Power-Ranking der Swiss League
Im Wallis wird getrauert – Wohlwend in Olten angezählt

Sierre ist an der Spitze, aber tieftraurig wegen der Tragödie im Nachbarort Crans-Montana. Kevin Schläpfer macht sich zum magischen Sportchef. Und bei der Zirkusmannschaft Bellinzona wird der Goalie zum Torschützen. Das Power-Ranking der Swiss League.
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Marcel AllemannReporter Eishockey

1. (Vormonat 4.) Basel:
Als Sportchef Kevin Schläpfer im Herbst, mitten in der grössten Krise seit dem Basler Wiederaufstieg 2022, den Vertrag mit Trainer Eric Himelfarb ohne Not verlängerte, stellte sich die Frage, ob er noch Herr seiner Sinne ist. Knapp zwei Monate später lässt sich diese Frage mit einem fetten «Ja» beantworten – die ungewöhnliche Massnahme hat inzwischen fast schon etwas Magisches. Das Vertrauen in die Belegschaft hat diese richtiggehend entfesselt. Basel ist im Hoch, konnte zuletzt sechs Spiele in Folge gewinnen – am Samstag wurde in Olten aus einem 1:5-Rückstand noch ein 6:5-Spektakeltriumph gemacht. Die Playoff-Quali ist für das Team der Stunde längst nicht mehr infrage gestellt, dafür ein Vorrücken in die Top 5 wahrscheinlich. Dass das Aufstiegsgesuch von der Lizenzkommission aus wirtschaftlichen Gründen abgewiesen wurde, tragen die Basler mit Fassung – sie wollen für die Zukunft nachbessern.

Sein Trainerentscheid wurde angezweifelt, aber die Resultate geben Basel-Sportchef Kevin Schläpfer recht.
Foto: Martin Meienberger/freshfocus

2. (3.) Sierre:
Nur 16 Kilometer trennen Sierre von Crans-Montana. Entsprechend gross ist der Schock nach der Brandkatastrophe, von der auch Einwohner aus Sierre direkt betroffen sind. Das erste Heimspiel nach der Tragödie geht unter die Haut. Arm in Arm bilden die Spieler und Trainer von Sierre und Gegner Bellinzona zusammen mit den Schiris während der Gedenkminute einen Kreis. Die Fans verzichten während des Spiels auf Sprechchöre und Anfeuerung und bevorzugen an diesem Tag der Trauer die Stille. Dass Sierre die Partie mit 5:7 verliert, ist eine Randnotiz. Es ist verständlich, dass die Spieler den Kopf nicht bei der Sache haben. Ansonsten verschafft der HC Sierre der arg geprüften Region willkommene Ablenkung. Von den letzten zehn Spielen haben die Walliser sieben gewonnen und am Dienstag die Tabellenspitze übernommen.

Arm in Arm im Kreis trauern die Spieler und Trainer von Sierre und Bellinzona zusammen mit den Schiedsrichtern am 3. Januar um die Opfer von Crans-Montana.

3. (10.) Visp:
Auch die Visper sind wegen des Infernos in Crans-Montana, das lediglich 35 Kilometer entfernt liegt, tieftraurig. Auch ihre Gedenkminute am 2. Januar im Heimspiel gegen Arosa fällt sehr emotional aus, auch ihre Fans schweigen ein Drittel lang. Und auch den Spielern fällt es in diesen Tagen schwer, sich auf den Hockeyalltag zu konzentrieren. Vor dem Jahreswechsel legten sie eine Serie von sieben Dreiern in Folge hin, gegen Schlusslicht Arosa gibt es im Spiel der Trauer lediglich ein 4:3 nach Verlängerung und anschliessend eine 1:4-Niederlage gegen die GCK Lions. Durch die Siegesserie zuvor ist der Titelverteidiger aber in die Top 4 vorgestossen und hat unter Beweis gestellt, dass es bei Visp auch mit dem neuen Trainer Luca Gianinazzi und dessen Systemänderung funktionieren kann.

