Am Klingelschild der früheren Familienwohnung in einem Luzerner Quartier steht auch heute noch sein Name. Doch Bojka T.* (43) wohnt seit Jahren nicht mehr hier. Der Serbe lebt seit Anfang Dezember 2019 getrennt von seiner jetzigen Ex-Frau Andrea T.* und dem gemeinsamen Sohn. Rund eineinhalb Jahre später, im April 2021, kehrt er zur ehemaligen Familienwohnung zurück – und versucht hier, seine Ex zu töten. Davon ist zumindest die Staatsanwaltschaft überzeugt. Bojka T. hingegen behauptet: Er habe seine Ex nur erschrecken wollen.
Eine Nachbarin sagt am Montag zu Blick: «Es war immer wieder laut in der Wohnung.» Aber seit er nicht mehr hier sei, ist es ruhiger geworden.
Inzwischen befindet sich Bojka T. im vorzeitigen Massnahmenvollzug in der Psychiatrischen Klinik Königsfelden in Windisch AG. Am Dienstag muss sich der Serbe vor dem Kriminalgericht in Luzern wegen versuchten Mordes und mehrfacher Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte verantworten.
Sohn war alleine zu Hause
Rückblick gemäss Anklageschrift: Am Abend des 14. Aprils 2021 griff Bojka T. sich in seinem eigenen Apartment ein Küchenmesser sowie eine Sprühdose mit Bremsenreiniger und fuhr zur ehemaligen Familienwohnung.
Dort angekommen, traf Bojka T. auf den gemeinsamen Sohn. Seine Ex-Frau Andrea T. befand sich an einer Geburtstagsfeier. Der Sohn alarmierte seine Mutter verdeckt per SMS und bat sie, die Polizei zu informieren und nach Hause zu kommen.
Jacke und Haare fingen Feuer
Als Andrea T. gerade die Wohnung betreten wollte, schaffte es der Sohn, aus dieser zu flüchten. Gleichzeitig packte der Beschuldigte Andrea T. und zerrte sie in die Wohnung. Dort griff er zur Spraydose, setzte den Sprühstrahl in Brand und richtete diesen gegen seine Ex. Sofort fingen ihre Jacke und Haare Feuer.
Andrea T. flüchtete ins Badezimmer, zog die Jacke aus und klopfte mit der Handfläche auf die brennenden Stellen im Haar, um das Feuer zu löschen.
Stiche mit Händen abgewehrt
Der Beschuldigte liess jedoch nicht von ihr ab. Gemäss Anklageschrift versuchte Bojka T. weiterhin, Andrea T. unter der Badezimmertüre hindurch anzuzünden.
Irgendwann gelang es ihm, die Türe aufzubrechen und seiner Ex das Handy aus der Hand zu schlagen. Andrea T. war gerade dabei, die Polizei zu alarmieren. Der Frau gelang es, aus dem Bad zu flüchten und zur Wohnungstüre zu rennen.
Er wollte Ex «nur erschrecken»
Doch Bojka T. fing sie ein und stach mehrere Male mit dem mitgebrachten Küchenmesser zu. Andrea T. wehrte die Stiche ab. Sie erlitt dadurch Schnittverletzungen an Händen und Armen. Erst die eintreffende Polizei konnte den Mann überwältigen und festnehmen.
Speziell: Der Beschuldigte gibt den Ablauf des Geschehens in den wesentlichen Grundzügen zu. Bojka T. streitet jedoch ab, dass er seine Ex töten wollte. Er habe sie «nur erschrecken wollen», heisst es in der Anklageschrift.
Fluchtversuch
Zum Vorwurf der Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte steht dort: Rund einen Monat später wollte man mit dem Beschuldigten, der in U-Haft sass, ärztliche Unterlagen aus seiner Wohnung holen. Dort versuchte er, vor den begleitenden Polizisten zu flüchten. Diese konnten ihn stoppen, doch weil er sich so enorm wehrte, erlitten die Beamten diverse Verletzungen.
Die Staatsanwaltschaft macht gleich mehrere Anträge zur Sanktion geltend: In einem ersten Schritt fordert sie acht Jahre Freiheitsstrafe – bei Annahme einer mittleren bis schweren verminderten Schuldfähigkeit. Auch soll die bisher abgesessene Zeit im Gefängnis angerechnet werden. Weiter wird ein Landesverweis von 15 Jahren gefordert sowie eine stationäre Massnahme gemäss Art. 59 StGB – die sogenannte «kleine Verwahrung». Das bedeutet, dass die Staatsanwaltschaft Bojka T. als psychisch schwer gestörten Täter einstuft, der ein Verbrechen begangen hat, das mit seiner psychischen Störung in Zusammenhang steht.
Die Anwältin des Beschuldigten war für Blick am Montag nicht erreichbar. Andrea T. hingegen wohnt weiterhin in der früheren Familienwohnung. Die Nachbarin beschreibt sie als «gepflegte Frau, die sich um ihren Sohn kümmert und hart arbeitet».
*Namen geändert