Darum gehts
Wenn die Frauen-Nati am Mittwoch in Zürich zum nächsten Zusammenzug für die beiden Spiele in der Nations League gegen die Türkei einrückt, dann fehlt ein Name: Naina Inauen (25). Die Mittelfeldspielerin von Vålerenga Oslo hat es nicht einmal auf die Pikett-Liste des SFV geschafft. Nati-Trainer Rafel Navarro (40) begründet den Entscheid damit, dass die Saison in Norwegen nach der langen Winterpause erst gerade wieder begonnen hat.
Inauen nimmt es gelassen, als Blick sie darauf anspricht. «Es ist so, wie es ist. Der Verband trifft den Entscheid. Ich bin mit dem zufrieden, was ich hier habe.» In Oslo hat sie ihr Glück gefunden: sportlich und privat. Mit Vålerenga spielt sie bei einem der besten Klubs des Landes («Nur Meister werden, ist gut genug») und kam im letzten Herbst in der Champions League regelmässig zum Einsatz. Und ihr Freund Joakim (30), der aus Lillestrøm, einem Vorort von Oslo, stammt, begleitet sie, als Blick sie Anfang der Woche in der Innenstadt der norwegischen Hauptstadt in einem Café trifft.
Die beiden teilen ihre Leidenschaft für den Sport, auch wenn Joakim, der von Beruf Polizist ist, heute nicht mehr Fussball spielt. «In der Freizeit gehen wir oft zusammen Langlaufen oder Radfahren, je nach Jahreszeit», sagt Inauen. Eine Gemeinsamkeit der beiden ist auch die Liebe zur Natur. Über Weihnachten zeigte sie ihrem Freund Davos, wo sie die ersten neun Lebensjahre verbracht hatte und ihre Eltern mittlerweile wieder wohnen. Und in den Sommerferien ist die nächste Reise in die Schweiz angedacht: Wandern im Alpstein im Appenzellerland.
Fussball anstatt Iditarod-Rennen
Trotz ihrer erst 25 Jahre hat Naina Inauen mehr erlebt als andere in einem ganzen Leben. Denn die Geschichte ihrer Familie ist keine alltägliche. Vor 15 Jahren wanderten die Eltern Emil und Barbara mit den drei Kindern aus, um irgendwo im norwegischen Nirgendwo eine Schlittenhundefarm zu eröffnen. Die Eltern hatten ihre Liebe zu den Schlittenhunden einst in Kanada entdeckt. «Eigentlich wollte ich wie mein Vater Musher werden und Iditarod-Rennen fahren», sagt Naina. «Aber irgendwann merkte ich, dass ich immer weniger mit den Hunden draussen war und mehr ins Fussballtraining ging oder mir im Garten selbst die Hütchen aufstellte.»
So schwer es Inauen zu Beginn fiel, die Heimat Davos und ihre Gspänli zu verlassen, der Umzug nach Skandinavien erwies sich auch für sie persönlich als Glücksfall. «Ich hatte in der Schule Mühe mit Zahlen, zum Beispiel bereitete mir das Lesen der Uhr zu Beginn Schwierigkeiten», so die heutige Jura- und Wirtschaftsstudentin. Das norwegische Schulsystem behagte ihr wesentlich besser. «Wir waren ständig draussen, haben gespielt oder waren am Langlaufen.» Klar seien sie zwischendurch auch im Schulzimmer gewesen, «aber es war ein spielerisches Lernen – mir hätte nichts Besseres passieren können».
In der Schule begann sie auch, Fussball zu spielen. «Erst relativ spät, mit zehn oder elf Jahren. Aber hier hat einfach jeder tschuttet, was in Davos vor allem bei den Mädchen nie der Fall war.» Die Freude am Fussball führte dazu, dass die Mädchen der Region um Alvdal eine eigene Mannschaft gründeten. «Und wir haben es ernst gemeint», sagt Inauen mit einem Lachen.
Bereits da merkte sie, dass der Fussball für sie mehr ist als einfach nur ein Hobby. Schritt für Schritt ging es vorwärts, von Folldal wechselte sie zu Trondheim und später nach Tromsø, wobei sie während der Corona-Pandemie einen kurzen Abstecher nach St. Gallen machte. Seit einem Jahr spielt sie bei Vålerenga, wo sie einen Vertrag bis Ende 2027 besitzt. «Für mich lag der Fokus immer auf der persönlichen Entwicklung», sagt Inauen. «Und dass ich mich stetig verbessern und jeden Tag mehr vom Fussball verstehen will, das ist heute noch so.»
Enge Familienbande
Die Eltern unterstützten von Anfang an die Leidenschaft ihrer Tochter. «Ohne sie wäre das Ganze nicht möglich gewesen, weil sie vier bis fünf Mal pro Woche je eine Stunde hin und zurück ins Training fahren mussten.» Zu beiden hat Inauen seit jeher ein sehr enges Verhältnis. «Als Kinder waren wir mit meinem Vater oft draussen in der Natur. Er hat uns gelehrt, wie man mit Hunden umgeht oder wie man Feuer macht.» Und auch fussballerisch hat ihr Vater, der selbst jahrelang in Norwegen als Trainer arbeitete, sie stark geprägt.
