Darum gehts
Vor knapp einer Woche ist Wettswil-Coach Stephan Lichtsteiner (42) im Rahmen seiner Ausbildung für die Uefa-Pro-Lizenz Gast bei Ex-Weltmeister Cesc Fabregas, der Como an die erweiterte Spitze der Serie A geführt hat. Am Dienstagmorgen sitzt Lichtsteiner im St.-Jakob-Park auf dem Podium und erklärt, wie er 24 Stunden nach der Freistellung von Ludovic Magnin den FC Basel als neuer Chef an der Linie zurück zu alter Grösse führen will.
Zwei Tage später scheidet er gegen Viktoria Pilsen (0:1) aus der Europa League aus. Die Nachrichtenlage ist intensiv, die Flut an Reaktionen ebenfalls: «Ich habe nicht alles gelesen, mein Fokus liegt auf dem FCB», sagt Lichtsteiner. Und klar ist auch: Er steht ab sofort selber wieder landesweit im Mittelpunkt. Die Fans von Rotblau reagieren mehrheitlich skeptisch auf den prominenten Namen. Ihr Tenor: Die Klubchefs fahren mit dem Engagement des Trainer-Rookies eine High-Risk-Strategie.
Die spürbaren Vorbehalte im pulsierenden Basler Umfeld lösen bei Lichtsteiner keine Selbstzweifel aus: «Das Risiko ist da, es folgen Big Games. Ich habe die Überzeugung, diese riesige Chance zu packen.» Den ersten Termin mit den Journalisten moderiert er unaufgeregt. Die Impressionen von ihm als Spieler werden zum Thema; sein offensichtlicher Ehrgeiz, seine Verbissenheit, seine Mentalität, Konflikte nicht auszusitzen. Auf die Optik von früher reagiert der langjährige Captain des Nationalteams gelassen: «Ich bin kein böser Mensch. Aber ihr seht mich beim Arbeiten. Da geht es um Leistung, um Siege und nicht darum, Spässchen zu machen.»
Pragmatismus, ein ausgeprägtes Arbeitsethos und ein detaillierter Plan, wie die Aufgabe zu bewältigen ist. So hat der siebenfache Serie-A-Champion als Verteidiger funktioniert, mit einer vergleichbaren Linie startet Lichtsteiner beim Super-League-Koloss in Basel.
Benaglios Prognose
Im Schweizer Fussball gehört der Innerschweizer zur obersten Etage. Als Spieler prägt er als gesetzter Rechtsverteidiger die beste Juve-Squadra der letzten 25 Jahre mit. In der Garderobe mit den italienischen Weltmeister-Granden Gigi Buffon und Andrea Pirlo gehört der temperamentvolle und wortgewaltige Schweizer zu den Leadern – noch heute pflegt er mit den damaligen Meisterhelden regen Kontakt. GC, Lille, Lazio, Juventus, Arsenal und im Corona-Spätherbst Augsburg.
Abgesehen von seinem Bundesliga-Gastspiel geht es an allen Adressen um Siege, um Titel. «Darum geht es im Fussball. Titel bleiben in Erinnerung, sie definieren die Karriere, den eigenen Weg.» 17 Trophäen hat der zweifache Champions-League-Finalist gewonnen; nie als Mitläufer, immer als furchtloser Akteur mit plausiblen Ideen und unmissverständlichen Wortmeldungen. So ist er bereits als 18-jähriger Profi-Emporkömmling bei GC aufgefallen.
Die Rhetorik gehört zu seinen Stärken. Er wird seine Mitarbeiter und seine Spieler herausfordern. Kompromisslose Ansagen haben ihn schon früher vom Durchschnitt abgehoben. Als Leader unter Vladimir Petkovic hat er in der Garderobe immer wieder für ein zielorientiertes Klima gesorgt und sein taktisches Verständnis demonstriert. Sein enger Wegbegleiter Diego Benaglio hat im Blick schon vor einem Jahr den baldigen Trainer-Aufstieg Lichtsteiners prognostiziert: «Ich weiss, wie sensationell er in der Nationalmannschaft seine Rolle als Captain eingenommen hat. Was die Menschenführung angeht, hat er in den letzten Jahren extrem viel gelernt.»
Und schiebt nach, was viele mit dem Luzerner verbinden: «Er ordnet dem Erfolg alles unter. Wenn du ganz oben ankommen willst, braucht es das.»
Solidarität und eine grosse Geste
Lichtsteiner hat seine Laufbahn seit seinem Rückzug als Spieler Schritt für Schritt geplant. Zur persönlichen Horizonterweiterung gehört auch sein Engagement im Verwaltungsrat des HC Lugano. Für ihn stand trotz wirtschaftlicher Absicherung nie zur Debatte, seine Sport-Passion zur Seite zu stellen.
Und er hat die Demut aufgebracht, nach 108 Länderspielen und hoch dekorierter Vergangenheit bei Juventus ganz unten einzusteigen. Bei den FCB-Junioren, später dann im Verein seines Wohnorts Wettswil-Bonstetten. Beim Gang in die Viertklassigkeit ist ihm bewusst, dass das Team-Management wichtiger ist als die taktischen Finessen. Seine Entschlossenheit, seine erhöhte Betriebstemperatur bekommt dann und wann auch die Amateur-Konkurrenz zu spüren: «Es wird nie einen Lichtsteiner geben, der nicht ans Limit geht im Fussball. Das gibt es einfach nicht. Emotionen sind Teil meiner Identität.»
Und nun also tritt er heraus aus der Anonymität der Viertklassigkeit, zurück auf die nationale Bühne. In Basel wird sein Temperament eine Rolle spielen. Lichtsteiner muss seine Energie kanalisieren, seinen Pulsschlag unter Kontrolle haben. Nicht jeder wird seinem vorgelebten Perfektionismus folgen können. «Es geht um die richtige Balance.» Das Bild wird grösser, das Rampenlicht ebenso. Jede Gefühlsregung wird registriert, jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Seine Beziehung mit dem Basler König Xherdan Shaqiri wird unter der Lupe begutachtet.
Lichtsteiner sagt: «Es geht darum, zusammen Lösungen zu finden.» So wie einst in der gemeinsamen Nati-Zeit. Er wolle nicht den Chef markieren. Und Shaqiri wird nicht vergessen haben, wie Lichtsteiner an der WM in Russland 2018 im aufgeheizten Duell mit Serbien aus Solidarität den Doppel-Adler formte.
Knapp acht Jahre später geht es in einem anderen Kontext wieder um Signale, um Kommunikation, um Inhalte: «Sie müssen mir mein Spiel abkaufen!» Er denkt dabei an Shaqiri und die kritischen Anhänger des Meisters.
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