Darum gehts
Gespräche mit Roger Rönnberg sind fesselnd. Der Schwede ist ungefiltert, authentisch, direkt. Die Emotionen mal zurückhalten? Das will der 54-Jährige nicht. «Ich wäre ein schlechter Pokerspieler», sagt er schmunzelnd. Als er Blick im November 2024 enthusiastisch verrät, dass er auf Google Maps bereits den potenziellen Meisterplatz in Fribourgs Altstadt gefunden hat, kommt die Aussage in seiner Heimat nicht nur gut an. Denn: Zu jenem Zeitpunkt ist Rönnberg noch bei Frölunda Göteborg Trainer, in seiner zwölften Saison.
Man rät ihm, sich nicht mehr zu seinem künftigen Klub Gottéron zu äussern, sondern sich auf Frölunda zu fokussieren. Im Halbfinal – dem vierten in Folge – scheitert Rönnberg am späteren Meister Luleå, dem Team aus seiner Heimatstadt. Er stammt aus Nordschweden und aus einer Arbeiterfamilie. Eine grosse Karriere als Spieler? Sucht man bei Rönnberg vergeblich. Er studiert in Umeå Psychologie, startet mit 29 bei Luleås U20 seine Trainerkarriere, bleibt bis 2010 beim Klub – mit Ausflügen ins Coachingteam von Schwedens Nationalteam. Danach übernimmt er die U20 der «Tre Kronor». Der erste Triumph seiner Karriere: Gold an der U20-WM 2012.
Auf dem Weg zu diesem Erfolg hat der Hockey-Nerd erstmals auf die Hilfe eines Psychologen vertraut: Professor John Jansson lernt Rönnberg während seines Studiums in Umeå kennen. Seit 15 Jahren zieht er ihn zurate und macht ihn als psychologischen Berater zum Teil seines Staffs. Auch in Fribourg? «Noch nicht.» Für den Gottéron-Trainer hat es stets dazugehört, dass Spieler Persönlichkeitstests absolvieren müssen, «damit ich sie besser kennenlernen konnte. Denn jeder tickt anders.»
Er selbst macht bei sich keine Ausnahme. «Meine Testresultate ergaben immer, dass ich rastlos und aufgeschlossen bin.» Rönnbergs Überzeugung dahinter: «Ich muss mich selbst gut kennen, wenn ich mit anderen Menschen arbeite.»
Wegbegleiter beschreiben den zweifachen SHL-Meister und vierfachen CHL-Gewinner als detailversessen, als einen Hockey-Nerd, der immer einhundert Prozent in jede Sache steckt, der wissbegierig ist, nicht nur das Hockey und sein Team weiterentwickeln möchte – sondern auch sich selbst. In Schweden weiss man bestens, wie die Trainerlegende tickt. Er ist ein Entertainer, der gleichzeitig mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält.
In einem Pauseninterview klebt er sich vor laufender Kamera ein silbernes Tape über den Mund, demonstrativ dafür, dass er nicht (mehr) über die Schiedsrichterleistung sprechen möchte. Die phasenweise laut gewordene Kritik, Rönnberg wolle mit solchen Auftritten nur Aufmerksamkeit heischen, wischen Kenner seiner Karriere beiseite. «Er verstellt sich nicht», sagt ein Journalist, der einzig Frölunda begleitet. «Alles widerspiegelt seine Emotion in jenem Moment sowie seine Leidenschaft fürs Hockey.»
Wie also geht ein Trainer, der sich im letzten Jahrzehnt beim gleichen Team nicht mehr hat beschreiben und erklären müssen, mit der Situation bei einem neuen Klub um, wo er ein Unbekannter ist? «Es war ein Neustart nach einer langen Reise», so Rönnberg, «ich wusste nicht, was Normalität in Fribourg bedeutet. Ich kam mit Plänen im Kopf, die ich ändern und anpassen musste.»
Er habe seine Ideen, seine Philosophie des Hockeys an den Mann bringen müssen, an die Spieler, die Klubfunktionäre. Auch damit möchte er die Beziehung zueinander, das Gemeinschaftsgefühl aufbauen und stärken. Die Verbundenheit bei Gottéron beeindruckt den Headcoach. «Ich kann spüren, dass alle mit der gleich starken Energie bei der Sache sind. So tanke auch ich immer wieder neue Energie für meine Aufgaben hier.» Und das grosse Meister-Ziel.
Die Hockey-Idee der Trainergrösse? Rönnberg setzt auf Eigenverantwortung. «Ich bin überzeugt, dass ein Gewinnerteam von dessen hartem Kern angeführt wird.» So hat er es über all die Jahre bei Frölunda gehalten. Bei einem Trainingsbesuch sieht Blick vor eineinhalb Jahren, dass er die Übung stoppt und die Meinung der Spieler dazu wissen möchte. «Mir ist es egal, ob ein Trainer oder einer der Spieler die beste Idee für unser System, das Power- oder Boxplay hat», erklärt Rönnberg, «wir arbeiten als Gruppe mit einer flachen Hierarchie.» Er gebe einfach den Rahmen des Systems oder der Taktik vor.
In diesem Zusammenhang erlebt er in Fribourg die für ihn bisher grösste Überraschung, wie er sagt. «Die Spieler hier sind loyale Krieger, die dem Plan folgen, den ihnen der Boss, also der Trainer, vorgibt.» Nichts Negatives, aber für Rönnberg etwas anderes. Er möchte selbständige Spieler, die sich einbinden. Nun sucht er den perfekten Mix der beiden Hockey-Kulturen. «Wir haben schon viel voneinander gelernt», ist er überzeugt. So habe das Team angefangen, ihm Feedback zu geben. «Zum Beispiel, dass ich nicht so viel Energie auf Schiedsrichterentscheide verschwenden soll. Und dass ich nach Niederlagen nicht so gedrückt in die Kabine kommen soll. Das helfe ihnen nicht, stattdessen soll ich ihnen die Gründe aufzeigen.» Für ihn, so betont er, das perfekte Beispiel, um zusammenwachsen zu können für die Titel-Mission. Über den potenziellen Meisterplatz bei der St.-Nikolaus-Kathedrale in Fribourgs Altstadt sei er mittlerweile schon mehrere Male live spaziert, lässt Rönnberg noch grinsend wissen.
