Keeper Joël Mall ordnet die Genfer Problemlage ein
«Es ist extrem viel schiefgelaufen»

Servette-Keeper Joël Mall (34) wagt im Gespräch mit Blick einen Erklärungsansatz für den Absturz des letztjährigen Super-League-Zweiten. Die Probleme sind vielschichtig und reichen weit zurück: Sie hätten viel unverdauten Europa-Frust zu lange im Alltag mitgeschleppt.
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«Es ist extrem viel schiefgelaufen», bilanziert Servette-Keeper Joël Mall im Gespräch mit Blick.
Foto: Pascal Muller/freshfocus

Darum gehts

  • Joël Mall kämpft bei Servette Genf mit Unsicherheit und fehlender Stabilität
  • Mall fordert klare Kommunikation und betont die Bedeutung von Teamgeist
  • Servette: 5 Siege in 18 Spielen, Absturz auf den drittletzten Platz
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Sven SchochReporter Sport

Joël Mall hat in seinen bisher zweieinhalb Genfer Jahren einige Lektionen für das Leben gelernt – resilient zu sein, gehört dazu. «Ich habe mental viel durchgemacht. Ich kann inzwischen besser mit dem eigenen Ego umgehen. Je älter ich werde, desto einfacher fällt mir diese Einordnung.» Man lebe besser, wenn sich «nicht immer alles um einen selber dreht», gewährt der Torhüter mehr als einen rudimentären Einblick.

Für ihn persönlich gilt, was auch zum grossen Genfer Bild passt: Es fehlt die nötige Stabilität, bei zu vielen Themen schweben gewisse Zweifel mit. Mall duelliert sich seit seiner Ankunft mit Jérémy Frick, der allerdings immer wieder verletzt ausfällt. Nie war ganz klar, wer von beiden die Nummer 1 ist. «Es kommt immer sehr auf den Austausch an», kommentiert Mall die unübersichtliche Lage, die man auch als Schlingerkurs der Verantwortlichen betiteln könnte. «Ideal ist es bis heute nicht gelöst, aber Jérémy und ich haben ein gutes Verhältnis. Wir reden da offen miteinander. Jeder kann sich in die Lage des anderen versetzen.»

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Seine persönliche Ambition ist angesichts der Krise klar: «Ich will ein Leader sein. Klar will ich auch spielen, aber ich möchte primär Teil eines erfolgreichen Teams sein. Da stelle ich auch meine eigenen Interessen zurück. Was ich aber auch will, ist eine klare Kommunikation.» Einen Plan, eine Ansage, eine Linie. Alles Übrige sei nicht förderlich, aber «mit dem muss ich leben als Profi. Deshalb stelle ich mich voll in den Dienst der Mannschaft. Auf alles andere habe ich keinen Bock, auf schlechte Laune schon gar nicht. Gute Spieler allein reichen nicht, die Garderobe ist entscheidend, die Ambiance und der Teamgeist machen in knappen Partien den Unterschied.»

Unruhe nach dem Aufschwung

Mall hat mit den Grenats innerhalb der letzten zwei Saisons zunächst einen kräftigen Aufschwung erlebt. Von der jüngsten Genfer Renaissance ist nicht mehr viel übrig geblieben, stattdessen ist der Abschied aus der Beletage Tatsache: nur fünf Siege in 18 Liga-Spielen, der Absturz auf den drittletzten Platz, im Cup blamabel am Zweitligisten Yverdon gescheitert, im Europacup nach der missratenen Champions-League-Qualifikation spurlos verschwunden.

Der Keeper redet nichts schön. Für den Zerfall nach «zwei überragenden Jahren» wählt der 34-Jährige eine unzimperliche Einschätzung: «Worst Case! Es ist extrem viel schiefgelaufen.» Mall schweift gedanklich zurück in den Sommer und erinnert sich an die Ausgangslage in der 2. Quali-Runde der europäischen Eliteklasse. «Wir haben nach dem 1:0 in Pilsen zu Hause sogar geführt und sind dann trotzdem ausgeschieden. Das war ein mentaler Knackpunkt. Danach hatten wir gegen Utrecht keine Chance und später noch Lospech mit Donezk in den Playoffs zur Conference League.»

Die kumulierten Enttäuschungen im Europacup-Geschäft hinterlassen tiefe Furchen im eingespielten Ensemble. Eine wichtige Plattform fällt weg. Das Selbstverständnis verflüchtigt sich, erste Sinnfragen keimen auf. Coach Thomas Häberli ist sofort unter Druck und verliert am 4. August seinen Job. «International nicht dabei zu sein, war und ist sehr hart und ärgerlich. Für alle Spieler, für den ganzen Klub», taxiert Mall den heiklen Saisonauftakt im Gespräch mit Blick kritisch. «Diese schwere Enttäuschung haben wir in der Super League zu lange mitgeschleppt. Wir konnten sie nicht zurücklassen.»

