährdet. Für mich war es keine Option, das in irgendeiner Art und Weise gutzuheissen.
War die Absage auch für Ihren Coach okay?
Er hat es voll und ganz akzeptiert, meine Argumentation auch nachvollziehen können. Ihm gefällt es sehr bei GC. Da gab es null Diskussionen. Wir haben auch ganz offen miteinander gesprochen, was für mich ein wichtiges Zeichen des gegenseitigen Vertrauens ist. Nach meiner Rückmeldung an die Sturm-Verantwortlichen war das Thema dann aber erledigt.
Scheiblehner wird wohl auch im Frühling wieder auf Wunschlisten von diversen anderen Klubs erscheinen.
Gerald ist ein hervorragender Trainer in allen Facetten, menschlich und inhaltlich. Es würde mich deshalb eher überraschen, wenn in Zukunft keine weiteren Angebote für ihn kämen. Ich weiss, dass diese Thematik immer wieder aufflammen wird, weil er einfach ein hervorragender Trainer ist.
Es gab noch andere Nebengeräusche – jene aus Los Angeles vom Klubeigner. Verkaufs-Spekulationen kursieren.
Es wurde kommuniziert, dass LAFC lokale Investoren sucht, die mithelfen, das Projekt GC mitzutragen und mitzugestalten. Für GC ist es langfristig wichtig, dass wir noch mehr Unterstützung aus Zürich und der Schweiz gewinnen. Sowohl in Form von Investoren, Sponsoren, Gönnern und Fans.
Steht sogar ein Ausstieg der Amerikaner zur Debatte?
Nein, sie suchen einen Partner. Das Heft des Handelns werden sie aber nicht aus der Hand geben.
Wie fest beschäftigen Sie solche Szenarien?
Überhaupt nicht. Intern gibt es eine klare Kommunikation und Strategie. Zu meinen Aufgaben gehört es, die Sportabteilung voranzubringen und attraktiver zu machen für mögliche Partner. Die Mannschaft soll Freude machen. So kann ich meinen Teil dazu beitragen, dass GC irgendwann hoffentlich wieder auf stabilen Beinen steht und sportlich in einer Lage ist, die zur Historie des Vereins passt.
Welche Signale empfangen Sie von der Besitzerschaft? Löst der sportliche Schlingerkurs Irritationen aus? Geht die Abstiegsangst um?
Selbstverständlich machen sie sich Sorgen. Sie schauen alle Spiele, sie kennen die Tabelle in- und auswendig. Sie sind informiert. Der Abstand nach unten ist nicht gross, gegen oben hin tut sich eine Lücke auf. Da macht man sich Gedanken. Aber sie sind von unserem Weg überzeugt. Das Commitment ist weiterhin klar, dies sieht man auch deutlich an der Tatsache, dass sie in der Wintertransferperiode Geld bereitstellen, um in das Kader zu investieren.
Der ganze Verein befindet sich nach wie vor im Umbruch. Sie haben mit Ramin Pandji, Ihrem Sohn Taya und Ihrer Frau enge Vertraute zu GC gelotst.
Ramin habe nicht ich geholt, GC hatte schon mit ihm Kontakt, bevor ich überhaupt ein Thema wurde. Und bei meiner Frau weiss ich nicht, wie Sie darauf kommen, dass sie bei GC arbeiten soll. Sie hatte einmal bei unserem Naturheilpraktiker, mit dem wir zusammenarbeiten, ausgeholfen, als er Unterstützung brauchte. Meine Frau steht nicht bei GC auf der Lohnliste!
Kritiker könnten Ihnen Günstlingswirtschaft vorwerfen. Stört Sie das?
Nein, es ist simpel: Wenn man erfolgreich ist, kann man machen, was man will, und alle finden gut, was du machst. Wenn der Erfolg ausbleibt, ist alles schlecht, und die Kritik wird gross. Ich bin seit 40 Jahren in diesem Business, ich kenne die Mechanismen. Meine Entscheide basieren nicht darauf, ob sie mir um die Ohren fliegen, mir nützen oder schaden könnten. Sie basieren darauf, was ich für den Verein als richtig empfinde. Dass ich mit Leuten zusammenarbeiten möchte, von denen ich weiss, was für Qualitäten sie haben und schon ein Vertrauensverhältnis besteht, ist logisch.
Gegen Ihren GL-Kollegen Christoph Urech gibt es wegen GC-Geschäften mit ihm nahestehenden Firmen Vorwürfe aus der Fan-Kurve. Wie taxieren Sie den Unmut?
In einer solchen Position bietet man immer Angriffsfläche. Wichtig sind die Fakten, die zu Entscheidungen führen und die Transparenz gegenüber den Besitzern. So arbeiten wir als abgestimmtes Führungsteam zusammen.
