Herr Berger, wird Ihnen in Langnau immer noch ab und zu in den Beizen ein Bier spendiert?
Jürg Berger: Ja, das kommt auch heute noch regelmässig vor, obwohl der Grund dafür schon über ein halbes Jahrhundert zurückliegt.
Im November 1975 lag der SC Langnau beim SC Bern kurz vor Schluss 1:3 zurück, doch …
Michael Horisberger: … dann hatte Jürg seinen grossen Auftritt, indem er zuerst zwei Tore schoss und danach den Siegtreffer vorbereitete.
Berger: Das war tatsächlich eines meiner schönsten Erlebnisse. Auf der Rückfahrt hatten wir im Car fast das grössere Fest als nach der Meisterfeier. Und seitdem wird mir in Langnau immer mal wieder ein Bier offeriert. Eigentlich verrückt, denn ein paar Spiele zuvor hatte ich beim 6:1-Sieg gegen Kloten vier Tore geschossen und ein fünftes noch vorbereitet. Doch darüber redet längst niemand mehr, weil es halt kein Derby war.
Der 71-jährige Stürmer spielte bis auf je eine Saison bei Servette und Ambri stets für Langnau. In 438 Spielen schoss er 200 Tore. Später war er während zwei Jahren Assistent von SCL-Trainer Köbi Kölliker. Seine legendäre Pferdemetzgerei verkaufte er 2020. Heute lebt er zusammen mit seiner Frau Lydia in Bärau. Das Paar hat zwei Kinder und vier Enkel.
Der 71-jährige Stürmer spielte bis auf je eine Saison bei Servette und Ambri stets für Langnau. In 438 Spielen schoss er 200 Tore. Später war er während zwei Jahren Assistent von SCL-Trainer Köbi Kölliker. Seine legendäre Pferdemetzgerei verkaufte er 2020. Heute lebt er zusammen mit seiner Frau Lydia in Bärau. Das Paar hat zwei Kinder und vier Enkel.
Wie gross war in den 70er-Jahren die Rivalität zwischen Langnau und Bern?
Horisberger: Sehr ausgeprägt. Wir waren halt die «Buurebuebe» und sie die reichen Städter.
Wart Ihr «Buurebuebe»?
Horisberger: Nein, meine Eltern hatten eine Metzgerei, die ich dann übernahm.
Berger: Und ich machte eine Lehre als Werkzeugmacher und blieb bis zur Pensionierung der Firma treu.
Wie war Ihre Kindheit?
Berger: Sehr harmonisch. Mein Vater war auf der Eisbahn Platzkassier. Dadurch kam ich zum Eishockey.
Horisberger: Eigentlich sehr schön, obwohl unsere Familie früh einen Schicksalsschlag erlitten hat, denn als ich drei Jahre alt war, starb mein älterer Bruder an Starrkrampf. Er wurde vom Meerschweinchen unseres Nachbarn gebissen und danach leider vom Doktor falsch behandelt.
Haben Sie noch Erinnerungen an Ihren verstorbenen Bruder?
Horisberger: Ich sehe nur noch ein Bild vor meinem geistigen Auge, wie er hinter dem Wohnzimmer im Büro der Eltern für ein paar Tage aufgebahrt war.
Der 72-jährige Stürmer spielte in den höchsten Ligen nur für Langnau. Er nahm an mehreren Weltmeisterschaften und an Olympia 1976 teil. Bis heute lebt er mit seiner Frau Veronika in Langnau. Das Paar hat zwei Kinder. Berger arbeitet noch als Eismeister auf dem offenen Eisfeld in Langnau.
Der 72-jährige Stürmer spielte in den höchsten Ligen nur für Langnau. Er nahm an mehreren Weltmeisterschaften und an Olympia 1976 teil. Bis heute lebt er mit seiner Frau Veronika in Langnau. Das Paar hat zwei Kinder. Berger arbeitet noch als Eismeister auf dem offenen Eisfeld in Langnau.