Auch Mutter Barbara, die heute als Chefärztin der Rehaklinik in Davos Clavadel arbeitet, ist für Inauen eine sehr wichtige Bezugsperson. «Sie ist mein grosses Vorbild. Wie sie mit Menschen umgeht, ist fantastisch. Wenn ich nur ein halb so guter Mensch werde wie sie, dann bin ich glücklich.» Die Idee, einmal selber Medizin zu studieren, hat sie noch immer im Hinterkopf und nicht aufgegeben.
Davos, Alvdal, Trondheim, Tromsø, Oslo. Auf die Frage, wo ihre Heimat ist, sagt Inauen: «Dort, wo meine Familie ist.» Diese lebt inzwischen sehr verstreut. Der Bruder studiert in Trondheim, die Schwester in Tromsø, die Eltern sind zurück in der Schweiz, wobei sie oft zwischen Davos und Thun pendeln, da Emil Inauen seit Dezember das AWSL-Team von Thun trainiert. Falls möglich, verbringt die Familie die Ferien aber noch immer gemeinsam.
Starke Auftritte in der Champions League
Eine der grossen Stärken Inauens ist ihre Physis, trotz der eher zierlichen Statur. «Sie hat läuferisch enorme Qualitäten und kann viele Läufe machen», sagt ihr Trainer bei Vålerenga, Nils Lexerød. Auch deshalb spielt Inauen seit dieser Saison nicht mehr als Sechser, sondern als Achter in einer Raute. «Sie ist eine Box-to-Box-Spielerin, auch wenn sie sich dessen vielleicht gar nicht bewusst ist», sagt Lexerød. Als Trainer sei es angenehm, mit ihr zu arbeiten. «Denn sie will sich jeden Tag verbessern.»
Ob seine Spielerin in die Nati aufgeboten werden müsste, kann und will Lexerød nicht beurteilen, weil er die Konkurrenzsituation in der Schweiz zu wenig gut kennt. «Aber in der Champions League hat Naina in den Spielen gegen Wolfsburg und auswärts gegen Manchester United bewiesen, dass sie auf einem sehr hohen Level spielen kann.»
Für Inauen selbst waren diese Partien trotz der knappen Niederlagen zwei der Highlights ihrer Karriere. «Es war der Wahnsinn und gab mir einen Boost.» Diesen will sie auch in die neue Saison mitnehmen. Obwohl sie sich noch immer an die neue Position gewöhnen muss, hat sich der Wechsel in den ersten Spielen bereits ausbezahlt. Inauen ist viel öfter im Strafraum präsent und erzielte beim 4:2 gegen Haugesund ihr erstes Saisontor.
Auch beim 4:0 vor Ostern gegen Røa zeigt sie eine gute Leistung, bis sie kurz vor Schluss ausgewechselt werden muss, nachdem sie nach einem Tackling unglücklich auf den Arm gefallen ist. Inauen ist aber hart im Nehmen, das norwegische Klima und das Leben in der Natur haben sie abgehärtet. Auch fussballerisch weiss Inauen durchaus zu glänzen. Ihr grosses Idol ist der Italiener Andrea Pirlo. «Seine Übersicht, seine Ruhe am Ball und seine Chip-Pässe in die Tiefe waren einfach schön zum Anschauen.»
Warten auf das Nati-Debüt
Mit Vålerenga würde Inauen gerne im Herbst wieder in der Champions League spielen, auch wenn der Weg in die Liga-Phase schwieriger werden wird, da Vålerenga die letzte Saison nur auf Platz 2 abschloss. Mit dem Gedanken, dereinst auch einmal in eine noch stärkere Liga zu wechseln, beschäftigt sie sich aber nicht. Generell macht sich Inauen wenig Gedanken, was ihre fussballerische Zukunft bringen könnte. Sie lebt im Hier und Jetzt.
Auch was die Nati betrifft, lässt sie alles auf sich zukommen. Noch immer wartet sie auf ihr Debüt im Nati-Dress, nachdem sie während der Nations League vor einem Jahr von Pia Sundhage zwar jeweils ins Kader berufen worden war, aber nie zum Einsatz gekommen war, was auch an der Konkurrenz im Mittelfeld liegt. Mit Captain Lia Wälti, Géraldine Reuteler, Smilla Vallotto und Sydney Schertenleib ist die Nati im Zentrum stark besetzt.
Seit der EM herrscht Funkstille, der Verband und der neue Trainer haben sich noch nicht bei ihr gemeldet. Viel dazu sagen kann und will Inauen aber nicht, ausser: «Es ist eine tolle Gruppe, in der ich mich immer wohlgefühlt habe.» Was nicht ist, kann noch werden, denn Inauen weiss aus eigener Erfahrung: Im Leben und vor allem im Fussball kann es manchmal sehr schnell gehen.