Der Lauf von Captain Daniel Eigenmann (l.) und seinen Vispern ist gestoppt worden.
Foto: Pascal Muller/freshfocus

4. (2.) Chur:
Gelegentlich fehlt etwas die Konstanz, aber von den letzten sieben Spielen konnten die jungen Churer dennoch fünf gewinnen – darunter zwei Derbys gegen Arosa, damit auch die Kirche im Dorf bleibt. Das kann sich für die Bündner Hauptstädter sehen lassen. Auch die Gerüchte, dass Churs Sportchef Björn Gerhard für den vakanten Job bei Ambri ein heisser Kandidat sei, wirkten nicht störend. Die Wahl fiel dort dann aber auf Nati-Direktor Lars Weibel und so kann sich Gerhard nun voll darauf konzentrieren, dass neben ihm auch das für Chur so wertvolle Trainerduo Reto und Jan von Arx über diese Saison hinaus an Bord bleibt. Im Idealfall werden in den nächsten zwei Wochen die Kugelschreiber gezückt.

Die Churer (hier im Vordergrund Verteidiger Finn Fuchs) schlagen sich weiterhin prächtig.
Foto: Michael Zanghellini/freshfocus


5. (1.) Thurgau:
Der Langzeit-Überraschungsleader musste Federn lassen und ist von Sierre abgesetzt worden. Von den letzten fünf Spielen gingen vier verloren. Was jedoch nicht so überraschend kommt – gleich drei Spieler (Haas, Geisser, Körbler) durften an die U20-WM, dazu liess man Ausländer Daniel Ljunggren trotz Meisterschaftsbetrieb mit Fribourg den Spengler Cup bestreiten. Es war davon auszugehen, dass das ständige Kommen und Gehen von Spielern, was bei Thurgau zum Konzept gehört, irgendwann zu einer Baisse führt. Aber die Thurgauer stehen weiterhin viel besser da, als man es vor der Saison erahnen konnte. Und unfassbar stark präsentiert sich auch weiterhin der vom SC Bern links liegengelassene Goalie Christof von Burg mit einer sensationellen Abwehrquote von 95,70 Prozent. Er macht das Beste aus einer für ihn persönlich unbefriedigenden Situation.

Daniel Ljunggren ist Thurgaus Leitwolf, aber durfte am Spengler Cup bei Fribourg mithelfen.
Foto: Martin Meienberger/freshfocus

6. (7.) ChdF:
Mit Siegesserien à la Visp oder Basel oder zuvor Thurgau wartet der grosse Favorit weiterhin nicht auf, aber er sammelt trotzdem beständig Punkte und wahrt sich so die Chance, um den Quali-Sieg mitzureden. Neben dem Eis wird zugleich eifrig an der Mannschaft der Zukunft gebastelt. Sechs Leistungsträger (Huguenin, Achermann, In-Albon, Loosli, Frossard, Gehringer) haben ihre Verträge verlängert. Als neues Goalie-Duo kommen Bryan Rüegger (Esbjerg) und Lucas Rötheli (Olten), während der bisherige Stammkeeper Viktor Östlund nach Biel wechselt und Stellvertreter Santo Simmchen gehen muss. Insgesamt haben die Neuenburger bereits 15 Spieler für die nächste Saison unter Vertrag. Weiter offen ist, wer Ende Saison Louis Matte als Trainer beerbt.

Der HC La Chaux-de-Fonds verliert seinen Stammgoalie Viktor Östlund an Biel, hat die Nachfolge aber bereits geregelt.
Foto: Martin Meienberger/freshfocus

7. (6.) Olten:
Die Solothurner lassen für ein Team, das in der erweiterten Spitze mittun will, viel zu viele Gegentreffer (109) zu. Da hilft es auch nur bedingt, wenn man am zweitmeisten Tore (141) schiesst. Nach einer 5:1-Führung am Wochenende das Prestige-Duell gegen Basel noch mit 5:6 zu verlieren, war eine Höchststrafe. Es war auch das vierte Spiel in Folge, in dem Olten mindestens sechs Gegentore kassiert hat. Das «Oltner Tagblatt» fand danach klare Worte und schrieb, dass seit November klar sei, dass es um das Verhältnis zwischen Headcoach Christian Wohlwend und einem Teil der Spieler nicht mehr zum Besten steht. Sportchef Thomas Roost machte im gleichen Artikel aber auch klar, dass eine Entlassung von Wohlwend nicht zur Debatte steht. Auch aus finanziellen Gründen ist ein Zusammenraufen die (vorerst) einzige Alternative. Der 4:1-Pflichtsieg am Dienstag in Arosa kann die Sturmböen zumindest für den Moment vertreiben.

