Leute in Bar tanzen und filmen statt zu flüchten
0:39
Party trotz Flammen:Leute in Bar tanzen und filmen statt zu flüchten

Drängende Sicherheitsfragen nach Silvesterdrama in Crans-Montana VS
Wie oft führte die Gemeinde Brandschutz-Kontrollen durch?

Nach dem Feuer-Drama in der Silvesternacht in Crans-Montana VS rücken Fragen zum Brandschutz ins Zentrum: Wie gut wurden die Brandschutzvorschriften in der Gemeinde kontrolliert? Blick hat vor Ort bei anderen Bars und Restaurants nachgefragt.
Kommentieren
1/8
Der Silvesterbrand in der Bar Le Constellation in Crans-Montana VS forderte rund 40 Todesopfer.
Foto: keystone-sda.ch

Das Silvesterdrama in der Bar Le Constellation in Crans-Montana VS wirft drängende Fragen zu den Brandschutzvorschriften auf: Wie regelmässig wurden diese Kontrollen durchgeführt? Aussagen von Gastro-Lokalen und Behörden zeigen brisante Widersprüche. 

Eine Aussage von Bar-Betreiber Jacques Moretti (49) brachte diese Frage überhaupt ins Rollen. Gegenüber den Tamedia-Zeitungen sagte er, dass seine Bar in den vergangenen zehn Jahren dreimal von den Behörden kontrolliert worden sei.

Trifft diese unbestätigte Aussage von Moretti tatsächlich zu, widerspricht dies den geltenden Regeln. «Öffentlich zugängliche Gebäude wie die Bar Le Constellation sind jährlich zu kontrollieren», erklärte Brandschutzexperte Hugo Cina (70) gegenüber Blick. So steht es auch in der «Verordnung betreffend Brandverhütungsmassnahmen» des Kantons Wallis.

Blick-Umfrage in Restaurants und Bars

Doch wie sieht die Situation in anderen Lokalitäten von Crans-Montana aus? Blick hat bei mehreren Restaurants und Bars über ihre Erfahrungen mit feuerpolizeilichen Kontrollen nachgefragt. 

In einer Pizzeria entlang der Hauptstrasse erfährt Blick, dass bisher alle fünf Jahre jemand für die Brandschutzkontrolle vorbeigekommen sei. Die letzte Kontrolle habe gerade erst vor drei Monaten stattgefunden. 

Ein anderes italienisches Restaurant verspricht, diese Daten zu besorgen. «Uns ist es wichtig, dass auch das aufgeklärt wird», heisst es. Dieser Meinung sind allerdings nicht alle örtlichen Gastronomen. In mehreren Lokalen wird Blick unfreundlich abgewimmelt – ohne eine Antwort auf diese zentrale Frage.

Der Betreiber eines asiatischen Restaurants erwähnt gegenüber Blick eine Abmachung. Nach der Silvestertragödie hätten sich viele örtliche Gastronomen geeinigt, grundsätzlich nicht mit den Medienvertretern aus aller Welt zu sprechen. Er selbst gab an, dass die letzte Kontrolle in seinem Restaurant ziemlich genau ein Jahr her sei. «Wir haben damals umgebaut und sie waren sehr strikt.»

Ein mexikanisches Restaurant, das erst seit rund einem Jahr geöffnet ist, sei bereits dreimal kontrolliert worden, berichten Mitarbeitende vor Ort. Auch sie sprechen von sehr gründlichen Kontrollen. 

Ein Restaurant in der Nähe der Inferno-Bar besteht ebenfalls seit rund einem Jahr. Dort berichtet der Chef von einer Kontrolle bisher. Dasselbe behauptet man in einer Weinstube, die vor rund sechs Monaten geöffnet hat. 

Der Tageschef eines anderen Restaurants an der Hauptstrasse – das im Vergleich zu den anderen Lokalen gut gefüllt war – erzählt, dass seit seinem Start vor drei Jahren jährlich Kontrollen stattgefunden haben. «Wir nehmen es mit dem Brandschutz hier sehr ernst. Wir rufen auch jedes Jahr die Feuerwehr wegen der Feuerlöscher an.»

Ein Bar-Betreiber kritisiert die Behörden hingegen stark. Gegenüber «Focus Online» sagte er: «Ich wurde in zehn Jahren genau zweimal kontrolliert. Nach der Eröffnung kam jemand von der Gemeinde und sagte, was ich umbauen soll. Dann kam er noch mal, um die Umbauten zu kontrollieren. Das wars.» Eigentlich dürfte er höchstens 60 Leute im Innenbereich empfangen. Aber: «Die von der Gemeinde sagten damals wörtlich: Wenn ich dagegen verstosse, gibt es keine Strafen. Aber wenn etwas passiert, muss ich allein die Konsequenzen tragen», zitiert ihn das deutsche Nachrichtenportal.

Behörden halten sich bedeckt

Zurück zum Unfallort, der Bar Le Constellation. Zur Frage, wann und wie oft die Bar kontrolliert wurde, haben sich die Behörden öffentlich bisher nicht näher geäussert. Der zuständige FDP-Staatsrat, Sicherheitsvorsteher Stéphane Ganzer, betonte am Samstag lediglich: Die Gemeinde Crans-Montana habe in der Bar Kontrollen durchgeführt. Man verfüge über keine Meldungen über Mängel. 

Das Wallis verfolgt beim Brandschutz ein anderes System als die meisten Kantone. Der Brandschutz liegt bei den Gemeinden selbst, während der Kanton diesen koordiniert und beaufsichtigt.

Wie konsequent die vorgeschriebenen periodischen Kontrollen von den Gemeinden durchgeführt werden, ist aber unterschiedlich, liess der langjährige Brandschutzexperte Hugo Cina durchblicken: «Es gibt solche, die nehmen das topseriös. Kleinere Gemeinden sind mit der Brandschutz-Administration überfordert – das muss man ehrlich sagen.» 

Gemeindepräsident wehrt sich

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Feuer von Wunderkerzen ausgegangen ist, die an Champagnerflaschen montiert waren. Aufnahmen zeigen, wie die akustische Dämmung an der Decke zu brennen beginnt. 

Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass dieser Akustikschaumstoff aus leicht brennbarem Material bestand oder 10 Jahre nach dem Einbau die Haltbarkeit überschritten hatte. Je nach Qualität liegt die Lebensdauer dieser Art Schalldämmung bei ungefähr 5 bis 15 Jahren. Feuerwerksexperte Erich Frey (66) sagte im Blick: «Ist der Kunststoff alt oder spröde, entzündet er sich extrem schnell.» 

Generalstaatsanwältin Pilloud sagte dazu: «Ob dieses Material den Standards entsprach oder nicht, wird untersucht. Wir wissen es noch nicht.»

Die sich aufdrängenden Fragen zu den Kontrollen der Brandschutzvorschriften rücken nun auch die Gemeinde in eine unangenehme Position. Gemeindepräsident Nicolas Féraud wehrte sich bisher gegen öffentliche Kritik und betonte: «Es gab bei uns keine lasche Haltung bei Kontrollen von Bars».

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen