Sascha Britschgi ist mit 19 Serie-A-Stammspieler – und bald in der Nati?
«Mein Leben fühlt sich an wie ein Traum»

Vor wenigen Monaten noch ein Geheimtipp – heute Stammspieler in der Serie A: Sascha Britschgi (19) sorgt in Parma für Furore. Blick hat den wertvollsten Schweizer Teenager in Italien besucht.
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Foto: TOTO MARTI
Britschgi im Fokus: Schweizer Hoffnung für die WM 2026

Bis vor einem halben Jahr kannten seinen Namen nur wenige. Inzwischen ist Sascha Britschgi (19) mit einem Marktwert von 7 Millionen Franken der wertvollste Schweizer Teenager und unter den Schweizer Rechtsverteidigern jener mit den meisten Einsatzminuten in einer Top-5-Liga. 

Beim Serie-A-Klub Parma ist Britschgi längst Stammspieler. Allein deshalb müsste der Luzerner mit Wurzeln im Kamerun längst ein Mann für die Schweizer A-Nati sein. Im März wird er voraussichtlich aber noch für die U21 auflaufen. Performt er aber weiter so, wird Murat Yakin (51) bald nicht mehr um ihn herum kommen. Vielleicht schon im Frühsommer, wenn das WM-Aufgebot rauskommt. Um das aufstrebende Talent besser kennenzulernen, ist Blick nach Parma gereist.

Blick trifft den jungen Luzerner in der Oper von Parma – dem Teatro Regio.
Foto: Toto Marti


Um Punkt 15 Uhr erscheint Britschgi am vereinbarten Treffpunkt. «Pünktlichkeit ist eindeutig eine meiner Schweizer Eigenschaften. Von meiner kamerunischen Seite habe ich dafür die Lebensfreude – ich tanze und lache ständig», beschreibt er sich selbst. Wir treffen uns am Teatro Regio, einem der renommiertesten Opernhäuser der Welt. Klassische Musik gehört zwar nicht unbedingt zu seinen bevorzugten Stilrichtungen – er hört lieber Afro-Musik sowie Französisch- und Englisch-Rap –, doch vom imposanten Bau zeigt sich der Teenager dennoch beeindruckt.

Nati-Hoffnung Sascha Britschgi zeigt sein Necessaire
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Haarpflege dominiert:Nati-Hoffnung Sascha Britschgi zeigt sein Necessaire

Unser Gespräch führen wir in Loge Nummer 27 – nicht zufällig. Es ist seine Rückennummer, gewählt in Anlehnung an sein Geburtsdatum.

Blick: Träumen Sie schon von der WM?
Sascha Britschgi: Mein Traum ist es, irgendwann mit der A-Nati aufzulaufen. So nah dran wie aktuell war ich noch nie. Jetzt liegt mein Fokus aber noch voll auf Parma und der Serie A sowie auf der U21-Nati. Die WM im Sommer wäre ein noch viel grösseres Ding. Ich werde weiter Gas geben, dass ich alle meine Träume erfüllen kann.

«Ich höre lieber Afro Musik sowie Französisch- und Englisch-Rap, als klassische Musik», sagt Britschgi zu Blick.
Foto: Toto Marti

Gab es schon einen Anruf von Nati-Coach Murat Yakin?
Mit ihm nicht, dafür mit Assistenztrainer Davide Callà. Er hat mir gesagt, dass sie mich auf dem Radar haben und ich so weitermachen und hungrig bleiben soll.

Sie gelten seit vielen Jahren als grosses Talent. Trotzdem bekamen Sie in der U-Nati nur wenige Chancen. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?
Ich war immer enttäuscht, wenn ich kein Aufgebot erhalten hatte. Ich wusste zwar, dass ich zwei gute Konkurrenten auf meiner Position habe. Trotzdem fragte ich mich damals, wieso ich nicht mit dabei war. Nach dem U19-Cupsieg mit Luzern war es aber eine Frage der Zeit, bis ich meine Chance kriege.

Nati-Hoffnung Sascha Britschgi zeigt sein Necessaire
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Haarpflege dominiert:Nati-Hoffnung Sascha Britschgi zeigt sein Necessaire

Diese Art von Sorgen sind bei Britschgi, der die gesamte Luzerner Nachwuchsabteilung durchlaufen hat, längst Geschichte. Er hat den Profidurchbruch geschafft. In diesem Sommer wagte er den Sprung in die Serie A. Notabene: nach nur drei Spielen in der Super League. Für manche Experten ein zu grosser Schritt. Britschgi hat längst alle eines Besseren belehrt. Und nicht nur für ihn hat sich der Transfer gelohnt. Auch der FC Luzern, der knapp 4 Millionen Franken kassiert hat, hat davon profitiert. 

