Neues Video zeigt heftige Sturmböen kurz vor Gondel-Unglück
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Tödlicher Absturz:So stark waren die Sturmböen vor dem Unglück wirklich

Titlis-CEO Norbert Patt über das Seilbahn-Unglück
«Es gab eine unerwartete, sehr heftige Böe»

Bei starkem Wind stürzte eine Gondel ab, eine Frau kam ums Leben. Ist Profit wichtiger als Sicherheit? Der CEO der betroffenen Bergbahn widerspricht, übernimmt aber die moralische Verantwortung für die Titlis-Tragödie.
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Tragödie am Titlis: Eine Gondel stürzte ab, eine Frau starb.
Foto: keystone-sda.ch

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Raphael RauchBundeshausredaktor

Herr Patt, wie gut können Sie in diesen Tagen schlafen?
Norbert Patt: Nicht gut. Unsere Gedanken sind bei der verunfallten, tödlich verletzten Frau und ihrer Familie. Es ist ein tragisches Ereignis: unvorstellbar – und trotzdem ist es geschehen. In einer schlaflosen Nacht stellt man sich natürlich die Frage: Wie konnte das passieren? Was hätte ich anders machen können? Darauf habe ich bis jetzt noch keine Antwort.

Sind Sie mit der Familie des Opfers in Kontakt?
Ja, die Staatsanwaltschaft hat einen Kontakt hergestellt, und der Partner hat bei uns angerufen. Ich habe ihm unser Beileid ausgesprochen und gesagt, dass wir alles tun, um den Unfall aufzuklären. Wenn wir für die Familie etwas tun können, dann werden wir das tun.

Wo waren Sie, als das Unglück geschah?
Ich war mit der ganzen Geschäftsleitung in Zermatt. Wir wollten uns mit unserem Mitbewerber austauschen und voneinander lernen. Als klar war, was passiert ist, haben wir sofort unsere Sachen gepackt und sind nach Engelberg gefahren.

In der ersten Medienkonferenz sprachen Sie von einer Windstärke von 80 km/h, obwohl der Gondelbetrieb nur bis 60 km/h erlaubt ist.
Ich bitte um Entschuldigung für die entstandene Verwechslung. Ab einer Windgeschwindigkeit von 40 Kilometern pro Stunde erfolgt eine Windwarnung, infolge deren der Fahrbetrieb reduziert wird. Bei 60 km/h wird Windalarm ausgelöst, was zur Einstellung des Betriebs führt.

Für Verwirrung sorgt auch Ihr Verwaltungsratspräsident, FDP-Ständerat Hans Wicki. Er sagt, Ihre Mitarbeiter hätten aufgrund des starken Windes entschieden, die Gondeln in Sicherheit zu bringen. Wenn dem so war: Wie kann es sein, dass nach der abgestürzten Gondel noch weitere Gondeln mit Passagieren unterwegs waren?
Die Aussage von Hans Wicki kann so bestätigt werden. Wir kommunizieren nur, was wir gesichert wissen. Ob es nach der Gondel mit der Frau noch Gondeln mit weiteren Passagieren hatte, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht gesichert bestätigen. 

Wer trägt an einem normalen Skitag die Verantwortung?
Das ist in den Verordnungen und in unseren Reglementen klar geregelt: Wir haben einen Maschinisten vor Ort. Bei einer Gefahrensituation kann er entweder selbst handeln oder den technischen Leiter informieren. Der technische Leiter trägt die Verantwortung und entscheidet final, ob die Anlage eingestellt wird oder nicht. Es handelt sich um langjährige und sehr erfahrene Mitarbeiter.

Wer übernimmt für die Tragödie die Verantwortung? Sie oder Herr Wicki?
Ich könnte jetzt sagen: «Ich übernehme die Verantwortung.» Aber würde uns das weiterbringen? Es ist wichtig, dass wir den Unfall lückenlos aufklären – und danach werden wir Konsequenzen ziehen und Verantwortung übernehmen. Ausser der juristischen gibt es auch eine moralische Verantwortung – und gerade die habe ich als CEO voll und ganz.

