Ralph Krueger möchte Betroffenen Mut machen
«Parkinson ist nur ein Teil von mir, nicht mein ganzes Ich»

Der einstige Trainer der Hockey-Nati und Ex-NHL-Headcoach Ralph Krueger treibt täglich mehrere Stunden Sport. Seit der Kindheit seine grosse Leidenschaft im Sommer: Wasserskifahren. Wenn sich der 66-Jährige bewegt, ist der Parkinson-Tremor, das Zittern, wie weggeblasen.
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Foto: Joseph Khakshouri
Parkinson hält ihn nicht auf: Krueger macht Betroffenen Mut

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Nicole VandenbrouckReporterin Eishockey

«Ich spüre Muskeln, von denen ich nicht mal gewusst habe, dass es sie gibt.» Das sagt Ralph Krueger, als er sich an jenem sonnigen und warmen Morgen nach einigen Sessions auf dem Monoski wieder ins Boot setzt. Etwas erschöpft zwar, aber unsagbar glücklich und dankbar. Dass er für seine 66 Jahre topfit ist – und dass er deshalb gut umgehen kann mit einer im Herbst 2024 erhaltenen Diagnose: Parkinson.

Alles beginnt mit einem leichten Zittern in der linken Hand. Da hat Krueger schon eine Vorahnung. Ein DaTSCAN, mit dem die Aktivität der Dopamin-Nervenzellen im Gehirn untersucht wird, bestätigt die Befürchtung.

Hat ein ganz neues Körpergefühl: Ralph Krueger.
Foto: Joseph Khakshouri

Ob der Befund ein Schock gewesen ist? «Jein», antwortet er und blickt vom idyllisch gelegenen Wasserskiclub Cham auf den Zugersee hinaus. «Ich bin nie in ein Loch gefallen.» Vor der Gewissheit macht er sich einzig kurz Sorgen, dass es sich um einen Gehirntumor handeln könnte, da seine Mutter einst daran verstorben ist. Die weiteren Untersuchungen schliessen es aber aus.

«Wasserski oder Schlittschuhe – gern schnell unterwegs»
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Krueger bleibt Sport treu:«Wasserski oder Schlittschuhe – gern schnell unterwegs»

Krueger will sich von der Erkrankung nicht unterkriegen lassen

Von Anfang an lässt sich der Ex-Nati- und -NHL-Trainer weder entmutigen noch unterkriegen. «Im Alter bekommen wir doch alle irgendwelche Leiden. Ich habe meines angenommen. Es gibt Menschen mit schlimmeren Krankheiten.» Parkinson ändere nicht die Lebenserwartung, «nur» die Lebensqualität. Für sein Zittern, den so genannten Tremor, schämt sich der Kanadier, der seit 2019 den Schweizer Pass besitzt, überhaupt nicht. «Es stört mein Leben nicht. Ich kann gut schlafen. Einzig die Regeneration ist wichtig.»

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Ralph Krueger ist an Parkinson erkrankt. Das Wasserskifahren lässt er sich deswegen aber nicht nehmen.
Foto: Joseph Khakshouri

Denn rasch realisiert er: Je aktiver er ist, desto weniger zittert er. «Täglich bin ich mindestens zwei, drei Stunden in Bewegung oder treibe Sport in unterschiedlicher Intensität. Abwechslung ist bei einer Parkinson-Erkrankung wichtig.» Im Sommer findet man den fünffachen Opa, der mit seiner Frau Glenda (66) in Davos GR lebt, in den Bergen beim Wandern oder Biken, und regelmässig auf dem Tennisplatz. Am liebsten aber ist er ab dem Frühling auf dem Wasser, schwimmt, paddelt auf einem SUP – oder fährt Wasserski, und dies gelegentlich sogar bei Wettkämpfen in seiner Altersklasse.

Krueger lässt sich nicht vom Wasserskifahren abhalten – trotz Parkinson.
Foto: Joseph Khakshouri

«Meine Eltern waren Pioniere in Kanada, ich stand als Siebenjähriger erstmals auf Wasserskis.» Krueger stammt aus der kanadischen Provinz Ontario, ist abgelegen an einem der unzähligen Seen aufgewachsen ausserhalb des Städtchens Kenora zwei Autostunden östlich von Winnipeg. Nebst Eishockey, der Nummer 1, ist Wasserskifahren schon in seiner Kindheit eine Leidenschaft. Fürs Hockey ist der Ex-Stürmer Ende der 70er Jahre nach Europa gekommen – die Schweiz ist Ende der 90er Jahre zu seiner Wahlheimat geworden, als er seine erfolgreiche Trainer-Laufbahn (Feldkirch, Schweizer Nati) einschlägt.