Weshalb ist Parma die richtige Entscheidung?
Parma ist in puncto Jugendförderung eines der besten Teams in Europa. Und vom allerersten Gespräch mit dem Trainer und dem Sportchef hatte ich ein gutes Gefühl. Ich spürte, dass man mich fördern will und Parma ein sehr vertrauter Klub ist, in dem man den Jungen eine Chance gibt.

Hatten Sie keine Zweifel?
Nein. Ich war mir zu 100 Prozent sicher. Solche Chancen bekommt man nicht oft im Leben. Mir war egal, was andere gesagt haben – ich habe mein Ding durchgezogen. Und ich hatte die volle Unterstützung meiner Familie. Meine Mutter hat vor Freude geweint, als sie davon erfahren hat.

Erst im letzten Sommer wechselte er von Luzern nach Italien.
Foto: Martin Meienberger/freshfocus

Wie haben Luzern-Sportchef Remo Meyer und Trainer Mario Frick auf Ihren Transfer reagiert?
Als Kind war ich oft bei Remo Meyer zu Hause, weil ich gut mit seinem Sohn Sascha befreundet bin. Er kennt mich deshalb sehr gut – weiss, wie ich ticke und was ich brauche. Er hat mich voll unterstützt. Auch Trainer Frick fand den Schritt cool, zumal er selbst als Spieler in Italien war.

Als Sie nach Italien kamen, kannte Sie niemand. Wie hat es sich angefühlt, als Sie zum ersten Mal die Kabine betreten haben?
Der Respekt war gross. Ich war anfangs eher zurückhaltend – ich war ja erst seit wenigen Monaten Profi und kam aus der «kleinen» Super League. Auf dem Platz wollte ich mich aber sofort zeigen. Das ist mir ganz ordentlich gelungen.

Der Altersschnitt bei Parma ist ziemlich tief. Selbst Trainer Carlos Cuesta ist erst 30-jährig. Hat Ihnen das beim Einleben geholfen?
Auf jeden Fall. Trotzdem musste ich erst realisieren, dass Serie-A-Spieler auch nur normale Menschen sind. Danach fiel es mir leicht, Kontakte zu knüpfen. Inzwischen habe ich viele Kollegen im Team.

Der eindrückliche Opernsaal gefällt ihm. Britschgi bevorzugt aber nach wie vor das Fuss
Foto: Toto Marti

Sie leben mit Ihrem älteren Bruder zusammen. Was macht er eigentlich während Ihrer Trainings?
Er arbeitet von hier aus für ein Schweizer Unternehmen, lernt Spanisch und Italienisch und erledigt die Einkäufe.

Und wie steht es um Ihre Italienisch-Kenntnisse?
Ganz gut. Ich verstehe immer mehr und spreche immer fliessender. Dank einer Sprach-App und vielen Einzelstunden.

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Das Interview führen wir in der Loge Nummer 27 – nicht zufällig. Es ist seine Rückennummer.
Foto: Toto Marti

Just in diesem Moment kriegt Britschgi eine Nachricht seines Sprachlehrers. Die Botschaft: diese Woche stehen zwei Lektionen statt nur eine auf dem Programm. Nach dem Besuch der Oper spazieren wir in Richtung Stadio Ennio Tardini. Vorbei an der Piazza Garibaldi und an Britschgis Lieblingsrestaurant Sorelle Picchi. «Ich liebe Torta fritta. Das könnte ich jeden Tag essen. Leider ist es nicht so gesund», sagt er und lächelt. Rund zwanzig Minuten dauert unser Spaziergang. Beim Stadion angekommen, besuchen wir das Klubmuseum. Alle Klublegenden sind da abgebildet. Darunter Antonio Benarrivo (57) oder auch ein junger Carlo Ancelotti (66). Der heutige Brasil-Coach stammt aus dieser Region und war Spieler sowie Trainer bei den Gialloblù. Auch die vielen Trophäen, die der Klub in den Neunziger gesammelt hat, sind hier ausgestellt. Britschgi ist davon beeindruckt. 

