So wird die Abseitslinie vor jedem Match errechnet
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Erklärvideo zeigt:So wird die Abseitslinie vor jedem Match errechnet

Geplante Revolution
Warum die Änderung der Abseits-Regel eine Schnapsidee ist

Arsène Wenger nervt sich über Millimeter-Entscheidungen beim Abseits. Die Lösung des Fifa-Oberen für das Problem aber würde den Fussball massiv verändern. Und das nicht zum Guten.
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Er findet die aktuelle Abseitsregel «frustrierend». Arsène Wenger, Ex-Arsenal-Trainer und Direktor für globale Fussballförderung bei der Fifa.
Foto: FIFA via Getty Images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Arsène Wenger will Abseitsregel ändern, Kanada testet Anpassung ab April
  • Neue Regel gibt Stürmern grossen Vorteil, könnte Spielstil grundlegend ändern
  • Laut Wenger fallen derzeit zu wenige Tore
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Florian RazReporter Fussball

Die Idee ist auf den ersten Blick bestechend. Die aktuelle Abseitsregel nervt, weil Stürmern mit dem Videobeweis Tore weggenommen werden, wenn sie eine Zehenlänge im Abseits stehen. «Frustrierend» findet Arsène Wenger (76) die Situation.

Und weil der Ex-Arsenal-Trainer bei der Fifa den Titel «Direktor für globale Fussballförderung» trägt, hat er sich eine Regeländerung ausgedacht: Angreifer sollen neu nur noch dann im Abseits stehen, wenn sie komplett hinter dem letzten Verteidiger sind. Kanada ist so begeistert, dass es die Regel ab April in seiner Premier League einführt.

Laut Wenger werden gleich mehrere Probleme gelöst. Es soll zu weniger und schnelleren VAR-Eingriffen kommen. Die Stürmer sollen einen Vorteil erhalten. Und es sollen in der Folge mehr Tore fallen, weil weniger aberkannt werden.

Klingt spontan grossartig. Ist aber bei genauerem Hinsehen eine Schnapsidee. Und nicht nur das. Würde die Abseitsregel nach Wengers Vorstellung geändert, könnte sich das Spiel grundsätzlich verändern. Fünf Punkte, die gegen den Wenger-Plan sprechen.

Das Video-Problem bleibt

Video-Beweis bleibt Video-Beweis. Oder wie es Sascha Amhof sagt, Leiter des Ressorts Schiedsrichter beim SFV: «Für die Schiedsrichter bleibt die Aufgabe dieselbe: Wo ist der Berührungs- und Beurteilungspunkt der Spieler für das Abseits? Ob das jetzt vorne die Nase des Stürmers ist, oder hinten der Stollen am Schuh, macht keinen Unterschied. Vor allem darf man nicht naiv sein und denken, dass es keine Diskussionen mehr darüber geben würde, ob jemand im Abseits steht – oder eben nicht.»

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Der Vorteil des Stürmers wird zu gross

Die Schrittlänge eines 180 Zentimeter grossen Mannes im Sprint beträgt rund eineinhalb Meter. Stellen wir uns also vor, dass ein Stürmer in Richtung Tor rennt und der Verteidiger in die andere Richtung, um ihn ins Abseits laufenzulassen. Dann kann der vordere Fuss des Stürmers drei Meter näher am Tor sein als der hintere Fuss des Verteidigers – ohne dass der Stürmer im Abseits steht.

Aber auch bei weniger krassen Beispielen kann der Angreifer locker mit eineinhalb Metern Vorsprung in Richtung Tor starten, ohne zurückgepfiffen zu werden.

Das Spiel verändert sich fundamental

Der Vorteil der Angreifer wird sich sofort auf das Spiel auswirken. Kein Trainer im Profifussball riskiert, dass seine Verteidiger regelmässig mit riesigem Rückstand ins Laufduell mit den Stürmern gehen.

Die einfachste Lösung: Verteidiger stehen viel näher am eigenen Tor als heute. Was wiederum verhindert, dass Mannschaften ihre Gegner in deren Platzhälfte angreifen. Teams können ja nur hoch pressen, wenn sie das Spielfeld mit der Abseitsfalle künstlich verkürzen.

Die Grund-Idee des modernen Fussballs wäre damit erst einmal tot. Tore durch Standards würden noch wichtiger als jetzt schon. Möglich, dass Trainer-Genies auf andere Lösungen kommen – klar ersichtlich sind sie nicht.

Es fallen gar nicht zu wenig Tore

Wenn Wenger erklärt, warum die Abseitsregel verändert werden muss, geht er zurück auf die WM 1990. An der fielen pro Spiel bloss 2,21 Tore – Minusrekord. Deswegen wurde entschieden, dass Stürmer nicht im Offside stehen, wenn sie auf gleicher Höhe mit dem letzten Verteidiger stehen. Danach fielen wieder mehr Tore.

Eine Erfolgsgeschichte. Aber fallen heute überhaupt zu wenig Tore? Die Zahlen sagen: eher nein. Die Premier League erlebte als wohl beste Liga der Welt von 2023 bis 2025 die torreichsten Saisons ihrer Geschichte. In der Champions League fielen soeben in den Achtelfinal-Hinspielen im Schnitt über vier Tore pro Spiel. In der Super League liegt der Schnitt bei 3,28 Treffern.

Wenig Tore sind gut!

Natürlich wollen wir Tore! Aber warum fühlt sich ein 4:3 zwischen Basel und Zürich so speziell an? Warum bleibt das 6:1 von Barcelona gegen Paris St-Germain von 2017 in Erinnerung? Nur, weil üblicherweise weniger Tore fallen.

Vor allem aber zieht der Fussball einen grossen Teil seiner Anziehungskraft daraus, dass wenige Tore fallen. Nur in einem Spiel, in dem das Ziel selten erreicht wird, haben Underdogs die Aussicht auf eine Überraschung. Kein Amateur-Basketball-Team kann ein Spiel gegen Profis gewinnen, indem es bloss einmal ins Ziel trifft – und das vielleicht sogar durch schieres Glück.

Im Fussball aber geht das. Und genau darum zieht er die Menschen in seinen Bann. Weil nicht schon vor dem Anpfiff feststeht, wer gewinnen wird. Es ist ein Gut, das durch die immer grösseren Einkommensunterschiede zwischen den Teams sowieso schon Schaden genommen hat. Mit Wengers Offside-Regel könnte es weiter beschädigt werden.

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