«Irgendwann braucht es ein neues Gesicht»
Kündigt Erfolgstrainer Paterlini seinen Abschied aus Langnau an?

Überraschungsteam 2024/25, Überraschungsteam 2025/26. Die SCL Tigers sind unter Thierry Paterlini (50) eine Wucht. Doch wie lange können die Emmentaler ihren charismatischen Erfolgstrainer noch halten? Der Zürcher nimmt im Interview Stellung.
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Aus Thierry Paterlini wurde in Langnau die grösste Schweizer Trainerhoffnung.
Foto: PIUS KOLLER
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Marcel AllemannReporter Eishockey

Sie stehen mit den SCL Tigers mit Rang 8 ausgezeichnet da. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?
Thierry Paterlini (Trainer SCL Tigers): Wir haben darauf hingearbeitet, dass wir genau diese Ausgangslage bekommen, in der wir uns jetzt befinden. Wir haben alles in den eigenen Händen, spannende Spiele vor uns und sind, wie ich finde, gut im Schuss. Das Team funktioniert, und wir sind bereit für diese letzte Phase vor der Olympia-Pause.

Wie ist es möglich, dass Langnau trotz den prominenten Abgängen von Charlin, Saarijärvi, Zanetti und Saarela wieder gleich gut dasteht wie in der Vorsaison?
Das frage ich mich auch (lacht). Die Veränderungen waren sicher spürbar und dürfen nicht unterschätzt werden. Dazu kamen die Rücktritte von Pascal Berger und Claudio Cadonau, die mit ihrer Erfahrung in der Garderobe enorm wichtig waren, da sie in turbulenten Phasen viel Ruhe ausstrahlten. In einer solchen Phase steckten wir bereits zu Beginn der Saison, als wir im ersten Spiel auch noch Juuso Riikola verletzungsbedingt verloren haben. Aber die Mannschaft hat sich da extrem gut gewehrt und schnell entwickelt. Wir haben in Ruhe weitergearbeitet.

Ist Langnau sogar noch besser als letzte Saison?
Einzelne Saisons miteinander zu vergleichen, ist immer schwierig. Zudem ist bis jetzt auch noch nichts erreicht oder geschehen. Daher wäre es auch gefährlich, solche Aussagen zu machen. Wir haben uns in eine gute Ausgangslage gebracht, und dies wollen wir jetzt nutzen.

Es fällt auf, wie viele Spieler sich in dieser Saison nochmals weiterentwickelt haben. Sie müssen ein ziemlich guter Trainer sein.
Wenn Sie von mir sprechen, dann müssen Sie von unserer ganzen Coaching-Gruppe sprechen. Bei uns gibt es Chancen für Spieler, wir können ihnen die Plattform für eine Entwicklung bieten. Spieler, die gewillt sind zu arbeiten, stossen bei uns auf nahrhaften Boden. Ich bin froh, dass einige einen Schritt gemacht haben, darauf sind wir auch angewiesen. Denn durch die erwähnten Abgänge sind Lücken entstanden, die wir füllen mussten. Die Mannschaft erarbeitet sich die Basis, und dann gibt es den einen oder anderen, der den Unterschied ausmachen kann. Dies zu sehen, ist toll.

In der Not mussten Sie in der Verteidigung auf die Grünschnäbel Mathys und Lehmann setzen, die sich anschliessend aber schon positionieren konnten. Mit welchem Gefühl haben Sie diese jungen Spieler eingesetzt?
Mit einem sehr guten, denn ich sehe täglich, mit welcher Leidenschaft und Leichtigkeit sie an die Arbeit gehen. Manchmal tut es auch gut, junges, frisches Blut dabeizuhaben. Dass bei ihnen noch nicht alles so abgeklärt sein kann wie bei einem Routinier, ist aber auch klar.

Sie verzeihen ihnen auch Fehler, ohne dass sie gleich abgestraft werden. Wie zuletzt Lehmann, als er gegen Lugano bei einem Gegentor nicht gut aussah. Wie stehen Sie dazu?
Das mit den Fehlern ist immer so eine Sache. Einen Fehler macht in diesem Spiel auch Sean Malone am Schluss, als er sein Eins-gegen-eins verliert, was zum Ausgleich führt. Ein routinierter Ausländer kann genauso einen Fehler machen wie ein junger, und ich bin dem jungen genau gleich böse wie dem alten. Wir haben es uns auf die Fahne geschrieben, dass wir mit Fehlern umgehen können und wollen. Wir können mit diesen Fehlern gut leben, denn ohne sie kann man sich auch nicht weiterentwickeln.