Gilt das auch für das Engagement Ihres Sohnes als Scout?
Selbstverständlich, ich wiederhole mich: Die Transparenz ist wichtig. Mir war auch klar, dass dies eine heikle Entscheidung ist und Taya und mich unter Druck setzen wird. Deshalb war es uns allen wichtig, dass beim Rekrutierungsprozess alles sorgfältig geprüft wird. Mit dem Okay aus Los Angeles wurde dieser Entscheid dann gefällt. Wenn LAFC Nein gesagt hätte, wäre Taya nicht bei GC. Personalentscheide erfolgen auf Basis von Qualifikation und Eignung. Für alle Funktionen bei GC gelten klare Rekrutierungs- und Entscheidungsprozesse.
Sind weitere Anpassungen im GC-Organigramm geplant?
Wir sind in einem laufenden Prozess. Noch sind wir auf verschiedenen Ebenen nicht so weit, wie ich mir das vorstelle. Wir haben noch viel Spielraum für Verbesserungen und arbeiten alle gemeinsam daran.
Auf dem Spielfeld gibt es Anpassungen, neues Personal kommt: das YB-Talent Emmanuel Tsimba (19), der Ex-Luzerner Ismajl Beka (26) und das 20-jährige bosnische Verteidiger-Talent Luka Mikulic. Sind das Spieler, die sofort helfen können?
Wir hatten eine Unterbesetzung in der Innenverteidigung und mussten Akteure forcieren, die auf dieser Position nicht ausgebildet worden sind. Wir hatten keinen einzigen Linksfuss-Innenverteidiger im Kader. Prio 1 im Winter war die Suche nach Spielern mit diesem Profil. Mit Beka und Mikulic stehen uns jetzt zwei linksfüssige Innenverteidiger zur Verfügung. Beide haben Speed, Physis und Grösse.
Beka war fast zwei Jahre lang verletzt.
Beka kam auf den Markt und ich wusste, dass er in Wil und in Luzern richtig gut gespielt hat. Gegen ihn zu spielen, war immer sehr unangenehm. In den Gesprächen vermittelte er mir das Gefühl, die womöglich letzte Chance unbedingt packen zu wollen. Ich weiss natürlich, aus welcher Situation er kommt, dass es keine Garantie gibt, ihn wieder auf seinem früheren Level zu sehen; aber ich bin sehr zuversichtlich, dass Ismajl uns helfen wird.
Folgen weitere personelle Anpassungen?
Das kann durchaus sein. Wir haben im Sommer eine 180-Grad-Wende vollzogen, was die Strategie anbelangt. Eine Mannschaft zu bauen, die zu diesem Spielstil passt, braucht vier oder fünf Transferperioden.
Gerald Scheiblehner hat davon gesprochen, dass die Equipe auf dem Zahnfleisch gelaufen sei im Finish vor dem Jahreswechsel – mit vielen Minuten für relativ wenig Spieler.
Die Zusammensetzung der Mannschaft mit vielen Spielern, die nie auf diesem Niveau gespielt haben oder nicht im Rhythmus waren, ist riskant. Dazu kommt eine Spielart, die in dieser Intensität kein Einziger gekannt hat. Es war klar, dass wir dafür irgendwann physisch Tribut zollen würden. Nach dem Derby kippte es, mit Diaby und Meyer kamen zwei Spieler verletzt aus der Nationalmannschaft zurück, und dann folgte eine Verletzung nach der anderen. Wir überlegen natürlich immer, was zu optimieren ist. Auch wenn es mit Ansage gekommen ist, kam es aber nicht infrage, die Intensität im Training oder im Spiel zu senken. Es fand quasi eine natürliche Selektion statt. Wir haben uns für diesen Fussball entschieden. Also brauchen wir Spieler, die bereit sind, das auszuhalten.
Wie fällt Ihre übrige Bilanz aus?
Bei mir hat es schon mit meinem Start in der letzten Saison begonnen. Es ging in der Schlussphase darum, die Liga zu halten. Dann kamen die grossen Fragen: Wie geht es weiter mit dem Trainer, wie mit dem Team? Am Ende hatten wir 17 Abgänge und 15 Zugänge. Wir holten ein komplett neues Trainer-Team und stellten die Philosophie zeitgleich radikal um. Mir war klar, dass die Strategie herausfordernd wird – ich kenne die Konkurrenzsituation in der Super League. Nach einem halben Jahr sind klare Entwicklungsschritte sichtbar, auch wenn das Ganze noch sehr instabil wirkt. Die Spielidee hingegen kommt im Team immer mehr an. Alle verstehen, was der Trainer will.
