Darum gehts
- Ein 83-Jähriger wurde 2023 in Horgen ZH tödlich angefahren
- Fahrer schrieb SMS und erhielt nur 800 Franken Busse
- Familie fordert gerechte Strafe und will 1'000 Unterschriften sammeln
Mit traurigen Augen sitzt Lejla Halilaj (26) auf dem Sofa. Sie hält ein Bild ihres Grossvaters Feta Halilaj (†83) in den Händen. «Ich habe keine Worte», sagt sie im Gespräch mit Blick. Und findet dann doch welche: «Ich kann nicht glauben, dass in der Schweiz ein Menschenleben nur 800 Franken wert ist.»
Mit dieser Busse wurde letzte Woche ein Mann (53) vom zuständigen Bezirksgericht verurteilt. Dieser hatte am 21. November 2023 in Horgen ZH den Kosovaren auf einem Fussgängerstreifen tödlich angefahren. Tragisch: Feta Halilaj kam vom Einkaufen und wäre gleich zu Hause bei seiner Frau gewesen.
«Ich wollte es einfach nicht glauben»
«Ich war in Zürich bei der Arbeit, als ich kurz vor der Mittagspause einen Anruf von meiner Tante erhielt», erinnert sich Lejla Halilaj. Sie habe ihr mitgeteilt, dass ihr Grossvater tödlich verunfallt sei. «Ich musste kurz auf den Boden liegen, weil meine Beine mich nicht mehr hielten.» Dann habe sie zu weinen angefangen.
Kurz darauf sei sie von ihrer Tante abgeholt und zur Unfallstelle gefahren worden. «Ich wollte es einfach nicht glauben. Ich dachte, er lebt noch», so Lejla Halilaj. «Erst, als ich das Zelt mit dem weissen Dach gesehen hatte, wusste ich, dass jetzt alles vorbei ist.» Sie habe noch zu Feta reingehen wollen, aber ihre Mutter habe sie nicht gelassen. «Sie meinte, dass ich ihn nicht so in Erinnerung behalten wolle.»
Auch Sohn von Opfer spricht
Nach drei Tagen konnte sich Lejla Halilaj dann doch noch von ihrem Grossvater verabschieden. «In der örtlichen Kapelle», sagt sie. Feta sei ein sehr lieber und lustiger Mensch gewesen, habe aber nicht viel geredet. «Wenn er jedoch geredet hat, dann hat er immer den Punkt gesetzt.»
Zum Gespräch mit Blick stösst auch einer der Söhne vom Verstorbenen dazu: Zeqe Halilaj (58). Er kann seine Tränen nicht zurückhalten. «Er war nicht nur mein Vater und ein harter Arbeiter im Gartenbau, bis er 80 war – er war auch mein bester Freund», sagt er. «Jeder von uns Angehörigen hatte eine spezielle Beziehung zu ihm.»
Werkzeug auf Autohaube – während der Fahrt am Handy
Doch nicht nur das plötzliche Ableben ihres Liebsten hat die Angehörigen tief getroffen. Auch in der Zeit danach hätten sie «untendurch» gehen müssen. Denn: «Der Wagen des Fahrers hatte Schäden, die alleine eine höhere Busse hätten geben müssen», sagt Lejla Halilaj. Sie übergibt Blick Polizeibilder, die belegen: Der Fahrer hatte Werkzeug auf der Autohaube montiert – Spaten, ein Beil und eine Spitzhacke. Zudem sei er «wohl schneller als die erlaubten 50 km/h gefahren», sagt sie.
Das Allerschlimmste sei: «Der Fahrer war während der Fahrt am Handy», so die Enkelin. Laut «Tages-Anzeiger» hatte er damit unmittelbar vor dem Unfall hantiert. Demnach schrieb er während der Fahrt um 11.50 Uhr ein SMS. 14 Sekunden später machte er einen Screenshot von der Nachricht. Dann, noch einmal 17 Sekunden später, setzte er den Notruf an die Polizei ab, nachdem er den 83-Jährigen angefahren hatte.
Lejla Halilaj: «Wir haben mindestens mit einer Freiheitsstrafe gerechnet.» Die Familie möchte kein Geld vom Beschuldigten, aber: «Dass er eine gerechte Strafe erhält.»
Per Strafbefehl erhielt der Beschuldigte am 14. April 2025 zuerst eine 1'000-Franken-Busse – jetzt folgte die Reduktion auf 800 Franken. Zwar verurteilte das Gericht den Fahrer zudem zu einer Geldstrafe von 5'400 Franken – doch diese ist bedingt angesetzt, mit einer Probezeit auf zwei Jahre.
«Wir wurden schon kurz nach dem Unfall von der Justiz nicht ernst genommen», sagt die Enkelin. Termine seien vorschoben worden und ihre eigene Anwältin habe nicht so gearbeitet, wie sie es sich gewünscht hätten. «Wir wollen nun einen neuen Anwalt, der für uns kämpft.»
Onlinepetition lanciert
Und: Lejla Halilaj hat nun eine Onlinepetition ins Leben gerufen. Ziel: 1'000 Unterschriften sammeln. Wenn sie alle zusammen hätten, würden sie diese der Staatsanwaltschaft und dem Gericht übergeben. «Wir möchten zeigen, dass auch Schweizer Bürger der Meinung sind, dass dieses Verfahren nicht fair geführt wurde.»
Die Familie möchte festhalten, dass sie keine Wut auf den Fahrer verspüre. «Er hat es ja nicht vorsätzlich getan und kann ja auch nichts dafür, dass die Strafe so milde war», sagt Lejla Halilaj. Aber er habe einen Fehler gemacht und sich auch erst vor Gericht entschuldigt. Dort sagte der Beschuldigte: «Ich habe keine Worte dafür. Auch in mir ist ein Teil gestorben.» Die Enkelin sagt dazu: «Er fuhr meinen Opa tot! Wir hätten erwartet, dass er zumindest meiner Grossmutter ein kleines Briefchen schreibt und sich entschuldigt.»
Aber mit all diesem Schmerz würden immer wieder Tränen fliessen. Lejla Halilaj bleibt nur eines: anderen Verkehrsteilnehmern ins Gewissen zu reden. «Passt auf und fahrt nicht mit dem Handy am Steuer», appelliert sie. Und: «Schaut immer auf die Strasse und fahrt nicht zu schnell. Damit so etwas, wie bei meinem Grossvater, hoffentlich nie mehr passiert.»