Lassen Sie uns übers Hockey reden. Die Berner Derbys schrieben zahlreiche Geschichten. Einmal soll Berns Roland Dellsperger nach einem Duell gegen Langnaus Simon Schenk einige Zähne verloren haben.
Horisberger: Das stimmt so nicht ganz, der Übeltäter war nicht Schenk, sondern sitzt links neben mir.
Berger: Das war aber unabsichtlich, ich habe ja nicht einmal eine Strafe kassiert.
Horisberger: Komm, erzähl, was passiert ist.
Berger: Als wir aneinandergerieten, wollte ich mich befreien. Dabei habe ich ihn mit dem Stock erwischt und ein paar Zähne rausgeschlagen.
Ein paar Zähne? Die Rede war von neun!
Horisberger: Er hatte ja auch nicht die schönsten … Danach hat Roland noch das Lavabo zertrümmert und er musste der Legende nach die Reparaturkosten von 280 Franken selber bezahlen. Etwas Ähnliches war mir übrigens auch mit Renzo Holzer passiert. Als wir uns in einer Ecke prügelten, fiel er dumm hin. Als ich ihn am nächsten Tag in der Handelsschule wieder sah, fehlten ihm zwei Zähne.
Selbst der SCB-Materialwart Hansueli Fuhrimann soll mal bei einem Derby zu Schaden gekommen sein.
Horisberger: Der stellte seine Tasche provokativ direkt zu uns rüber. Da sagte ihm mein Teamkollege Peter Lehmann: «Nimm die Tasche weg, sonst knallt es.» Als er zweimal der Aufforderung nicht nachkam, hat es tatsächlich geknallt.
Fuhrimann soll dabei eine Gehirnerschütterung erlitten haben.
Horisberger: War das so? Bei einer Gehirnerschütterung lässt es sich ja nie objektiv sagen, ob das so war oder nicht.
Wie wurden Sie jeweils in Bern empfangen?
Horisberger: Nicht sehr nett. Bei einem meiner ersten Spiele war meine Frau dabei. Als die 16’700 Zuschauer alle «Horisberger Souhund» schrien, war sie schon ein bisschen irritiert.
Berger: Apropos Auswärtsspiel in Bern: Da fällt mir eine Anekdote ein. Ich arbeitete damals bei der Firma Frama, deren Chef sehr sportbegeistert war. Als sie Werbung bei uns machten, durfte er mit dem Car ans Spiel in Bern fahren und dort an der Bande stehen. Und was passierte dann? Ich musste in der ersten Minute nach einer Schlägerei mit Lauri Mononen vorzeitig unter die Dusche. Das war mir schon ein bisschen peinlich.
Was fällt Ihnen beim Namen Kurt Sepp ein, der 1973/74 bei Langnau Ihr Trainer war?
Berger: (Lacht) Egerkingen!
Das müssen Sie jetzt erklären.
Berger: Wenn wir auswärts in Zürich spielten, stieg er jeweils in Egerkingen in den Mannschaftscar zu, weil er in Basel wohnte. Einmal sagte unser Captain Fritz Lehmann: «Es wäre eigentlich noch schön, wenn wir einfach vergessen würden, anzuhalten.»
Horisberger: Lassen Sie es uns so formulieren: Wir haben dann einfach vergessen, dem Chauffeur zu sagen, er müsse einen Zwischenstopp einlegen und fuhren direkt nach Zürich.
Wie ging die Geschichte aus?
Berger: Als wir in Zürich angekommen waren, wurde Fritz Lehmann ans Telefon gerufen. Am anderen Ende war Sepp in der Leitung. Weil der auch noch sein Portemonnaie vergessen hatte, hatte er kein Geld fürs Benzin seines Privatautos. Doch irgendwie schaffte er es doch noch rechtzeitig nach Zürich. Es wäre aber auch egal gewesen, wenn er zu spät gekommen wäre …
Warum?
Horisberger: Das Emmental und ein Deutscher – irgendwie hat das nicht gepasst. Als wir mal nach einer Niederlage am nächsten Tag ein Training hatten, ging mein Vater zu Sepp und sagte ihm: «Wenn Langnau wegen dir absteigt, hänge ich dich eigenhändig hoch an diese grosse Tanne.» Und jetzt fällt mir grad noch eine Geschichte mit Sepp ein.