Nach dem Oper-Besuch spazieren wir zum Stadio Ennio Tardini – vorbei an der Piazza Garibaldi.
Foto: Toto Marti

Hatten Sie in der Zwischenzeit mal Zeit, um zu begreifen, wie viel bei Ihnen persönlich in diesem Jahr abgegangen ist?
Eigentlich nicht. Mein Leben fühlt sich aktuell wie in einem Traum an. Bis vor ein paar Monaten schaute ich die Spiele von Inter, Juventus und Milan noch im TV. Jetzt stehe ich auf demselben Platz wie Luka Modric und Co. und kann mich auf Fifa selber auswählen. Das ist schon verrückt. Ich versuche, die Momente so gut es geht, bewusst zu leben und zu geniessen. Letztlich bin ich aber einfach nur dankbar dafür, was ich habe.

Das ist Sascha Britschgi

Sascha Britschgi ist am 27. August 2006 in Luzern geboren. Er ist der zweite Sohn einer Kamerunerin und eines Innerschweizers. Gemeinsam mit seinem Bruder Yan lebt er heute mitten in Parma. Seit seiner Kindheit ist Britschgi grosser BVB-Fan – nicht zuletzt, weil ein Teil seiner Familie mütterlicherseits in Dortmund zu Hause ist.

Sascha Britschgi ist am 27. August 2006 in Luzern geboren. Er ist der zweite Sohn einer Kamerunerin und eines Innerschweizers. Gemeinsam mit seinem Bruder Yan lebt er heute mitten in Parma. Seit seiner Kindheit ist Britschgi grosser BVB-Fan – nicht zuletzt, weil ein Teil seiner Familie mütterlicherseits in Dortmund zu Hause ist.

Was gefällt Ihnen am Leben in Italien besonders gut?
Natürlich das fantastische Essen. Aber vor allem die Fan-Kultur beeindruckt mich. Was die Fans für ihren Klub auf sich nehmen, wie weit sie reisen und wie sie ihr Team unterstützen – das ist noch einmal eine andere Dimension. Fussball wird hier wirklich gelebt.

Welches Stadion hat Sie bislang am meisten beeindruckt?
Das Stadio Maradona in Napoli. Meine Ohren sind da fast explodiert. Aber auch das San Siro oder das Stadio Olimpico beim Spiel gegen die AS Roma waren krass. Da kommt mir eine Anekdote in Sinn.

Kuckuck! Durch diese Holztür gelangt man in die Garderobe von Parma.

Erzählen Sie.
Ich schaue während dem Aufwärmen immer wieder mal auf die Tribüne – einfach, um die Atmosphäre aufzusaugen. In Rom hat wirklich jeder Einzelne gesungen und geschrien, das war unglaublich. Zudem habe ich dort zum ersten Mal eine richtige Lichtershow erlebt. Wir waren schon auf dem Platz, als die Roma-Spieler kamen – plötzlich ging das Licht aus. Ich habe den Ball nicht mehr gesehen und mich kurz gefragt, was jetzt eigentlich passiert. Das ist schon eine andere Welt.

Und gibt es Spieler, die Sie besonders beeindruckt haben?
Gegen Riccardo Orsolini von Bologna und Leonardo Spinazzola von Napoli habe ich schon gemerkt, dass ich auf einem höheren Niveau mit mehr Tempo spiele. Da kam ich schon ins Schwitzen. Zum Glück haben mir meine Mitspieler geholfen.

Letzte Saison rettete sich Parma erst am letzten Spieltag. Diese Spielzeit sieht es aus, als ob ihr den Klassenerhalt früher sichern könnt.
Wir sind jung, aber sehr talentiert. Spieler wie Mandela Keita, Mateo Pellegrino oder Adrian Bernabé bringen viel Qualität mit. Wenn wir so weitermachen, müssen wir jedenfalls nicht mehr um den Klassenerhalt zittern.

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«Als ich die Kabine zum ersten Mal betragt, war ich anfangs eher zurückhaltend», gesteht Britschgi.
Foto: Toto Marti

Haben Sie sich für den Sommer ein konkretes Ziel, etwa mehr Assists zu erzielen?
Bei den Torbeteiligungen habe ich mir noch keine konkreten Zahlen vorgenommen. Zuerst geht es darum, mich defensiv zu verbessern. Der Trainer und der Captain betonen immer: zuerst die Defensive, dann das Offensivspiel. Darauf konzentriere ich mich.

