Darum gehts
- Schweiz verpasst WM-Halbfinale nach 1:3-Niederlage gegen Argentinien am Sonntag
- Gelb-Rot für Embolo war entscheidend, Argentinien spielte 50 Minuten in Überzahl
- 70 Minuten ohne Verwarnung für Argentinier, Schiedsrichter-Leistung stark kritisiert
Darf man auf die Nati stolz sein?
Ein geschätzter Kollege, bekannt aus Funk und Fernsehen, hat es am Montagmorgen zwischen Tür und Angel so formuliert: Er könne nicht mehr hören, wie stolz man sei. Es ist verständlich, was er meint. Es fühlt sich an, als seien wir zurück im Bereich der ehrenvollen Niederlagen, einfach auf höherem Niveau. Und doch, wenn man das Ganze mit etwas Distanz betrachtet, sieht man: 50 Minuten in Unterzahl gegen den amtierenden Weltmeister, am Ende fehlten zwölf Minuten bis zum Elfmeterschiessen. Die Argentinier taumelten. Natürlich fühlt es sich an wie ein Trostpflaster, wenn man davon spricht, stolz zu sein. Natürlich darf man sich ärgern, dass der Halbfinal in Griffweite war und es am Ende auch wegen eines blöden Platzverweises nicht gereicht hat. Aber stolz? Ja, das darf man sein. Auch wenn es sich bittersüss anfühlt.
Hätte die Nati ohne Embolo-Rot Argentinien geschlagen?
Wo wir schon beim Platzverweis sind, die Fakten: Ohne die Gelb-Rote gegen Embolo bleibt die Schweiz zu elft und dieses Spiel nimmt einen anderen Verlauf. In der zweiten Halbzeit spielen die Schweizer die Argentinier an die Wand. Klingt erstaunlich, ist aber so. Nach dem Ausgleich von Ndoye ist das Gefühl da: Jetzt haben wir sie. Und dann kommt die Embolo-Szene und nimmt der Nati komplett den Wind aus den Segeln. Zur Wahrheit gehört aber auch: Wir wissen nicht, wie das Spiel weitergegangen wäre. Vielleicht hätten sich die Argentinier irgendwann gefangen. Vielleicht hätte Messi einen Geistesblitz gehabt. Vielleicht hätte die Nati auf der Zielgeraden Angst vor der eigenen Courage bekommen. Oder sie hätte die Argentinier mit einem oder zwei weiteren Toren aus dem Turnier gekegelt. Wir werden es nie erfahren. Bittersüss? Vielleicht doch eher: bitter.
Darf ein Weltturnier an der Tagesform eines Schiedsrichters hängen?
Blick-Schiri-Experte Urs Meier hat es auf den Punkt gebracht: Die Leistung von Schiedsrichter Joao Pinheiro war schlecht. Keine Linie, keine Autorität, kein guter Tag. Wie es möglich ist, dass die Argentinier 70 Minuten lang keine Verwarnung kassierten, bleibt ein Rätsel. Nur: Dass sich Embolo hingeschmissen hat, ist genauso ein Fakt. Bereits verwarnt, geht er mit seiner Schwalbe ein Risiko ein. Im für die Schweiz besten Fall bekommt die Nati einen Freistoss im Niemandsland des Mittelfeldes. Im schlimmsten Fall sieht der Schiedsrichter den Täuschungsversuch und stellt ihn vom Platz. Definitiv kein guter Deal. Dass es am Ende ein VAR-Eingriff ist, der ihn überführt und dass dieser nur aufgrund einer neu eingeführten Regelung möglich ist, mag sich grausam anfühlen. Unter dem Strich ist es ein dummer Platzverweis, den nicht der Schiedsrichter und nicht der VAR verursacht haben, sondern Embolo.
Wird Argentinien an dieser WM bevorzugt?
Wer sich in diesen Tagen ins Internet wagt, wird an jeder Ecke damit konfrontiert: Die Behauptung, Argentinien würde an dieser WM gezielt bevorzugt, feiert Hochkonjunktur. Eine Verschwörung sei im Gange, weil der Weltmeister unbedingt wieder in den Final müsse. Was da dran ist? Nix. Natürlich, Ref Pinheiro hat sicher nicht gegen die Argentinier gepfiffen, der Ärger der Schweizer Nationalspieler über seine Leistung ist höchst nachvollziehbar. Aber angenommen, die Fifa würde tatsächlich Komplotte in diesem Stil schmieden, warum sind dann die Portugiesen nicht mehr im Turnier? Deren Kapitän Cristiano Ronaldo ist als Hunderte Öl-Millionen schwerer Fussball-Botschafter Saudi-Arabiens ein wichtiger Player in jenem Königreich, das in acht Jahren die Fifa und ihre WM zu Gast hat. Und bei dieser WM gleichzeitig Garant für hohe Ticketpreise. Wahrscheinlicher ist, dass Erling Haaland recht hat: Der wurde nach Norwegens Viertelfinal-Niederlage gegen England zum Verschwörungs-Geraune befragt. Seine Antwort: Dass die Grossen im Zweifel bevorteilt werden, ist nicht neu.
Können alle diese Entscheide für die Argentinier wirklich Zufall sein?
Man kann immer nach bösem Willen suchen. Aber wie meist im Leben lohnt es sich, sich an Hanlon's Razor zu halten. Die Faustregel besagt: Erkläre nie mit Bosheit, was sich durch Unfähigkeit oder Überforderung erklären lässt. Pinheiro war dem Moment nicht gewachsen. Einen Tabubruch hat die Fifa begangen, als sie Folarin Balogun begnadigt und ihn trotz Platzverweis für den US-Achtelfinal gegen Belgien nicht gesperrt hat. Sie muss darum damit leben, dass nun hinter jeder Ecke nach einer Verschwörung gesucht wird. Aber das macht noch nicht jede Verschwörungstheorie wahr.
War diese WM für die Schweiz ein Fortschritt?
Wer die Schweizer Nati in den letzten Jahren verfolgt hat, weiss: Diese Mannschaft hat das Zeug zu einer solchen Leistung. Die Schweizer wussten, dass die Argentinier zu knacken sind, haben das im Vorfeld des Spiels auch vermittelt. Dann spielten sie eine biedere erste Halbzeit, ehe sie den Tritt fanden und sich dann selber bremsten. Der Rest ist Geschichte. Ja, diese WM war ein Fortschritt und doch wird für immer die Frage bleiben: Was wäre gewesen, wenn? Die viel wichtigere lautet: Wann kommt diese Chance wieder?
Füge jetzt die Fussball-Nati deinen Teams hinzu, um nichts mehr zu verpassen.




