Darum gehts
- Rafael Navarro erklärt seinen Ansatz als Schweizer Frauen-Nationaltrainer im Interview
- Er betont die Bedeutung von Ballbesitz und defensiver Organisation im Spiel
- 2019 erhielt er einen Anruf aus Barcelona, wo er sechs Jahre arbeitete
Rafel Navarro, waren Sie in der Schule gut in Mathematik?
Ich war nicht der Beste (lacht). Warum?
Können Sie mir den Modus der WM-Qualifikation erklären?
Dieser ist kompliziert. Wir können alle Spiele in der Nations League gewinnen, wir können die erste Playoff-Runde gewinnen, die zweite – und uns trotzdem nicht für die WM qualifizieren.
Da die Schweiz in die Liga B abgestiegen ist, haben Sie aber den Vorteil, dass Sie Ihr neues System gegen schwächere Teams etablieren können, bevor es in den Playoffs um alles oder nichts geht.
Das sehe ich nicht so. Durch den Abstieg haben wir keine Möglichkeit, uns direkt für das Turnier in Brasilien zu qualifizieren. Wir haben geringere Chancen und brauchen auch etwas Losglück. Aber wir müssen das akzeptieren.
In der Schweiz kennt Sie praktisch niemand. Wie kamen Sie zum Fussball?
Ich habe wie viele Kinder Fussball gespielt, aber nie professionell. Als ich Sportwissenschaften studierte, begann ich mit der Trainerausbildung und im Juniorenbereich zu coachen. Da ich viele positive Rückmeldungen erhielt, spürte ich, dass ich als Trainer vielleicht eine bessere Karriere machen könnte. Mit 25 übernahm ich erstmals eine Aktivmannschaft bei den Männern, wobei viele Spieler deutlich älter waren als ich.
Wann wussten Sie, dass Trainer Ihr Beruf werden könnte?
Ich bekam 2019 einen Anruf aus Barcelona, der mein Leben veränderte. Der damalige Frauen-Trainer Lluis Cortes, den ich an der Universität kennengelernt hatte, suchte einen Assistenztrainer.
Sie waren sechs Jahre in Barcelona, das innerhalb weniger Jahre zum besten Frauen-Team der Welt aufgestiegen ist. Was ist das Geheimnis?
Es wurde sehr viel investiert in den Frauenfussball. Ein professionelles Umfeld geschaffen, mit professionellen Trainern, Staff-Mitgliedern und einer guten Infrastruktur. Dinge, die bei den Jungs selbstverständlich sind, bei den Frauen aber noch nicht der Fall waren.
Barcelona entwickelte eine eigene DNA.
Das Ganze basiert auf drei Pfeilern: Methodik, Individualisierung, Physis. Wir hatten eine klare Strategie, wie wir trainieren und spielen wollten. Und das Individual- und Athletik-Training nahm eine wichtige Rolle ein. Wir verpflichteten einige der besten Spielerinnen der Welt. Gleichzeitig hatten wir das Glück, dass wir viele katalanische Talente hatten, die wir fördern konnten. Es macht mich stolz, dass ich mitgeholfen habe, Spielerinnen wie Alexia Putellas oder Aitana Bonmati, die heute Stars sind, weiterzuentwickeln.
Wie viel konnte man von den Männern profitieren?
Zu Beginn waren die Mädchen noch nicht in der Jugendakademie La Masia. Kurz nachdem ich 2019 angefangen hatte, begannen wir dann auch Spielerinnen aus anderen Teilen Spaniens und ausländische Stars zu verpflichten, die sich bei uns entwickeln konnten. Und wenn man Erfolg hat, ist das natürlich ein guter Grund, um weiter zu investieren.
Und diesen Barcelona-Fussball wollen Sie jetzt auch beim SFV implementieren?
Nein, nicht exakt, weil mir bewusst ist, dass ich andere Spielerinnen zur Verfügung habe. Aber die Grundidee ist dieselbe. Wir wollen den Ball und einen gepflegten Spielaufbau. Im letzten Drittel bevorzuge ich den direkten Weg zum Tor. Da müssen wir uns noch deutlich verbessern.
Also totaler Fussball, wie ihn die Holländer in den Siebzigerjahren erfunden haben.
Der Spielstil von Barcelona besteht nicht nur aus der Offensive, wie viele fälschlicherweise meinen. Die Defensive ist genauso wichtig. Es geht um die richtige Balance, wie man richtig presst, wie die Spielerinnen Ballverluste adaptieren, damit sie in einem solchen Fall nahe beieinander sind und sich helfen können, gleich wieder ins Pressing zu gehen.
Einen gepflegten Spielaufbau und viel Ballbesitz. Funktioniert das überhaupt mit der Schweiz? In den ersten zwei Testspielen sah die Defensive nicht immer gut aus.
Der Spielaufbau der Torhüterinnen und Verteidigerinnen hat nicht schlecht funktioniert, sie haben keine grossen Fehler gemacht. Aber wir hatten Probleme im Defensivverhalten, wenn wir angegriffen haben und in der gegnerischen Platzhälfte waren. Da hatten wir Löcher in der defensiven Absicherung.