Erzählen Sie.
Horisberger: Bei uns spielten ein Maurerlehrling und ein Heizungsmonteur, die am Umbau des Altersheims beteiligt waren. Als die die Aufrichtung feierten, kamen sie danach beschwipst ins Training. An der blauen Linie fuhren sie ineinander und konnten nicht einmal mehr aufstehen. Sie mussten danach zur Bande kriechen, um sich aufzuziehen. Als Sepp mit ihnen reden wollte, konnten die Spieler nicht stehenbleiben. Sie fuhren dauernd um Sepp rum und er musste sich deshalb immer wieder drehen, um mit ihnen schimpfen zu können.
Damals war alles noch hemdsärmeliger. Wie gingen Sie mit Journalisten um, die aus Ihrer Sicht «en Seich» schrieben?
Berger: Einmal sassen wir in einer Beiz. Als wir heimgehen wollten, sahen wir das Auto eines Journalisten, der uns aufgeregt hatte und dessen Name mir jetzt grad entfallen ist. Also packten wir seinen kleinen MG und trugen ihn rüber aufs Perron 1. Zusätzlich liessen wir durchs Dachverdeck noch ein paar Milchkannen reinfallen.
1976 wurde Langnau zum ersten und bis heute einzigen Mal Meister. Wann realisierten Sie, dass das möglich sein könnte?
Horisberger: Wir waren damals wirklich eine verschworene Truppe, die fast alle aus Langnau kamen. Jürg und ich kennen uns zum Beispiel schon seit der Primarschule. Nach den Trainings gingen wir oft in den Löwen etwas trinken, das war eine Tradition. Gab es mal Probleme, haben wir offen einander gesagt, was einem nicht passt.
Berger: Wir hatten es wirklich gut miteinander und waren alles «Büezer». Unser Spielertrainer Jean Cusson war der einzige Profi.
Horisberger: Ich habe an Spieltagen jeweils bis 15 Uhr in der Metzgerei gearbeitet. Dann ging ich kurz schlafen und um 17 Uhr ass ich ein Entrecôte. Danach fuhr mich meine Frau zur Ilfishalle. Das Wichtigste dabei: Sie durfte auf keinen Fall mit mir reden und im Strassenverkehr keinen Fehler machen.
Berger: Um Ihre Frage zu beantworten: Ich war in der Meistersaison an den Olympischen Spielen in Innsbruck. Danach gab es noch vier Meisterschaftsspiele. Uns war spätestens da bewusst, dass wir tatsächlich Meister werden könnten.
Das entscheidende Spiel war das letzte am 2. März 1976 zu Hause gegen Biel.
Berger: An jenem Dienstagabend war das ganze Dorf auf den Beinen und die Ilfishalle ausverkauft.
Horisberger: Es war übrigens die erste Saison, in der unser Eisfeld überdacht war. Damals spendeten viele Bauern eine Tanne, mit der dann das Dach gebaut wurde.
Wie war die anschliessende Meisterfeier?
Horisberger: Ich weiss noch, dass es im Restaurant Ilfisbrücke ein halbes Poulet mit Pommes frites gab.
Berger: Und natürlich gab es auch das eine oder andere Bier.
Horisberger: Und noch einen kleinen Eklat. Als ein Spieler während der Meisterfeier einer anderen Frau ein bisschen näherkam, schritt seine Ehefrau resolut ein, und schon hat sie ihm eine geknallt.
Berger: Heute unvorstellbar: Am nächsten Tag stand ich um 7 Uhr wieder in der Bude.
Und Sie, Herr Horisberger?
Horisberger: Hätten Sie meinen Vater gekannt, hätte Sie mich das nicht gefragt. Er hat mir immer gesagt: «Wenn du Hockey spielen kannst, dann kannst du auch arbeiten.»
Was gab es für den Meistertitel?
