Drogenrazzia bei Roland Gisler
Zürcher Milieu-Beizer soll in U-Haft

Der Besitzer des Zürcher Milieulokals Neugasshof ist hinter Gittern – und soll dort bleiben. Letzte Woche berichtete «Aktenzeichen XY» über das Verschwinden der rechten Hand des Beizers. Der Grund für die Verhaftung ist jedoch ein anderer.
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Er soll in U-Haft: Roland Gisler auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2022.
Foto: Siggi Bucher

Darum gehts

  • Milieu-Beizer Roland Gisler wurde am Mittwochabend festgenommen
  • Für ihn und acht weitere Personen wurde U-Haft beantragt
  • Im Vermisstenfall um Gislers Mitarbeiter Damir Kocan hat die Polizei diverse neue Hinweise
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Marco LüssiBlattmacher

Ein Grossaufgebot der Polizei stürmte am späten Mittwochabend den «Neugasshof» im Zürcher Langstrassenquartier. Grund war der Verdacht, dass dort «Betäubungsmittelhandel im grösseren Stil» stattfinde, wie die Zürcher Staatsanwaltschaft auf Anfrage mitteilte. Bei der Hausdurchsuchung in der berüchtigten Milieubeiz fand die Polizei mehrere Hundert Gramm Kokain, kiloweise Cannabisprodukte, eine grössere Menge Bargeld – und eine Pistole samt Munition. 12 Männer und 3 Frauen im Alter von 25 bis 71 Jahren wurden verhaftet – sie stammen aus der Schweiz, Serbien, Ungarn, Kroatien und Italien.

Unter den Festgenommenen befindet sich auch «Neugasshof»-Besitzer Roland Gisler (62). Er soll in Untersuchungshaft – das hat die Staatsanwaltschaft in seinem Fall wie auch bei acht weiteren Festgenommenen beantragt. Die Entscheide des Zwangsmassnahmengerichts stehen noch aus.

Protagonist in Justizskandal

Roland Gisler geriet Ende 2022 in die Schlagzeilen, als er gemeinsam mit seinem damaligen Anwalt Valentin Landmann (76) bekannt machte, dass jahrelang geheime Daten der Zürcher Justizdirektion bei ihm gelandet waren. Seit Jahren laufen zahlreiche Verfahren gegen Gisler, unter anderem wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte. Er hatte diverse Staatsanwälte, Richter sowie seinen ehemaligen Anwalt belästigt oder verunglimpft. Doch die Ermittlungen gegen den Milieubeizer kamen nicht voran – weil er an Krebs erkrankt ist, gilt er als vernehmungsunfähig. Auch eine Gefängnisstrafe von 44 Monaten wegen Drogenhandels musste er aufgrund seines Gesundheitszustands nicht antreten.

Am Mittwochnachmittag, nur wenige Stunden vor seiner Festnahme, hat SonntagsBlick mit Gisler telefoniert. Dabei schien er nichts davon zu ahnen, dass sein Leben in Freiheit bald enden würde. Stattdessen erzählte er von seinen gesundheitlichen Problemen, die er dank Medikamenten einigermassen im Griff habe – und berichtete über seine Pläne, seine langjährige Freundin zu heiraten. Anlass für das Telefonat war der Fall Damir Kocan, der letzte Woche in der ZDF-Sendung «Aktenzeichen XY … International» thematisiert wurde.

Mord ohne Leiche?

Gisler und Kocan, der ebenfalls wegen Drogenhandels verurteilt worden war, hatten einander im Gefängnis kennen- und schätzen gelernt. 2023 war der damals 46-Jährige die rechte Hand von Gisler, als er vor dem «Neugasshof» in einen BMW einstieg. Eine Überwachungskamera des Lokals nahm die Szene auf. Es sind die letzten Bilder von Kocan – seither ist er verschwunden.

Die Ermittler wie auch Freunde und Bekannte von Kocan vermuten, dass er Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist. Ein Mord ohne Leiche.

Der letzte Begleiter

Die Polizei präsentierte in «Aktenzeichen XY» neben dem Fahrzeug, in dem Kocan weggefahren wurde, zwei Gegenstände, die jemandem an ihm aufgefallen sein könnten: seine teure Uhr, eine Rolex Submariner in Gold mit blauer Lünette – und seinen Schlüsselbund, an dem sich auffällig viele Schlüssel befanden. Vor allem aber veröffentlichte die Polizei erstmals Foto und Namen des Mannes, zu dem Kocan in den BMW eingestiegen war: Aydin Mece (42), ein ehemaliger Hells Angel, der ebenfalls im Milieu verkehrte.

Erkundigt man sich dort, ist zu erfahren, dass Kocan und Mece befreundet waren – und gemeinsam krumme Dinger gedreht hätten.

Neue Informationen zu Kocans Umfeld

Laut Gisler erschien Mece wenige Tage nach dem Verschwinden von Kocan noch einmal im «Neugasshof» und gab an, er habe Kocan in Olten SO aus dem Auto aussteigen lassen – dieser habe eine Frau besuchen wollen. Die Polizei kontaktierte Mece nach der Vermisstmeldung und vereinbarte mit ihm einen Termin für eine Befragung. Doch statt dort zu erscheinen, setzte er sich offenbar ins Ausland ab.

Vermutet wird er in seinem Heimatland Türkei. Auf die Kooperation der dortigen Behörden können die Schweizer Strafverfolger nicht zählen – die Türkei liefert ihre Staatsbürger nicht aus.

Polizei erhielt «diverse Hinweise»

Ob der TV-Beitrag auch neue Informationen zum Aufenthaltsort von Aydin Mece zutage gebracht hat, beantwortet die Polizei nicht. Carmen Surber, Sprecherin der Kantonspolizei Zürich, sagt aber: «Wir haben nach der Ausstrahlung von ‹Aktenzeichen XY› diverse Hinweise bekommen. Insbesondere meldeten sich bei uns Personen, die sich zum Umfeld von Damir Kocan äusserten.» Diese Hinweise würden nun geprüft. «Wenn sich aus ihnen neue Ermittlungsansätze ergeben, werden wir diese verfolgen.»

Dass die Polizei eine Belohnung von 10’000 Franken ausgesetzt hat, dürfte dazu beigetragen haben, dass sich nun zahlreiche Personen meldeten. Ob ihre neuen Informationen zur Lösung des Falls beitragen können, muss sich jetzt zeigen. Auf der Hand liegt: Der Schlüssel zur Lösung des Falls liegt bei Aydin Mece. Entweder, weil er der Täter ist – oder zumindest wissen könnte, wer Kocan beseitigt hat.

Mit der Razzia vom Mittwoch hat der Fall Kocan jedoch nur den Schauplatz gemein: Die Staatsanwaltschaft betont, die Hausdurchsuchung und die vorgenommenen Verhaftungen in dieser Woche stünden in keinem Zusammenhang mit dem mysteriösen Vermisstenfall.

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