Barcelona hatte immer herausragende Spieler auf der Sechser-Position: Guardiola, Xavi Hernandez, Busquets oder Patri Guijarro bei den Frauen. Kann Lia Wälti diese Rolle einnehmen?
Ja, diese «Holding 6» ist sehr wichtig für die Balance im Team. Sie muss smart sein, denn sie entscheidet, ob wir attackieren oder das Spiel beruhigen. Lia hat diese Fähigkeiten.
Kann auch Sydney Schertenleib diese Position spielen?
Auch sie ist spielintelligent und kann überall im Mittelfeld spielen. Aber mit ihren Qualitäten will ich sie lieber in der Nähe des gegnerischen Strafraums haben.
Sie gilt als ein Jahrzehnttalent, das Potenzial zur Weltklasse hat. Wie sehen Sie sie?
Sie kann eine der besten Spielerinnen der Welt werden. Barcelona vertraut ihr. Sie ist noch sehr jung und will sich weiterentwickeln, besser werden und fordert auch Feedback ein. Wie bei vielen, die so gut mit dem Ball umgehen können, hat auch sie Verbesserungspotenzial, wenn wir nicht im Ballbesitz sind.
Rafel Navarro Serres wird am 6. Januar 1985 im katalonischen Gandesa geboren. An der Universität in Lleida studiert der Amateurfussballer Sportwissenschaften, wo er auch mit der Trainerausbildung beginnt und erste Erfahrungen als Trainer sammelt. Nach zwei Jahren im Nachwuchs von Reus Deportiu wechselt er 2019 in die Frauenabteilung des FC Barcelona, wo er sechs Jahre als Assistenztrainer arbeitet. Mit den Katalaninnen gewinnt er sechs spanische Meisterschaften und dreimal die Champions League. Anfang November 2025 wechselt Navarro zum SFV und tritt die Nachfolge von Pia Sundhage als Nationaltrainer an. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern (7, 4 und 6 Monate alt). Seine Familie wohnt in Gandesa.
Rafel Navarro Serres wird am 6. Januar 1985 im katalonischen Gandesa geboren. An der Universität in Lleida studiert der Amateurfussballer Sportwissenschaften, wo er auch mit der Trainerausbildung beginnt und erste Erfahrungen als Trainer sammelt. Nach zwei Jahren im Nachwuchs von Reus Deportiu wechselt er 2019 in die Frauenabteilung des FC Barcelona, wo er sechs Jahre als Assistenztrainer arbeitet. Mit den Katalaninnen gewinnt er sechs spanische Meisterschaften und dreimal die Champions League. Anfang November 2025 wechselt Navarro zum SFV und tritt die Nachfolge von Pia Sundhage als Nationaltrainer an. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern (7, 4 und 6 Monate alt). Seine Familie wohnt in Gandesa.
Sie wollten im letzten Sommer Cheftrainer bei Barcelona werden. Warum hat es nicht geklappt?
Für mich war es eine Ehre, dass ich einer der Kandidaten war. Letztlich hat sich der Klub für jemand anderen entschieden. Klar war ich etwas enttäuscht, aber mit der Nomination von Pere Romeu konnte ich gut leben.
Und trotzdem verliessen sich wenige Monate später den Verein. Hat Sie der Anruf des SFV überrascht?
Ich hatte zuvor schon andere Angebote von Verbänden und Klubs. Aber ich war in Barcelona zufrieden, hatte gute Arbeitsbedingungen, einen guten Vertrag. Der Anruf hat mich nur vom Zeitpunkt und insofern überrascht, weil ich zuvor noch nie mit jemandem des SFV Kontakt gehabt hatte. Oft ist es so, dass man jemanden an einer Trainertagung oder einem Kongress kennenlernt und dann später vielleicht einmal einen Anruf erhält, wie bei mir damals in Barcelona.
Warum sagten Sie zu?
Die Offerte des SFV hat mich zu 100 Prozent überzeugt, denn es ist ein interessantes Projekt. Und ich habe viele Spiele der Schweiz gesehen, weil ich in Barcelona auch für die ausländischen Spielerinnen zuständig war und deren Einsätze bei Länderspielen verfolgt habe.
Sie sind erstmals Cheftrainer im Profibereich. Was hat sich für Sie geändert?
Ich wollte Cheftrainer werden, weil ich spürte, dass ich bereit dazu bin. Ich habe in den letzten Jahren viel gelernt, kann dies nun umsetzen und einfliessen lassen. Die grössere Veränderung ist für mich, dass ich nicht mehr jeden Tag auf dem Platz stehe, das ist auch mental eine Herausforderung. Ich bin nun mehr ein Manager, tausche mich mit dem Staff aus, besuche und analysiere Spiele, habe Kontakt mit den Spielerinnen. Dafür habe ich umso mehr Energie für die Zusammenzüge, denn in diesen Tagen will ich alles rausholen. Nach dem letzten Mal hatte ich keine Stimme mehr (lacht).
