«Kein zufälliger Exzess»
Hitler-Verherrlichung bei Thun-Gegner Split

Die Fans von Thun-Gegner Hajduk Split sorgten letzte Woche mit Nazi-verherrlichenden Gesängen für einen Eklat beim Spiel gegen Ajax Amsterdam. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Kroatien hat ein Faschismus-Problem.
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Die Fans von Hajduk Split schockierten vor dem Spiel gegen Ajax mit Nazi-Hassgesängen.
Foto: Getty Images

Darum gehts

  • Hajduk-Fans skandierten vor dem Ajax-Spiel antisemitische Parolen; am Donnerstag spielen die Kroaten in Thun
  • Die Ultragruppierung Torcida zeigte schon ab den späten 80ern Ustasa-Zeichen; viele zogen als faschistische Freischärler in den Krieg
  • Kroatische Politik toleriert teilweise faschistische Symbole; Schulen vernachlässigen Geschichte
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Carlo SteinerRedaktor Sport

Es sind schockierende Bilder aus Kroatien, die letzte Woche um die Welt gehen. Vor dem Spiel in der Conference League am Donnerstag zwischen Hajduk Split und Ajax Amsterdam kommt es auf Seiten der Heimfans zu massiven antisemitischen Entgleisungen.

Der 2:1-Erfolg mit einem Tor und einer Vorlage der FCB-Leihgabe Marin Soticek (22) wird zur Randnotiz. Es ist bei Weitem nicht der erste Vorfall mit Neonazis in einem Land, das seine faschistische Vergangenheit bis heute nicht richtig aufgearbeitet hat.

«Zerstampft die Juden», «Hitler, auferstehe» und Ähnliches wird skandiert – die Hassgesänge vom Fanmarsch gehen unter die Haut. Am Donnerstag ist Hajduk in Thun zu Gast. Wird das Berner Oberland nun zum Schauplatz der nächsten Nazi-Eskapade?

Das faschistische Erbe der Ultras

Die Ultragruppierung Torcida ist für ihre rechte Gesinnung bekannt. Bereits zu Zeiten Jugoslawiens (bis 1992), als in Sachen Nationalismus Nulltoleranz herrschte, lebte dieser auch in Fan-Kreisen mehrheitlich hinter den Kulissen weiter. In den späten 80er-Jahren, als nationale Kräfte an Einfluss gewannen und Jugoslawien schliesslich in einem blutigen Krieg zerfiel, tauchten in diversen Fanszenen erste Ustasa-Zeichen auf.

Das Ustasa-Regime, ein faschistisches Marionettenregime von Hitlers Gnaden, ermordete im Zweiten Weltkrieg rund eine halbe Million Menschen – vorwiegend Serben und Juden. Im Unabhängigkeitskrieg in den 90er-Jahren wurden Ustasa-Symbole, wie zum Beispiel der Gruss «Za dom spremni» («Für das Vaterland bereit») – allen voran von den Freischärlern der Kroatischen Verteidigungskräfte (Hrvatske obrambene snage; HOS) – wieder aufgenommen. Viele Mitglieder der Torcida zogen für die HOS, die auch für Kriegsverbrechen verantwortlich waren, in den Krieg.

«Neue Eskalationsstufe ist kein Zufall»

Dass es gerade gegen Ajax zu dieser Eskalation gekommen ist, hat auch mit dem Gegner zu tun. Amsterdam hat seit jeher eine grosse jüdische Bevölkerung. Bei Gastspielen sahen sich die Fans regelmässig Schmähungen ausgesetzt. Aus Protest begannen Teile der Fans mit der Zeit, sich selbst als Juden zu bezeichnen. Ähnliche Szenen sind daher in Thun nicht zu erwarten.

Trotz der zweifelhaften Geschichte der Torcida stellen die jüngsten Ereignisse aufgrund des Ausmasses eine neue Eskalationsstufe dar, waren Symbole der deutschen Nationalsozialisten doch bisher die Ausnahme. «Es ist kein zufälliger Exzess, sondern die logische Folge politischer Versäumnisse», erklärt Neven Barkovic gegenüber Blick. Als Redaktor des meistgelesenen Medienportals Kroatiens, Index.hr, befasst er sich seit Jahren mit dem Rechtsextremismus im Land.

Doppelmoral bezüglich eigener Geschichte

Kroatien wird seit dem Unabhängigkeitskrieg fast durchgehend von der rechtskonservativen HDZ regiert, die wegen des Umgangs mit der Ustasa-Vergangenheit regelmässig in der Kritik steht. Der aktuelle Premierminister Andrej Plenkovic (56) fasst die Rechte mit Samthandschuhen an.

Der Gruss «Za dom spremni» ist in Kroatien verfassungswidrig. Dies haben Gerichte unter anderem im Fall des ehemaligen Captains des Nationalteams, Josip Simunic (48), der den Gruss einst in ein Fan-Megafon geschrien hat, bestätigt. Juristisch wird der Gruss jedoch toleriert, wenn er im Kontext des Unabhängigkeitskriegs verwendet wird.

«Mit dieser doppelten Konnotation sendet die Regierung ein Signal an die Extremisten. Sie hat Angst vor dem Konflikt mit der Rechten», erklärt Journalist Barkovic. «Von der Verherrlichung der einheimischen Nazi-Kollaborateure sind sie nun beim Bejubeln von Hitler angekommen.»

Probleme im Bildungssystem

Die Wurzel des Problems sieht Barkovic im Bildungssystem und den sozialen Medien. Die Schulen würden die moderne Geschichte seit Jahrzehnten vernachlässigen. Viele ungebildete Jugendliche bewegen sich in Internet-Bubbles, die Unwahrheiten in die Welt setzen. Ausländer werden vermehrt zum Feindbild. In der jüngeren Vergangenheit kam es vermehrt zu Angriffen von Hooligans auf serbische Minderheiten und andere Ausländer, die oft aber nur milde Strafen zur Folge hatten.

Trotz allem ist Barkovic überzeugt, dass die Mehrheit der Kroaten Rechtsextremismus ablehnt. «Im kollektiven Bewusstsein werden die Ustasa viel weniger mit Massenmorden assoziiert als Hitler, obwohl dieselben Verbrechen auch in Kroatien stattfanden.» Dieses Widerspruchs würden sich immer mehr Leute bewusst werden.

Ein Startschuss also für eine Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und Gegenwart? Das bleibt abzuwarten.

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