Wie gefällt Ihnen der taktisch geprägte italienische Fussball?
Sehr. Er ist unglaublich interessant – und extrem physisch. Ich bin schon einigen «Türmen» begegnet. Ein solcher ist Manu Akanji. Ihn live zu erleben, ist noch einmal eine ganz andere Dimension, als ihn im Fernsehen zu beobachten. Er wirkt unglaublich souverän, macht praktisch keine Fehler und dominiert die Duelle mit seiner Physis und seiner Spielintelligenz. Das ist schon extrem beeindruckend.

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Ein grosses Thema in unserem Gespräch: die Nati. «So nah dran wie aktuell war ich noch nie», sagt er.
Foto: Martin Meienberger/freshfocus

Apropos Physis: In Luzern wurden Sie in allen drei Profi-Spielen von Krämpfen ausgebremst. Kaum waren Sie in Parma, spielten Sie durch. Wie haben Sie das geschafft?
Ich habe schon zu Luzerner Zeiten vieles ausprobiert – Gels, Salz und andere Ergänzungsmittel. Doch nichts davon hat wirklich geholfen. Inzwischen setze ich auf Nahrungsergänzungsmittel, die mir mein Ernährungsberater empfiehlt. Mit diesen Supplementen fühlt sich mein Körper jedes Mal wie neu an. Zudem habe ich meine Ernährung umgestellt. Seitdem habe ich nur noch sehr selten Krämpfe. Am Anfang hätte ich nicht gedacht, dass so etwas überhaupt möglich ist.

Trainieren Sie auch anders als zuvor?
Die Trainings auf dem Platz sind viel intensiver. Ich erinnere mich an meine erste Einheit, als ich so fertig war, wie wohl noch nie. Und auch das Krafttraining ist anders.

Wie viel Muskelmasse haben Sie in diesem halben Jahr zugenommen?
Wir gehen monatlich zu unserer Nutritionistin. Bei ihr sehen wir, wie sich das Körperfett und die Muskelmasse verändern. Bei mir sind seit Sommer schon mehr als 2 Kilo Muskeln dazugekommen.

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Der Klub aus der Emilia Romagna hat eine grosse Vergangenheit. Britschgi ist von den Trophäen beeindruckt.
Foto: Toto Marti

Sie haben vorhin Akanji angesprochen. Konnten Sie nach dem Spiel gegen Inter noch mit ihm sprechen?
Ja, wir haben das Trikot getauscht. Das hat einen speziellen Platz in meiner Wohnung erhalten. Er hat mir gesagt, ich sei auf einem guten Weg und ich soll gut auf meinen Körper achten, denn der Körper ist das Kapital eines Fussballers.

Und wie sind Sie mit ihm verblieben?
Er meinte: «Hoffentlich bis bald.» Das hoffe ich auch. Das würde bedeuten, dass ich ebenfalls Teil der Nati werden könnte. Im Fussball kann alles schnell gehen – das hat mir dieses Jahr gezeigt.

Serie A 25/26
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Inter Mailand
Inter Mailand
28
42
67
2
AC Mailand
AC Mailand
28
24
60
3
SSC Neapel
SSC Neapel
28
14
56
4
Como 1907
Como 1907
28
25
51
5
AS Rom
AS Rom
28
17
51
6
Juventus Turin
Juventus Turin
28
22
50
7
Atalanta BC
Atalanta BC
28
13
46
8
Bologna FC
Bologna FC
28
3
39
9
Sassuolo Calcio
Sassuolo Calcio
1:1
28
-2
39
10
Udinese Calcio
Udinese Calcio
28
-8
36
11
Lazio Rom
Lazio Rom
1:1
28
-1
35
12
Parma Calcio
Parma Calcio
28
-12
34
13
Genua CFC
Genua CFC
28
-6
30
14
Cagliari Calcio
Cagliari Calcio
28
-8
30
15
FC Turin
FC Turin
28
-21
30
16
US Lecce
US Lecce
28
-17
27
17
AC Florenz
AC Florenz
28
-12
25
18
US Cremonese
US Cremonese
28
-18
24
19
Hellas Verona
Hellas Verona
28
-27
18
20
Pisa SC
Pisa SC
28
-28
15
Champions League
UEFA Europa League
Conference League Qualifikation
Abstieg
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