Der Start war besonders schwierig. Ihr Vater verstarb am Tag Ihres Debüts als Nationaltrainer.
Es war beruflich einer der glücklichsten, persönlich aber der traurigste Tag meines Lebens. Ich freute mich in jedem Training, in jedem Meeting, als ich aber jeweils in mein Hotelzimmer kam und mit meiner Familie telefonierte, war es sehr schwierig, weil der Gesundheitszustand meines Vaters sich von Tag zu Tag verschlechterte. Am Tag meines ersten Länderspiels wusste ich, dass es der letzte Tag im Leben meines Vaters sein würde.
Sie haben eine eigene Familie, die noch immer in Katalonien lebt?
Sie ist das Wichtigste für mich und ich geniesse jeden Moment, den ich mit meinen Kindern verbringen kann. Aber der Job eines Fussballtrainers ist nicht der familienfreundlichste. Ich habe viele Geburtstage meiner Kinder in den letzten Jahren verpasst, weil ich unterwegs war. Gleichzeitig erleben sie dank meines Berufs auch schöne Dinge, wenn sie zum Beispiel nach einem Champions-League-Spiel auf den Platz zu den Spielerinnen durften.
Interessiert sich Ihre Frau für Fussball?
Ja, und manchmal teile ich auch meine Gedanken mit ihr. Nicht wenn es um die Aufstellung oder taktische Dinge geht, aber wenn es Probleme oder Schwierigkeiten gibt. Der Fussball ist ein wichtiger Teil meines Lebens, an dem sie auch teilhaben soll.
Ihre Vorgängerinnen Inka Grings und Pia Sundhage hatten am Ende zwischenmenschliche Probleme mit den Spielerinnen. Wie verhindern Sie das?
Als Trainer willst du immer, dass eine gute Stimmung herrscht, weil diese leistungsfördernd ist. Ich bin da, um den Spielerinnen zu helfen, hier in der Nati, aber auch in ihrem Kluballtag, wenn sie das wollen. Ich will sie weiterentwickeln und sie zu besseren Spielerinnen machen.
Der Frauenfussball hat sich finanziell enorm entwickelt, Wie erleben Sie diese Entwicklung?
Wenn Spielerinnen wie Profis trainieren, sollen sie auch wie Profis bezahlt werden. Es gibt immer noch viele Klubs, in denen das nicht der Fall ist und die Spielerinnen weniger als in einem normalen Job verdienen. Niemand erwartet, dass es ähnliche Summen sind wie bei den Männern, da deren Business schon viel länger existiert.
Birgt immer mehr Geld auch eine Gefahr?
Geld kann in jedem Lebensbereich für Probleme sorgen, zum Beispiel in einer Familie, wenn es unter Geschwistern zu einem Erbstreit kommt. Wir müssen dafür sorgen, dass wir die schönen Dinge des Frauenfussballs bewahren. Dass wir nahbar bleiben, nach den Spielen die Autogrammwünsche der Kinder erfüllen, diese familiäre Umgebung weiter pflegen. Dafür müssen wir kämpfen. Die Klubs, Verbände und Trainer sind in der Verantwortung, dass sie die Spielerinnen in diese Richtung erziehen.
Sie haben diesen Wandel bei den Weltfussballerinnen Alexia Putellas und Aitana Bonmati hautnah miterlebt. Wie haben sich die beiden verändert?
Die beiden sind ein gutes Beispiel. Durch die Wahl hat sich ihr Leben massiv verändert, sie sind aber als Menschen gleich geblieben und schreiben einem beispielsweise zum Geburtstag noch immer eine Nachricht. Aber es ist nicht einfach. Denn um sie herum gibt es viele Menschen mit vielen und verschiedenen Interessen.
Wer hat Sie als Trainer eigentlich inspiriert?
Pep Guardiola. Als ich angefangen habe zu coachen, war gerade die Hochblüte des FC Barcelona bei den Männern. Und Pep war als Spieler eine Nummer 6. Wie ich – und wie Lia Wälti (lacht).
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | Norwegen | 3 | 3 | 9 | |
2 | Schweiz | 3 | 1 | 4 | |
3 | Finnland | 3 | 0 | 4 | |
4 | Island | 3 | -4 | 0 |
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | Spanien | 3 | 11 | 9 | |
2 | Italien | 3 | -1 | 4 | |
3 | Belgien | 3 | -4 | 3 | |
4 | Portugal | 3 | -6 | 1 |
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | Schweden | 3 | 7 | 9 | |
2 | Deutschland | 3 | 0 | 6 | |
3 | Polen | 3 | -4 | 3 | |
4 | Dänemark | 3 | -3 | 0 |
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | Frankreich | 3 | 7 | 9 | |
2 | England | 3 | 8 | 6 | |
3 | Niederlande | 3 | -4 | 3 | |
4 | Wales | 3 | -11 | 0 |