Berger: Das weiss ich echt nicht mehr. Wahrscheinlich zwei- bis dreihundert Franken. Doch Geld hat uns nie richtig interessiert. Als wir anfingen, haben wir fast nichts verdient, und auch einen Grossteil unseres Materials mussten wir selber berappen.
Zwei Jahre später hätte Langnau nochmals Meister werden können.
Berger: Das war brutal. Im letzten Spiel gegen den SCB hätte uns ein Sieg gereicht, um den Titel zu gewinnen. Der Pokal stand in der Ilfishalle schon auf der Tribüne. Doch leider verloren wir und Biel wurde Meister. Der Vertreter der Liga musste deshalb mit dem Pokal im Gepäck im Schneetreiben möglichst schnell nach Biel fahren.
Herr Horisberger, wer war Ihr verrücktester Teamkollege?
Horisberger: Der sitzt hier mit am Tisch. Jürg war genial, ein Sven Andrighetto heute ist nichts dagegen. Doch manchmal zeigte Jürg auch seine andere Seite, und wir hatten das Gefühl, wir ständen nur zu viert auf dem Eis.
Apropos Verrückter: Sie erlebten danach auch noch Todd Elik.
Horisberger: Nach meiner Spielerkarriere war ich der Assistent von Trainer Köbi Kölliker. Im Frühjahr 1999 spielten wir in der Liga-Qualifikation gegen Chur. Wir fühlten uns damals ungerecht behandelt, weil Todd Elik für alles immer gleich auf die Strafbank geschickt wurde. Vor dem entscheidenden siebten Spiel mussten wir uns deshalb etwas einfallen lassen.
Was war Ihr Plan?
Horisberger: Damals gab es die Vorschrift, dass die Spielerbank überdacht sein muss, was in Chur nicht der Fall war. Deshalb hatten wir uns etwas ausgedacht. Sollten wir zurückliegen, hätten wir so getan, als ob ich von einer Flasche am Kopf getroffen worden wäre. Ich wäre dann mit einem Teamhelfer in die Kabine gegangen und hätte mir dort mit einem Messer einen kleinen Schnitt in die Kopfhaut zugefügt, damit es blutet. Dann hätten wir Forfait gewonnen und wären nicht abgestiegen. Doch vor allem dank Elik war das gar nicht nötig. Beim 7:2-Triumph schoss er ein Tor und bereitete die sechs weiteren Treffer vor.
Elik sorgte aber auch abseits des Eisfelds für Schlagzeilen.
Horisberger: Todd war en «todliebe Cheib». Er war morgens jeweils der Erste auf dem Feld und abends der Letzte, der ging. Doch wenn er in den Restaurants unterwegs war und ein bisschen zu viel trank, konnte es kippen. Ich musste deshalb ein paarmal bei den Wirten vorbeischauen und schlichten.
Herr Berger, Ihre Karriere endete 1992 brutal.
Berger: Da muss ich kurz etwas ausholen. 1991 kehrte ich nochmals zu Langnau zurück, die mittlerweile in die 1. Liga abgestiegen waren. Das Witzige daran: Ich habe in der 1. Liga besser verdient als früher in der Meistersaison. Wir stiegen damals in die NLB auf. Nach der Saison feierte unser Goalie Werner Eberle auf dem Napf seine Hochzeit. Als ich mit dem Bike nach Hause fahren wollte, bin ich schwer gestürzt und zog mir ein Schädel-Hirn-Trauma zu.
Wie dramatisch war der Unfall?
Berger: Ich kann mich an kaum etwas erinnern und hätte sehr grosse Beeinträchtigungen davontragen können. Ich lag insgesamt 14 Tage im Koma.
Die letzte Frage: Werden Sie einen zweiten Meistertitel von Langnau noch erleben?
Horisberger: Ich hoffe es natürlich, aber ich bin realistisch. Das Eishockey hat sich extrem weiterentwickelt und die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich immer mehr geöffnet. Von unserer aktuellen Mannschaft könnten wahrscheinlich nur wenige Spieler für die ZSC Lions spielen. Deshalb befürchte ich, dass wir noch für längere Zeit die letzten Langnauer Meister-Helden sein werden.

