Darum gehts
- Am 1. Mai kam es im Zürcher Kreis 4 zu Krawallen
- 2001: Polizei nahm 313 Personen fest, 150'000 CHF Sachschaden
- 2006: 200 Vermummte stürmten Rede von Bundesrat Leuenberger
Eingeschlagene Scheiben, verschmierte Fassaden und brennende Autos. Der Zürcher Kreis 4 bietet am Tag der Arbeit regelmässig ein Bild der Verwüstung. Bei sogenannten «Nachdemos», die unbewilligt sind, liefern sich Chaoten wilde Strassenschlachten mit der Polizei. In den vergangenen 25 Jahren ereigneten sich so manche Momente, die sich eingeprägt haben. Ein Überblick.
Chaoten fliehen durch die Sihl
Seit Mitte der 1990er-Jahren liefen die Gewalteskalationen in Zürich zunehmend aus dem Ruder. 2001 kulminierte das in schweren Auseinandersetzungen, die bis heute nachhallen. Nach dem friedlichen Umzug kesselte die Polizei die Nachdemo an der Gessnerallee ein – Chaoten flohen teils durch die Sihl, während auf der anderen Seite des Ufers Verhaftungen vorgenommen wurden. Das Bild ging um die Welt. Im Langstrassenquartier patrouillierten Bürgerwehren, das Milieu und Rechtsradikale waren vor Ort. Die Bilanz: Rund 313 Festnahmen und 150'000 Franken Sachschaden.
Bundesrat Moritz Leuenberger wird vertrieben
2006 kommt es zu schweren Krawallen. SP-Stadträtin Esther Maurer sprach von «einem der allerschwersten Einsätze während meiner Amtszeit». Die Rede des damaligen Bundespräsidenten Moritz Leuenberger musste unterbrochen werden. Als Leuenberger in der Zürcher Bäckeranlage sprach, stürmten 200 Vermummte den Ort. Leuenberger musste in Sicherheit gebracht werden. Trotz massivem Polizeiaufgebot gab es nur 48 Verhaftungen – doch die Bilder von fliehenden Politikern und brennenden Barrikaden prägten die Medien tagelang.
BMW-Fall
Der sogenannte «BMW-Fall» erregte 2007 in der Schweiz grosses Aufsehen. Ausgangspunkt war ein Brandanschlag auf mehrere Autos im Rahmen der 1.-Mai-Demonstration in Zürich, bei dem auch ein BMW zerstört wurde. Nachträgliche Ermittlungen zeigten, dass das Fahrzeug einer tunesischen Sozialhilfebezügerin gehörte. Dies löste eine öffentliche Debatte darüber aus, ob Sozialhilfebezüger teure Autos besitzen sollten.
«Ich will eifach Bulle go schlah»
Die Gewaltorgien am 1. Mai nehmen langsam ab. Das Jahr 2009 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Tages der Arbeit. Zwar kommt es immer noch zu Ausschreitungen im Kreis 4, flächendeckende Strassenschlachten bleiben jedoch aus. Zunehmend nähern sich auch junge Gaffer den Szenen. Eine Tele-Züri-Reportage ging nach dem Tag der Arbeit im Internet viral. In dem Clip sagten ein paar Bubis in die Kamera, dass sie hier sind, um «Bulle go schlah!».
Violett übernimmt
2019 war stark von Streikbewegungen geprägt – insbesondere durch die regelmässigen Klimastreiks und die Mobilisierung für den Frauenstreik im Juni. Diese Dynamik zeigte sich auch bei der 1.-Mai-Demonstration in Zürich, wo statt der üblichen roten vermehrt violette Plakate und Banner zu sehen waren.
Der Zürcher Gewerkschaftsbund betonte dabei Forderungen wie eine bessere finanzielle und gesellschaftliche Anerkennung der Arbeit von Frauen, mehr Ressourcen für Betreuungsarbeit sowie einen respektvollen Umgang ohne Sexismus am Arbeitsplatz.
Balkon-Demo wegen Corona
Statt einem 1.-Mai-Umzug mit krawallreicher Nachdemo gab es in den Jahren 2020 und 2021 vor allem viele Polizeikontrollen. Die Stadtpolizei tolerierte wegen der Corona-Pandemie keine grossen Menschenansammlungen. Es war ein ungewohntes Bild: Statt auf den Plätzen der Stadt Zürich wurde auf Balkonen protestiert. Im Vergleich zum Vorjahr, bei dem Zehntausende für bessere Arbeitsbedingungen protestierten, war es eine komplett andere Welt.