Hier wird das Porträt von Witschi mit dem Tram ausgeliefert
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Wer zahlt es am Schluss?Hier wird umstrittenes Neukom-Gemälde durch Zürich transportiert

Zürcher Porträt-Posse
Witschis Neukom-Bild beim Kanton angekommen – per Tram!

Eines der drei umstrittenen Porträts von Regierungsrat Martin Neukom ist beim Kanton Zürich angekommen. Doch geklärt ist damit noch längst nicht alles: Wem gehört das Bild – und was geschieht nun damit?
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Der Künstler Hans Witschi und die drei Porträts, die er von Regierungsrat Martin Neukom gemalt hat.
Foto: Stefan Bohrer
Von Peter Hossli (Text) und Stefan Bohrer (Fotos)

Es riecht nach kaltem Kaffee und Ölfarben. An diesem Mittwoch um 11 Uhr betritt Galerist Stephan Witschi (69) das Zürcher Atelier von Kunstmaler Hans Witschi (72) im Seefeld-Quartier. Die beiden – nicht verwandt – begrüssen sich mit einem Wangenkuss. «Wow», sagt Stephan Witschi, der das Gemälde bisher nur von Fotos kannte. «Im Original ist es ja noch besser.»

Während Hans Witschi den Lieferschein erstellt, verpackt Stephan Witschi das Gemälde mit dem Bubble-Wrap, das er mitgebracht hat. Zuletzt fixiert er das Wrapping mit Klebeband. Hans schaut zu, hilft, wo er kann – und sagt schliesslich «Goodbye, Martin».

Tramfahrt mit Neukom

Der Galerist trägt das Gemälde aus dem Gebäude, lädt es in sein Auto und fährt es in seine Galerie im Zürcher Kreis 5. Dort packt er es wieder aus und hängt es an eine weisse Wand. Fotograf Marvin Zilm (53) erstellt eine perfekte Reproduktion.

Danach besteigt Stephan Witschi bei der Station Quellenstrasse das Tram 51 und fährt mit dem verpackten Gemälde zum Stampfenbachplatz. Um 15.30 Uhr übergibt er es im Kaspar-Escher-Haus der kantonalen Fachstelle für Kultur. Die Übergabe verläuft problemlos, erzählt Stephan Witschi. «Ich hatte das Gefühl, die anwesenden Fachfrauen würden die ganze Geschichte bedauern.»

Viele offene Fragen

In die nächste Runde geht eine Geschichte, wie sie die Schweiz selten erlebt hat. Der Grüne Zürcher Regierungspräsident Martin Neukom (39) beauftragte im Spätsommer 2025 Künstler Witschi, sein Porträt für die Ahnengalerie des Kantons zu malen. Dafür sollte er 20’000 Franken von der kantonalen Fachstelle für Kultur erhalten.

Witschi freute sich über den Auftrag und erstellte zwei Gemälde. Neukom lehnte beide ab. Auch Witschis drittes Werk fiel beim Vorsteher der Baudirektion durch. Er fühle sich «entstellt», teilte der Politiker dem Künstler mit.

Als Blick darüber berichtete, entstand landesweit eine Diskussion. Erstmals seit Jahren debattierte die Schweiz wieder über etwas, das oft als elitär gilt – Kunst.

Ist Privatästhetik bei einem öffentlichen Kunstauftrag zulässig, fragte man sich etwa. Wie weit geht die Kunstfreiheit in der Schweiz? Wie kontrollieren gewählte Politiker ihr öffentliches Image? Satiriker witzelten. Das Verhalten Neukoms erntete Kritik, vereinzelt auch Witschis Kunst.

Schliesslich gab der Regierungsrat auf Linkedin bekannt, er werde die 20’000 Franken privat bezahlen, «denn die Auswahl des Künstlers war mein Fehler».

«Es ist nichts geregelt»

Bezahlt werde das Geld, «sobald das Bild in der kantonalen Verwaltung angekommen ist.» Und: «Die anderen beiden Bilder gehören Hans Witschi. Er kann damit machen, was er will.» Offen sei, wie es mit seinem Porträt für die Ahnengalerie weitergehe. Am 30. April endet Neukoms Präsidialjahr.

Trotz der erfolgten Übergabe bleiben Fragen: Was passiert mit dem erworbenen Porträt? Wem gehört es? Verschwindet das Gemälde in einem kantonalen Keller? Oder kauft es Neukom dem Kanton ab und nimmt es in Privatbesitz? Und wenn er das täte, kann er es weiterverkaufen? Interessenten gebe es wohl genug.

Auf Anfrage teilt die Baudirektion mit: «Mit dem Linkedin-Post von Martin Neukom vom letzten Freitag ist für den Moment alles gesagt.» Auf die Rückfrage, es sei noch einiges unklar, insbesondere, wer das Bild besitzen werde und was damit passiere, folgt ein einziger Satz: «Diese Fragen werden noch geklärt.»

Witschi empfindet das als «bezeichnend». Alles sei von Anfang an «ziemlich undurchsichtig» gewesen, wie er sagt. Schon nach dem ersten Atelierbesuch habe er gefragt, wer der Auftraggeber sei und ob es eine Kommission mit Fachkenntnissen gebe, die bei einem Konflikt einschreiten könne. «Es ist nichts geregelt.»

Stossend fände es Witschi, wenn das Gemälde nun in Neukoms Privatbesitz überginge. «Das wäre eine Überforderung meines Vorstellungsvermögens.»

Offen lässt der Künstler, was er mit den beiden anderen Neukom-Gemälden machen wird. «Wohl verkaufen», sagt er. Er habe bereits mehrere Interessenten. Wobei er nichts überstürzen werde. «Ich will das nicht verhökern. Es ist ja doch eine ziemlich grosse Sache geworden.»

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