Thierry Paterlini persönlich

Der Zürcher Thierry Paterlini (50) schaffte es via Kloten-Nachwuchs und GC in die NLA, in der er für Bern, Davos, die ZSC Lions, Lugano und Rappi spielte. Für die Nati bestritt der zweikampfstarke Stürmer acht WM-Turniere und die Olympischen Spiele 2006 und 2010. Nach seinem Rücktritt 2013 schlug Paterlini eine Trainerkarriere ein, via Bülach, den Verband (als U18- und U20-Nati-Coach) und La Chaux-de-Fonds landete er 2022 in Langnau, wo er nach zuvor schwierigen Jahren die Leistungskultur zurückbrachte. Bei den SCL Tigers hat Paterlini einen Vertrag bis 2027.

Der Zürcher Thierry Paterlini (50) schaffte es via Kloten-Nachwuchs und GC in die NLA, in der er für Bern, Davos, die ZSC Lions, Lugano und Rappi spielte. Für die Nati bestritt der zweikampfstarke Stürmer acht WM-Turniere und die Olympischen Spiele 2006 und 2010. Nach seinem Rücktritt 2013 schlug Paterlini eine Trainerkarriere ein, via Bülach, den Verband (als U18- und U20-Nati-Coach) und La Chaux-de-Fonds landete er 2022 in Langnau, wo er nach zuvor schwierigen Jahren die Leistungskultur zurückbrachte. Bei den SCL Tigers hat Paterlini einen Vertrag bis 2027.

Seit Sie in Langnau sind, werden auch Sie permanent gelobt. Viele sehen Sie als den neuen Wundertrainer im Schweizer Eishockey. Wie gehen Sie mit diesen Komplimenten um?
Die Komplimente, die mich wirklich berühren, sind jene auf der Strasse, wenn mir die Leute im Dorf auf dem Heimweg zuzwinkern. Oder mir sagen, auch wenn wir verloren haben, wir würden gut spielen. Das sind für mich megaschöne Feedbacks, die ich gerne entgegennehme. Auf der anderen Seite muss man aber vorsichtig sein. Das habe ich schon als Spieler und jetzt auch als Trainer erlebt. Es ist schön, wie es gerade ist, und wir sind froh, dass wir unseren Spielern helfen können. Aber ich bin ein kleiner Teil davon, da steckt ein ganzer Coaching-Staff dahinter, der viel Zeit mit den Spielern verbringt, damit sie besser werden können. Ich begünstige für sie lediglich die Rahmenbedingungen.

Aber der Fokus liegt trotzdem auf Ihnen. Wie gehen Sie mit diesem Scheinwerferlicht um?
Ich nehme es zwar wahr, dass von mir und von uns gesprochen wird, aber ich werte dies nicht. Ich nehme es entgegen und finde es toll, dass wir den Respekt der Hockey-Schweiz bekommen. Aber mir deswegen etwas herausziehen möchte ich auf keinen Fall. Wir müssen die Füsse unbedingt am Boden behalten.

Trotzdem fragt sich die ganze Hockey-Schweiz: Wann zieht Thierry Paterlini zu einem Grossklub weiter und spielt um den Titel? Haben Sie einen dahingehenden Businessplan, oder ist dies im Eishockey unmöglich?
Allein in dieser Woche mussten wieder zwei Trainer gehen, und in der letzten Saison war es rund die Hälfte. Natürlich versucht man, an Orte zu wechseln, wo man gute Chancen hat, etwas zu bewegen. Für mich war das Langnau und wird es auch nächste Saison noch sein. Ich finde hier alles vor, was ich brauche, um mich wohlzufühlen und gut arbeiten zu können. Was aber nach diesem dann insgesamt fünften Jahr in Langnau sein wird, wenn mein Vertrag ausläuft, kann ich Ihnen nicht sagen. In unserer Branche ist das noch sehr weit weg.

Haben Sie demnach gar nicht so den Drang, eines Tages für einen Spitzenklub zu arbeiten?
Doch, den habe ich schon, und die Möglichkeit wird vielleicht auch kommen. Aber Spitzenklub hin oder her, ich bin sehr dankbar, Headcoach hier in Langnau sein zu dürfen. Selbstverständlich ist das nicht. Man muss sich allerdings bewusst sein, und das habe ich als Spieler auch erlebt: Wenn man lange immer denselben Trainer hat, kann sich das abnutzen. Wir müssen uns auch hier in Langnau ein Stück weit stets etwas neu erfinden, damit es nicht immer die gleiche Platte ist, welche die Spieler zu hören bekommen. Irgendwann ist dann vielleicht mal fertig, und es braucht ein neues Gesicht. Ob dies nach der nächsten Saison der Fall sein wird oder nicht, werden wir dann sehen.

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