Häberli-Ersatz Jocelyn Gourvennec, ein Franzose mit mehrjähriger Erfahrung in der Ligue 1 bei Nantes, Lille und Bordeaux, tut sich ebenfalls schwer. «Wir hatten mehr Verletzte als üblich. Es kam alles zusammen. Fast jeder blieb unter seiner Leistungsgrenze. Eine schwierige Situation – für jeden Trainer», fasst Mall die Problematik der Trainer-Rochade zusammen. «Es ist schwierig, ein Team ohne Selbstvertrauen zu übernehmen, wenn du nicht alle Umstände kennst und die Liga neu ist. Ich denke, seine guten Ansätze und seine Handschrift kommen erst jetzt zum Tragen.» Das Profil der beiden Coaches beschreibt Mall als sehr unterschiedlich: «Häbi war sehr nahe bei den Spielern, sehr herzlich, ein unglaublich guter Mensch. Gourvennec ist eher distanzierter, klarer, autoritärer und strenger. Beides kann zielführend sein, wenn es authentisch und konsequent ausgeführt wird – es gibt da keinen richtigen oder falschen Ansatz.»

Unabhängig vom Richtungswechsel an der Seitenlinie: Die Qualität der Equipe sei respektabel, «auch wenn wir auf allen Ebenen einen oder zwei Schritte zurückbuchstabiert haben». Vieles sei eine Frage der Konstanz: «Wir haben uns immer wieder gefangen, dann kam der nächste Nackenschlag. Ich habe selten solche Schwankungen erlebt. Hoffentlich haben wir dieses Problem während der Ferien etwas einordnen und verarbeiten können. Mit neuem Elan, mit einer besseren Mentalität wird es möglich sein, aus der Misere zu kommen.» Seine Rückrunden-Prognose ist simpel: «Klar ist einzig, dass wir sofort stabiler werden müssen – nur so können wir uns von unten verabschieden und die Top 6 anvisieren. Das ist unser Fahrplan.»

Der unruhige Schauplatz Genf

Insidern fällt auf, dass es im Organigramm bei Servette immer wieder zu Anpassungen kommt. Hervé Broch ist seit Juni 2024 Präsident und hat im letzten Frühjahr den Vertrag von Häberli in Eigenregie verlängert. Die im Sommer neu formierte Kommission im Sportbereich (mit Alain Geiger, Gérard Bonneau und Scout Yoan Loche) stimmte den Chef dann aber ziemlich rasch um. Ende November wird eine nächste gewichtige Änderung publik: Didier Fischer (66), der mächtige Boss der Genfer Stiftung 1890, hat sich nach zehn intensiven Jahren zurückgezogen; seit Anfang Januar bestimmt der Bankier Grégoire Pictet (43) künftig den Kurs der Fussball- und Hockey-Organisation unter dem gemeinsamen Servette-Dach.

Mall spürt die Neuausrichtung, ihn interessieren die wirtschaftlichen und operativen Vorgänge bei seinem Arbeitgeber. Privat beschäftigt sich der Sportler schon länger mit strategischen Themen: «Ich habe Marketing und Sportmanagement studiert. Bei der Uefa habe ich eben erst ein mehrteiliges Modul absolviert.» Er weiss nicht nur aufgrund seiner eigenen Studien, was erheblich ist im Spitzensport: «Eine gute Kommunikation von allen Beteiligten mit einer klaren und funktionierenden Rollenverteilung.» Während der Zusammenarbeit mit dem Ex-Sportchef und -Trainer Weiler hat er viel aufgesogen: «Mir imponierte, wie René Dinge veränderte und alles auf den Erfolg ausrichtete. Er hat die Konflikte nicht gesucht, ist ihnen aber auch nicht aus dem Weg gegangen.»

Kein USA-Transfer

Gab es nie die Überlegung, dem früheren Mentor in die USA zu folgen? Weiler coacht seit letztem Juli DC United in der Major Soccer League. Die Antwort kommt ohne ein Zögern: «Für mich ist das kein Thema. Wir haben als Familie bereits viele Abenteuer hinter uns. Die Kinder sind jetzt eingeschult und meine Frau ist beruflich eingebunden.» Er wolle nicht alle «wieder herausreissen», es gebe Wichtigeres, als das Salär zu verdoppeln. «Ich will eine gesunde Familie, eine gesunde Partnerschaft.»

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