Darum gehts
Im Home of FCZ brennt spätabends Licht. Es herrscht Ruhe im Zentrum eines Vereins, der vor wenigen Wochen mit der Freistellung des mächtigen Strippenziehers Malenovic landesweit für Aufsehen sorgte. Hediger spricht offen über den heissen Dezember, über die neue Chemie in der Garderobe und darüber, wie er Zürich zurück in die Spur bringen will.
Blick: Der Auftakt ins neue Jahr verlief beim FCZ so turbulent, wie das alte aufgehört hat: Steven Zuber hat seinen Vertrag aufgelöst und wechselt zu Atromitos Athen. Ein Abgang, der keinen Sinn macht.
Dennis Hediger: Steven ist ein reflektierter, intelligenter Mann. Einer wie er kommt nicht einfach so mit einem solchen Anliegen auf uns zu. Wenn er das Gefühl oder Befinden hat, uns verlassen zu wollen, muss ich das akzeptieren. Es bringt nichts, einen Spieler vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Man muss mit dem Kopf da sein, aber auch mit dem Herzen.
Zuber garantierte Konstanz. Sie verlieren einen Akteur, der in schwierigen Zeiten eine Orientierungshilfe war für das Team.
Du denkst bei jedem, der gehen will, an die guten Dinge, an das, was er gebracht hat. Steven hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen, er verdient meinen vollumfänglichen Respekt. Alles ist korrekt abgelaufen: Er hat das Präsidium informiert, danach kam die Info zu mir.
Haben Sie nicht alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihm die Vertragsauflösung auszureden?
Warum sollte ich einen gestandenen Spieler wie ihn umstimmen? Es kam bei ihm aus dem Inneren. Bei einem Jungen wäre die Ausgangslage eine andere – da stünde wohl im Raum, ob er wirklich alles miteinbezogen hat in seine Überlegungen. Für Steven hingegen wars klar: Er wollte gehen.
Zuber ist eng verbunden mit Ex-Sportchef Milos Malenovic, der am 19. Dezember gehen musste. Sie haben sich trotz ebenfalls langjähriger Zusammenarbeit mit Ihrem früheren Agenten anders entschieden.
Ich stehe hinter dem Verein, der entschieden hat, mir diese wunderbare Chance zu geben. Ich stehe hinter diesem Projekt, hinter den Menschen, hinter den Spielern. Alles andere ist Part of the Game; ich habe die letzten zweieinhalb Jahre auch mitbekommen. Wenn ein solcher Entscheid gefällt wird, stütze ich ihn. Ich bin beim FC Zürich angestellt.
Beobachter fragen sich dennoch: Wie geht Hediger mit dem Ende seines früheren Mentors um?
Für mich wird zu viel in den Raum gestellt. Jetzt muss er sich emanzipieren, jetzt muss er sich abgrenzen. Es gibt im Leben ganz verschiedene und wichtige Wegbegleiter. Ich ging einst wegen Percy van Lierop (Ex-Ajax-Nachwuchschef und vorübergehend beim FCB engagiert) nach Basel, obschon mir jeder davon abgeraten hatte. Milos gab mir in der Schlussphase meiner Karriere als Spieler wichtige Inputs, ich habe gewisse Dinge im Fussball plötzlich anders gesehen. Milos war für mich mega wichtig, als es darum ging, eine Trainerkarriere einzuschlagen. Er hat bei mir Potenzial gesehen. Er gab mir Dinge auf den Weg mit, die ich reflektierte. Es gab auch Themen, die ich ganz anders gesehen habe. Für das bin ich dankbar. Aber eben: Es geht manchmal in eine andere Richtung. Ich bin nie zwischen Stuhl und Bank geraten.
Sie haben am Zürcher D-Day also keine Beziehung kappen müssen?
Nein, ich habe mich nicht für oder gegen jemanden entscheiden müssen. Milos hat mir geholfen, Prozesse anzustossen. Den Weg hingegen bin ich immer selber gegangen. In dieser Beziehung bin ich relativ nüchtern unterwegs. Ich vertraue den Entscheidungsträgern. Mit Alessandro Mangiarratti kommt ja nun ein neuer Technischer Direktor, der mich wieder prägen wird. Ich bin überzeugt, dass er die verschiedenen Bereiche unseres Vereins – von der ersten Mannschaft, über die Akademie, das Talentmanagement bis hin zum Marketing – hervorragend vernetzen wird.
Vorerst arbeiten Sie wieder mit einem Mann aus der Agenten-Branche: Dino Lamberti. Er orchestriert die Transferbewegungen innerhalb eines befristeten Mandats. Ist es für Sie schwierig, dass Ihr aktuell wichtigster Ansprechpartner nur temporär für den Klub arbeitet?
