Darum gehts
- St. Gallen gewinnt 3:0 im Wankdorf trotz Unterzahl nach Platzverweis
- Goalie Watkowiak sieht Rot, Team siegt dennoch «für Watti»
- Trainer Enrico Maassen erzählt, warum das Bauernopfer Alessandro Vogt hiess
Gefühlt ist man schon in der Pause im Wankdorf. Alle sind froh, sich ein Wasser oder ein sonstiges Getränk holen zu können. Der Ball ist bei St. Gallens Goalie Lukas Watkowiak, der massenweise Zeit hat, diesen wegzuschlagen. Doch er zögert, sieht dann plötzlich Vasco Tritten vor sich auftauchen, gerät in Panik – und schlägt ihn dennoch nach vorne statt nach links oder rechts irgendwo ins Seitenaus. Der Ball geht Richtung Tor, Tritten hinterher, der vor seinem geistigen Auge bestimmt die Kugel zum Ausgleich einschieben sieht. Doch Watkowiak reisst ihn am Trikot zurück. Tritten fällt, der Ausgleich fällt nicht und Ref Luca Cibelli fällt das ultraschnelle Urteil, das natürlich Rot lautet.
St. Gallen nur noch zu zehnt! Kippt das Spiel nun? Sind die Espen böse auf ihren Goalie? Hat er mit dem Foul und dem Platzverweis die richtige Lösung gewählt oder wäre es besser gewesen, das 1:1 hinzunehmen und zu elft weiterzuspielen? Fragen über Fragen. In der Garderobe jedenfalls gibts null Vorwürfe. Im Gegenteil. «Der Watti hat uns bis ins Finale getragen», sagt Captain Lukas Görtler. «Also haben wir uns gesagt: ‹heut’ für Watti! Nur umso mehr.›» Der Protagonist selbst, so Präsident Matthias Hüppi, sei am Boden zerstört gewesen: «Er tat mir richtig leid!» Die Jungs hätten ihn dann aufgerichtet, erzählt Trainer Enrico Maassen. «Das zeigt, welch tolles Team wir sind.»
Plan B war schon vorbereitet
Er habe während der Pause nicht mit seinem Goalie gesprochen. «Wir hatten uns ja schon vor dem Spiel eine Strategie zurechtgelegt, wie wir in solch einem Fall zu reagieren hätten.» Watkowiak selber hatte das Lachen nach Spielschluss schnell wiedergefunden, ging in die Fanmeute und setzte sich schnell mal eine Sonnenbrille auf, bevor er als erster die Treppe hochging, um auf den Pokalübergabe-Balkon zu gelangen.
Er habe seinem Team mit der Roten Karte geschadet, sagte er kleinlaut. In der Pause seien alle zu ihm gekommen und hätten ihm gesagt, sie würden es jetzt für ihn durchziehen. Schliesslich habe er der Mannschaft zweimal den Arsch mit seinen Paraden in Penaltyschiessen gerettet. «Jetzt haben sie mir den Arsch gerettet. Wir sind einfach eine geile Truppe.»
Maassen erklärt Vogt-Entscheid
Das Bauernopfer, das es in einem solchen Fall braucht, war Alessandro Vogt. Just in seinem letzten Spiel für St. Gallen, bevor er sich Richtung Hoffenheim verabschiedet. «Baldé ist der kleine, unangenehme Konterstürmer, der den gross gewachsenen Innenverteidigern Probleme bereiten kann mit seinem Speed und seiner Wendigkeit. Ale hat das professionell aufgenommen, auch wenn er in seinem letzten Spiel gerne länger auf dem Platz gewesen wäre», erklärt Maassen die Auswechslung.
So konnte der Mittelstürmer als einer der Ersten in die Fanmenge eintauchen. Lachend, Autogramme schreibend. Selfies machend. «Wir haben den Pokal geholt, und so hat sich Ale natürlich auch extrem gefreut», sagt Maassen, der Perfektionist, dessen Plan denn auch perfekt aufging. Auch wenn es die kritischen Minuten nach der Pause gab, in denen SLO hätte ausgleichen können. «Wenn wir eine unserer Topchancen machen, die wir da hatten, hätte es anders aussehen können», sagt auch SLO-Captain Nicola Sutter.
So aber folgte das 2:0 nach diesem maximal umstrittenen Penalty und das 3:0, das Christian Witzig Sekunden nach seiner Einwechslung schoss. Der sportlichen Realität wurde so Genüge getan. Und das ist unter dem Strich auch richtig und gut so. Und auch dass der vierte Europacup-Teilnehmer nun der FC Sion ist und nicht SLO ist rein sportlich viel besser.