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«Ich spüre mittlerweile gut, was für meinen Körper funktioniert»
Ralph Krueger über seine Parkinson-Erkrankung
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«Mein grosser Vorteil als Parkinson-Betroffener ist, dass ich auch nach meiner Profi-Spielerkarriere als Coach weiterhin im Gym gewesen und in Form geblieben bin. Seit meiner Diagnose ist der Sinn dahinter ein noch tieferer. Seither mache ich gezielt Krafttraining.» Die Krux dieser Krankheit: Kein Verlauf ist gleich, weil jeder Mensch anders ist. Es gibt laut Krueger nur einen bewiesenen Fakt: «Dass körperliche Betätigung die Entwicklung verlangsamt.» So beschränken sich die Symptome in seinem Fall auf das Zittern. «Ein Freund mit Parkinson ist davor verschont, leidet dafür an einer Steifheit in der Wirbelsäule.» Auch Demenz oder Herz-Probleme sind bekannte Erscheinungen in Verbindung mit Parkinson.

Eine grosse Frage treibt den Ex-Nati-Coach um

Die Erkrankung verändert Kruegers Perspektive aufs Leben, «ich mache alles noch bewusster». Er verzichtet auf Alkohol, trackt seinen Schlaf, «fast schon wie ein Wissenschaftler», hat die Ernährung etwas umgestellt. «Glenda ist eine tolle Köchin, es ist auch ein Hobby von uns. Ich spüre mittlerweile gut, was für meinen Körper funktioniert.» Und wie Parkinson funktioniert. Lange verzichtet der Ex-NHL-Trainer (Edmonton, Buffalo) auf Medikamente, weil er verstehen möchte, wie sich die Krankheit äussert und wie sie verläuft. Seine Familie unterstützt ihn dabei. Sohn Justin (39), ein Ex-Hockeyprofi (Bern, Lausanne), hat drei Töchter im Schulalter. Tochter Geena (36), die als Wasserskifahrerin an den World Games Bronze (2022) und Gold (2017) gewonnen hat, zwei kleine Kinder. «Meine Enkel haben mich wegen des Zitterns nie komisch angeschaut.»

Dennoch umtreibt Krueger zwei Jahre nach der Diagnose eine grosse Frage: «Wie will ich damit an die Öffentlichkeit gehen?» Denn der Dreifachbürger (Ka, De, Sz) steht nicht mehr im gesellschaftlichen Rampenlicht wie noch als Nati-Trainer. Er sieht sich als «Halb-Pensionierter», hält noch regelmässig Vorträge zu Themen wie Teambuilding und Motivation. Doch vor der Heim-WM in Zürich/Fribourg wird er für Interviews und ein Engagement von TV-Stationen angefragt. «Da hätte man das Zittern gesehen. Da ich mich ohnehin entschieden hatte, dass ich mit der Krankheit umgehen kann, entschied ich mich fürs Outing in den Medien.»

Krueger will sich als Parkinson-Patient weiter engagieren.
Foto: Joseph Khakshouri

Denn Krueger möchte anderen Betroffenen Mut machen. Dass er das kann, indem er die Thematik enttabuisiert, erlebt er kürzlich an einem Schwingfest in Murten FR. Man bitte ihn um eine Rede auf der Bühne, er spricht auch über sein Parkinson. «Es ist nur ein Teil von mir, aber nicht mein ganzes Ich», sagt er da. Danach bedankt sich ein älterer Mann mit Tränen in den Augen bei ihm dafür, er fühle sich nicht mehr allein. «Das hat mich sehr berührt.» Deshalb möchte sich Krueger weiter engagieren. Er trifft sich im Sommer mit Vertretern der «Michael J. Fox Foundation», der Stiftung des bekannten US-Schauspielers (64), die viel für die Parkinson-Forschung tut. Krueger möchte Menschen helfen – früher seinen Spielern, heute Parkinson-Erkrankten.

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