Das klingt mir zu abstrakt. Der Telefondraht mit Dino glüht. Wir sind ständig im Gespräch. Das Präsidium hat sich für ihn entschieden, weil er menschlich genau der Richtige ist. Wir begegnen uns mit Respekt, es fühlt sich normal an. Unsere Wertvorstellungen decken sich. Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, ob Dino in zwei Wochen, in zwei oder vier Monaten noch da ist. Er ist jetzt präsent. Wir helfen uns gegenseitig.
Dürfen sich seit der fundamentalen Änderung auf dem Sportchefposten wieder mehr Leute am Tagesgeschäft beteiligen?
Ganz viele Leute kommen dazu, die vorher vielleicht etwas weniger präsent waren. Thomi Bickel (Leiter Scouting) mit seiner riesigen Erfahrung ist ein Plus, Sascha Milicevic (Ausbildungschef) supportet, Balz Rau (Leiter Talentmanagement) kennt jede Spieleradresse und Schullösung auswendig. Wir haben hier eine Schwarmintelligenz. Es ist nicht chaotisch, sondern strukturiert. Wir wissen genau, welchen Weg wir gehen wollen. Deshalb überlege ich mir nicht, wie lange Dino dabei ist.
Wer gibt denn neben Ihnen im Sport die Strategie vor? Die Schwarmintelligenz?
Die Vision FCZ ist immer noch die gleiche wie vor ein paar Monaten: Wir wollen mit eigenen Jungen sehr attraktiven, sehr intensiven offensiven und vertikalen Fussball spielen. Wir wollen die Top 6 und das internationale Geschäft erreichen. Das bleibt, die Umsetzung liegt bei mir. Wenn der Sportchef nun käme und Catenaccio einfordern würde, hätten wir ein Problem. Für mich als Coach ist die jetzige Philosophie richtig, seit meiner Übernahme haben wir mit Abstand am meisten junge Schweizer eingesetzt.
Wie viel Respekt und Demut schwingt mit bei Ihrem ersten Chef-Posten bei einem quotenträchtigen Super-League-Verein?
Die riesige Fan-Base ist imposant, es gibt viel Meinungen, immer Scheinwerferlicht. Ich kann mich nur jeden Tag dafür bedanken, mich in diesem Umfeld ausleben zu dürfen. Demut ist ein falsches Wort: Es ist primär Dankbarkeit, Verantwortung tragen zu dürfen. Ich bin überzeugt davon, dass ich dieser Aufgabe gewachsen bin – sowohl fachlich wie auch menschlich. Wenn du die Trainerlaufbahn beginnst, bereitest du dich auf den Tag X vor. Und dann stellt man sich automatisch einmal die Frage: Was wäre wenn? Ich habe mich sehr seriös auf diese Situation vorbereitet. Es gibt nach einem solchen Entscheid Chaos, Unsicherheit, Fragezeichen – wenn man dann hinsteht, muss alles sitzen, muss alles funktionieren. Es geht um Präsenz.
In Zürich sind die Fans ein Faktor, das Umfeld. In guten Zeiten überwiegt die Euphorie, in schlechten Zeiten üben die Zuschauer Druck aus.
Unsere Fans sind unglaublich. Auswärtsspiele sind Heimspiele. Nach dem Derbysieg gingen wir alle in die Stadt, um diesen Support zu spüren. Die Werte, die wir definieren, die Haltung, die wir anstreben in der Mannschaft, so wie wir zusammenleben wollen. Das sind Werte, die auch die Fans haben. Es gab Spieler, die mit den Gedanken an einem anderen Ort waren, die einen Transfer machen wollten. Deshalb brauchte es gewisse Anpassungen.
Zwei von drei Spielern aus dem alten Captain-Team sind weg: neben Zuber auch Stammspieler Mariano Gomez. Mit Routinier Milan Rodic wurde der Vertrag aufgelöst, der Holländer Jahnoah Markelo ist auf dem Absprung.
Wenn sich jemand nicht zu 100 Prozent committen kann, wird es extrem anstrengend. Jeden Tag zu sagen, das geht nicht, mach doch bitte – sorry, das geht einfach nicht auf. Bei allen Spielern, die jetzt nicht mehr da sind, war ziemlich transparent, wie ihre Pläne sind. Bei Gomez war es im Sinne von allen. Er konnte sich finanziell wie gewünscht verändern, war zudem immer höchst professionell im Verhalten.
Sind ein erneuter Umbau und eine weitere Verjüngung nicht zu riskant?