In Olten soll es um das Verhältnis zwischen Trainer Christian Wohlwend und einigen Spielern nicht mehr zum Besten stehen.
Foto: Urs Lindt/freshfocus

8. (5.) Bellinzona:
110 Zuschauer ziehen die Tessiner durchschnittlich an, hätten aber ein Vielfaches davon verdient. Denn sie sind die Zirkusmannschaft der Swiss League, die für jeden Spass zu haben ist. Aber die Trainer in die Verzweiflung treibt, vor allem den eigenen Nicola Pini. Mal verlieren die unberechenbaren Snakes das Kellerduell gegen Arosa mit 3:4, um anschliessend auswärts Topteam Sierre zu bezwingen. Dabei liefern sie auch noch Resultate, die der Hockeyfan in der Regel nur von der Playstation kennt. Da war ein 7:5-Sieg beim traurigen Spiel in Sierre, bei dem sogar Goalie Edoardo Berti zum offiziellen Torschützen wurde, weil er als letzter Tessiner am Puck war, bevor die Walliser ein kurioses Eigentor produzierten. Da war auch eine 7:8-Niederlage nach Verlängerung gegen Olten. Acht Gegentore kassieren und trotzdem einen Punkt mitnehmen – das soll erst mal einer nachmachen.

Wenn die Bellinzona Snakes mit ihren roten Trikots auftauchen, wird es selten langweilig.
Foto: Marusca Rezzonico/freshfocus

9. (9.) Winterthur:
Am 11. Dezember ereilte die Swiss League mit dem Rückzug von Winterthur per Ende Saison eine weitere Schreckensnachricht. Diese wirkte sich auch auf die Leistungen der Spieler aus – die folgenden sechs Partien gingen genauso verloren wie der Kontakt zu den Playoff-Rängen. Erst nach Neujahr haben sie sich gefangen und mit zwei überzeugenden 5:1-Siegen gegen die GCK Lions und Bellinzona ein Lebenszeichen von sich gegeben. Schliesslich geht es für jeden Einzelnen um seine Zukunft, die Winti-Spieler werden aktuell von ihren Agenten in der ganzen Liga angeboten – da muss man auch performen. Am besten gelingt dies statistisch derzeit Emil Molin (Topskorer), Marc Steiner (bester Verteidiger) und dem starken Goalie David Brodecky.

Marc Steiner (r.) gibt vollen Einsatz und darf sich berechtigte Hoffnungen machen, dass er nach dem Aus von Winterthur eine Anschlusslösung findet.
Foto: Martin Meienberger/freshfocus

10. (8.) GCK Lions:
Das Farmteam der ZSC Lions hat einen enttäuschenden Dezember hinter sich, sieben von neun Spielen gingen verloren. Gewöhnlich entwickelt sich die Mannschaft mit den vielen jungen Spielern im Lauf einer Saison und wird stärker. Davon ist in dieser Spielzeit aber wenig zu sehen. Abgesehen vom bereits bestandenen Daniil Ustinkov stellte die ZSC-Organisation im Vergleich zu früher auch keine weiteren Teilnehmer für die U20-Nati an der WM. Dies zeigt, dass man gerade mit einigen schwächeren Jahrgängen als in anderen Jahren zu kämpfen hat. Immerhin konnten die GCK Lions nach Neujahr den Bock mit bemerkenswerten Siegen gegen Thurgau und Visp umstossen und Rang 8 festigen.

Daniil Ustinkov war der einzige Junglöwe an der U20-WM.
Foto: Pius Koller

11. (11.) Arosa:
Der Aufsteiger bezahlt mit seiner jungen Billig-Truppe viel Lehrgeld. Die Aroser reihten im November und Dezember 17 Niederlagen aneinander, ehe diese triste Bilanz zum Jahresende mit einem 4:3-Heimsieg gegen Bellinzona endlich beendet werden konnte. Mit so vielen Niederlagen und dem parallel dazu immer mehr schwindenden Selbstvertrauen umzugehen, ist für Trainer Rolf Schrepfer und seine Grünschnabel-Equipe eine heftige Herausforderung. Aber immerhin befindet sich der Traditionsverein mit Bellinzona noch immer in einem spannenden Direktduell um den vorletzten Platz. Ob’s für den Gewinner eine goldene Ananas gibt? Und Topskorer Emilijus Krakauskas empfiehlt sich mit der mit Abstand besten Saison seiner Karriere mit Hochdruck für höhere Aufgaben.

Emilijus Krakauskas, Litauer mit Schweizer Lizenz, hat beim EHC Arosa auf sich aufmerksam gemacht.
Foto: Pius Koller
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