Swiss Meteo gab um 6.47 Uhr eine Windwarnung der Stufe 2 heraus. Benachbarte Skigebiete haben den Betrieb eingestellt, es war von einer Windstärke von 90 km/h die Rede. Was ist da bei Ihnen schiefgelaufen?
Das ist Gegenstand der laufenden Untersuchungen. Meteowerte sind sehr allgemein und sagen noch nichts über die genaue Situation vor Ort aus. An dem Punkt, wo die Gondel nach unten gestürzt ist, gibt es kein Messsystem. Wir haben auf der Anlage zwei Windmesser – bei der Stütze 10 und ganz oben bei der Stütze 14 sowie einen Windmesser in der näheren Umgebung der Unfallstelle. 

Sie müssen Windwerte protokollieren. Wie hoch waren sie dort?
Die Windwerte sind bei den Untersuchungsbehörden. Klar ist, dass es kurz vor dem Zeitpunkt des Ereignisses einen sehr heftigen Anstieg der Windgeschwindigkeit gab. Es gab eine unerwartete, sehr heftige Böe.

Ihr technischer Leiter handelte – gemessen am Ereignis – falsch. Haben Sie ihn freigestellt?
Nein, er wird von einem Care-Team betreut. Ich mahne zur Vorsicht mit vorschnellen Verurteilungen. Und ein Zeitungsinterview ist nicht der richtige Ort, das Verhalten von involvierten Mitarbeitern zu diskutieren. Wir überprüfen gerade, wann genau entschieden wurde, den Betrieb einzustellen.

War die Aussage von Hans Wicki verfrüht, die Mitarbeiter hätten alles richtig gemacht?
Seine Botschaft ist, dass er damit die Mitarbeitenden und den Betrieb in einer sehr schwierigen Situation unterstützen will.

Die Sust geht nicht von einem systematischen technischen Problem aus. Heisst das: menschliches Versagen?
Wir prüfen unsere Technik periodisch auf Herz und Nieren. Natürlich ist menschliches Versagen eine Hypothese, aber wir müssen die Untersuchungen abwarten. Klar ist: Eine Gondel darf nicht abstürzen – irgendwo ist ein Fehler passiert. Jetzt brauchen wir Zeit, um das seriös aufzuarbeiten. 

Ein Bergführer meint, Ihre Mitarbeiter stünden unter grossem Druck, so viele Passagiere wie möglich auf den Berg zu bringen.
Das stimmt nicht. Sie können nicht ernsthaft glauben, dass wir die Sicherheit unserer Passagiere aufs Spiel setzen würden. Sicherheit steht immer an erster Stelle!

Sogar Ihr Verband warnt vor «Überlastung» und «unklaren Rollen». Legen Sie Ihre Hand ins Feuer, dass Sie Ihrem technischen Leiter keinen Druck gemacht haben, die Windstärke grosszügig zu interpretieren?
Die Entscheidung über den Betrieb oder die Einstellung einer Bahn liegt ausschliesslich beim technischen Verantwortlichen vor Ort. Diese fachliche Unabhängigkeit ist bei uns klar geregelt und wird konsequent respektiert. Ich habe noch nie in einen solchen Entscheid eingegriffen oder diesen übersteuert. Die Sicherheit steht immer über betrieblichen oder wirtschaftlichen Überlegungen.

Warum gibt es bei Windstärken jenseits von 60 km/h keinen Alarm, der die Anlage stoppt?
Der Alarm signalisiert dem verantwortlichen Operateur, die Gesamtsituation zu beurteilen. Auf dieser Grundlage wird entschieden, ob der Bahnbetrieb eingestellt wird.

Wie geht der Skibetrieb bei Ihnen weiter?
Die Stimmung ist gedämpft. Après-Ski ist bis auf weiteres gestrichen, ein Konzert haben wir abgesagt. Wir haben auch die Hintergrundmusik in unseren Einrichtungen an die Situation angepasst. Seit Samstag fahren die Gondeln wieder auf den Titlis.

Ist Ihre Belegschaft nun verunsichert?
Unser Care-Team kümmert sich aktuell um rund 20 Menschen. Wir haben im Intranet eine Kommunikationsplattform eingerichtet und stehen im Austausch. Das Team rückt zusammen. Egal, ob jemand im Bahnbetrieb arbeitet oder in der Gastronomie: Wir sind eine grosse Familie.

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