Die Vorrunde ist geprägt von krassen Schwankungen und Abstürzen. Beim 0:6 in Luzern wirkte die Mannschaft panisch und wie ein hilfloser Haufen. Wie haben Sie jenes Debakel verdaut?
Für mich war das nicht panisch. Es kam eine gewisse Hilflosigkeit der Jungs zum Vorschein. Ich bin in solchen Situationen total ruhig, weil ich weiss, weshalb es so ist. Ich habe das Gleiche während meiner Zeit in St. Gallen zehn-, zwanzigmal erlebt. Mit unserer Art, Fussball zu spielen: vorwärts, vorwärts, hoch stehen und verteidigen, Pressing, Gegenpressing. Wenn du die Basisdinge dann nicht sauber machst, passieren Spiele wie gegen Luzern. Dann kann es schon mal desaströs aussehen, als wäre es nicht mehr aufzufangen. Dabei ist es nur eine Momentaufnahme. Wir haben 0:5 in St. Gallen verloren, drei Tage später kam das 3:3 gegen YB. Dann verlieren wir 0:6 gegen Luzern, eine Woche später gewinnen wir auswärts gegen Winterthur. Ich weiss, dass mit unserem Spielstil solche Ergebnisse inbegriffen sind, bis das Ganze stabiler ist.
Ein früherer Trainer sagte zu uns, GC spiele überdreht, übermotiviert und ungestüm. Die sechs Platzverweise und weit über 300 Fouls passen zur Einschätzung. Gibt es nie die Befürchtung, das Team mit den Vorgaben zu überfordern?
Nein! Aber die Jungs sind schon sehr gefordert, und deshalb war ich auch froh, als die Winterpause kam, damit sie die vielen neuen Impulse mal in Ruhe verarbeiten können. Ich bin aber felsenfest davon überzeugt, dass es der einzige Weg ist, mit dem Team erfolgreich zu sein. Wenn wir jetzt Änderungen machen bei der Spielausrichtung, dann können wir wieder bei Null beginnen, dann haben wir keine Chance.
Das andere GC-Gesicht verbinden die Fans mit dem 6:2-Coup in Bern. Wie haben Sie dieses Statement interpretiert?
Es war vor allem eine grosse Erleichterung für alle, die drei Punkte haben uns extrem gut getan. Es war eine unglaublich gute erste Halbzeit. Inhaltlich stelle ich mir das genau so vor. YB fand keine Lösung, wir haben unser Potenzial ausgespielt. Wir konnten gegen das nominell beste Team der Schweiz mithalten, weil wir auch das Spielglück hatten, das wir aktuell eben noch benötigen. Deshalb kann man das 6:2 nicht nur isoliert betrachten, es kamen verschiedene Aspekte zu unseren Gunsten zusammen; viele Facetten, die wichtig sind für mich.
Trotzdem kommt GC in der Tabelle im dritten Jahr in Folge nicht vom Fleck.
Wenn man die Rangliste anschaut, dann sind wir in einer heiklen Situation – von aussen betrachtet ist es ein Treten an Ort. Das ist nicht zufriedenstellend. Aber die Volatilität im Gesamtkontext war zu erwarten. Wenn man die Tabellensituation wegnimmt, bin ich rein mit der Entwicklung der Mannschaft und einzelnen Spielern zufrieden. Wir haben die drittjüngste Mannschaft Europas, viele eigene Junioren haben den Sprung in die erste Mannschaft und sogar in die Startelf geschafft. Zudem gibt es eine Zahl, die zwar mit Vorsicht zu geniessen ist, aber auch medial immer wieder aufgegriffen wird: der Transferwert der Mannschaft. Begonnen haben wir bei 13 Millionen, nach einem halben Jahr sind wir gemäss dem Portal Transfermarkt bei bereits 20 Millionen angelangt.
Würde ein Abstieg den ganzen Prozess stoppen?
Nein, aus meiner Warte betrachtet nicht. Die Implementierung eines Spielstils, die Implementierung einer Kultur ist unabhängig von der Liga. Aber es wäre ein riesiger Rückschlag.
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Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Thun | 19 | 16 | 40 | |
2 | FC St. Gallen | 19 | 16 | 37 | |
3 | FC Lugano | 19 | 5 | 33 | |
4 | FC Basel | 19 | 8 | 32 | |
5 | BSC Young Boys | 19 | 0 | 29 | |
6 | FC Sion | 18 | 4 | 27 | |
7 | FC Zürich | 19 | -7 | 24 | |
8 | FC Luzern | 19 | 0 | 21 | |
9 | FC Lausanne-Sport | 18 | 0 | 21 | |
10 | Servette FC | 18 | -6 | 20 | |
11 | Grasshopper Club Zürich | 19 | -9 | 17 | |
12 | FC Winterthur | 18 | -27 | 10 |