Wir wussten, dass uns eine Prise Erfahrung guttun würde. Deshalb ist Chris Kablan gekommen. Er ist polyvalent einsetzbar, er ist professionell, er ist super für die Kabine. Er hat eine gute Aggressivität und Intensität, er bringt eine Winner-Mentalität mit. Chris kann den Jungen in diesem Bereich helfen. Er deckt alles ab, was wir uns vorstellen.
Erwarten Sie, dass einige Akteure aus der zweiten Reihe nun nach vorne drängen und mehr Gewicht suchen?
Sie müssen es wollen und können, dann ist Verantwortung Pflicht. Mir ist wichtig, dass wir eine Kultur pflegen, in welcher der Gang aus der Komfortzone gewünscht und gefördert wird. Wenn einer wie Kablan kommt, müssen die Wortführer ihn anrufen und im Wohn-Tipps geben, ihn einbinden. Und es müssen Akteure im Mannschafts-Rat sein, die einem Jungen wie Jill Stiel sagen: Jetzt flanken wir noch zehnmal, weil das noch besser geht. Spieler, die den Verein voranbringen wollen, die mit ihrer Mentalität herausragen, die ein Vorbild sein können.
Einer wie der 19-jährige Cheveyo Tsawa, um den sich Pisa und Brügge bemühen?
Wenn er gehen sollte, dann müssen sie im Home of FCZ ein Bild von ihm aufhängen und ihn jedes Mal als perfektes Beispiel preisen. Er ist hoch professionell, egal, wie sich die FCZ-Lage präsentiert. Cheveyo ist unglaublich weit für sein Alter! Er liefert jeden Tag ab. Und wenn er mal nicht gespielt hat, stand er tags darauf mit der U21 in einem Test auf dem Rasen und war der Beste. Es hat viel mit seiner Erziehung zu tun; er hat auch Widerstände überwunden. Wenn er einen Schritt machen kann, der für ihn und den Verein stimmt, halten wir ihn nicht zurück. Das grosse Bild zählt, wehtun würde sein Abschied allen. Er ist das Aushängeschild des Vereins.
Der Gegenentwurf von ihm ist Junior League. Wie sehr strapaziert ein unberechenbares Talent wie er mit seinen ständigen Ups and Downs Ihre Nerven?
Carlo Ancelotti sagt, Regeln seien wie ein Ballon. Elastisch, bis er platzt. Solange die Mannschaft einen solchen Spieler versteht, wird sie ihn stützen. Sobald wir das Gefühl haben, jemand stört die Gruppe, gibt es entweder einen Transfer, oder er trainiert separat (wie im Fall von Junior League – die Red.). Da müssen wir die Mannschaft schützen. Es geht um den Fokus, um die Einstellung. Wenn einer von einem Transfer träumt und sich immer wieder die Frage stellt, weshalb er noch hier ist, kommt er nicht auf das gewünschte Level.
Während Wochen gab es in der Garderobe Strömungen in alle Richtungen. Wie sehr hat Sie das gestört?
Die Kabine lebte immer. Die Frage ist immer: jeder nur für sich oder eben füreinander? Die Leistungen sind oft ein Spiegel für das, was sich in der Garderobe abspielt. Der gegenseitige Respekt muss gross sein, damit man bereit ist, Fehler zu verzeihen; er wird grösser, wenn ich mich für meinen Kollegen interessiere, wenn ich weiss, was ihn privat beschäftigt. Dann hilft man sich eher. Die Spieler sollen sich mögen, sie sollen ein Miteinander pflegen. Da mussten wir für Bewegung sorgen, um nicht zu viele Ich-AGs zu haben.
Wie schwierig ist es, diese FCZ-Equipe zu führen?
Wir haben viele Spieler, die ihre Meinung klar äussern. Das ist grundsätzlich ein gutes Merkmal. Es geht darum, herauszufinden, weshalb ein Spieler so oder so handelt. Ich kann Vorschriften machen – oder ich nehme mir die Zeit, ein Anliegen zu erklären oder zu helfen. Ich muss viele Spieler eng begleiten und ihnen klarmachen, was geht und was unverhandelbar ist.
Die Fehler der letzten zwei Jahre haben die Klub-Eigner Heliane und Cillo Canepa rund 17 Millionen privates Geld gekostet. Haben Sie vor der Rückrunde eine beruhigende Message für das Präsidium?
Die beiden sind ein riesiger Faktor. Man will ihnen etwas zurückgeben. Ich will meine Arbeit zu einem Teil auch für sie machen – wie ein Spieler, der für einen Trainer rennt. Sie schenken mir viel Verantwortung, sie lassen viel zu, sie leben mit, sie sind mit Emotionen dabei. Die Canepas sind gute Menschen.
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