Darum gehts
Die junge Frau, eine deutsche Touristin, verlässt die Seilbahnstation, wirft einen ersten Blick hinunter aufs Eis. Und sagt: «Schon krass.» Ihr Reisepartner bestätigt: «Fantastisch, dieser Anblick!» Sie entgegnet: «Krass ist, was nicht mehr zu sehen ist.»
Ein Dialogfetzen auf 2869 Metern über Meer, es ist einer dieser glühenden Tage im August. Von den Plattformen beim Eggishorn im Wallis gibt es die beste Aussicht auf den geschwungenen Strom des Aletschgletschers, den «largest glacier in the Alps», wie er schon im Talgrund auf riesigen Plakaten beworben wird.
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«Es ist ein Jammer»
22 Kilometer lang, eine Eismasse von 10 Milliarden Tonnen – noch. «Es ist ein Jammer, was hier kaputtgeht», sagt Tilmann Bauer zum Beobachter. Er ist der Vater der eingangs zitierten jungen Touristin. Schon seit seiner Kindheit komme er in die Alpen, inzwischen auch mit Familie. «Früher waren das ganz andere Gletscher.»
Zahlen bestätigen seinen Eindruck. Seit der Jahrtausendwende sind die Gletscher in der Schweiz um fast 40 Prozent geschmolzen. Der Aletschgletscher, so eindrücklich er immer noch ist, reiht sich nahtlos in diese Statistik ein. Jährlich verliert er 50 Meter an Länge und 10 Meter an Dicke. An den verbliebenen Seitenmoränen lässt sich ablesen, wie hoch früher das Eis stand. «Deutlicher lassen sich die Folgen des Klimawandels nicht zeigen», sagt Tagestourist Bauer.
Magnete des Last-Chance-Tourismus
Dieses Offensichtliche macht die schwindenden Eisströme zu gefragten Destinationen des Last-Chance-Tourismus: «letzte Gelegenheiten», um Orte zu sehen, die es aufgrund der Klimaveränderung bald nicht mehr geben wird. Einst eine Marktnische zieht das Phänomen heute die Massen an.
So besuchen jedes Jahr 14 Millionen Reisende die zehn grössten Gletscher der Welt. Die Zahl der Kreuzfahrten in die Antarktis hat sich in den letzten 20 Jahren verzehnfacht. Auch gefährdete Gebiete wie die australischen Korallenriffe oder untergehende Inseln wie die Malediven stehen touristisch höher denn je im Kurs.
Verstärker Social Media
Von «fear of missing out» spricht Cathérine Hartmann im Gespräch mit dem Beobachter. Sie ist Umwelt- und Nachhaltigkeitspsychologin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Sie sagt: «Wenn wir wissen, dass ein Ort möglicherweise verschwindet, entsteht ein Gefühl von Zeitdruck. Im Sinn von: ‹Wenn ich jetzt nicht gehe, bekomme ich vielleicht keine zweite Gelegenheit mehr.›»
Psychologisch spielt beim Last-Chance-Tourismus laut Hartmann auch das Prinzip der künstlichen Verknappung eine Rolle, wie man das aus dem Konsumbereich kennt: «Wenn etwas selten, bedroht oder nur noch für begrenzte Zeit verfügbar ist, steigt der subjektive Wert.» Dies führe zu einer erhöhten Nachfrage – verstärkt durch Social Media. «Wer Fotos von anderen Menschen an solchen Orten sieht, will das ebenfalls erleben.»
Damit die Kinder noch einen Gletscher sehen
Wie Bernadette Sütterlin. Ihr geht es dabei in erster Linie um ihre beiden Mädchen, drei und sechs Jahre alt. Die Sütterlins sind aus dem solothurnischen Nuglar aufs Eggishorn gereist – aus einem klassischen Last-Chance-Beweggrund. «Wir wollten den Kindern den Aletschgletscher zeigen, solange sie noch eine Vorstellung davon bekommen können, was ein Gletscher überhaupt ist.»
Die Familienfrau selber war zuletzt ebenfalls als Kind dort. Und wie alle, die den Vergleich haben, sieht Sütterlin eher den Verlust als das, was vom einst mächtigen Eisstrom noch vorhanden ist. In einem Wort: «Dramatisch.»
Widersprüchliche Liebe
Gletscher sind seit dem 18. Jahrhundert touristische Ziele. Doch zuletzt ist das Interesse an ihnen geradezu explodiert. «Das Bewusstsein für den Klimawandel hat Gletscher als Touristenattraktion in einem Ausmass befördert, wie es Jahrhunderte des Tourismus nie getan haben», schreibt ein Forscherteam um Emmanuel Salim, Geograf an der Universität Lausanne.
Um die Motivation für die Reisen ans nicht mehr ewige Eis besser zu verstehen, haben die Wissenschaftler Besucherinnen und Besucher von sechs europäischen Gletschern befragt. Ergebnis am Aletsch: Den Aspekt «Den Gletscher zu sehen, bevor er verschwindet» halten über 80 Prozent der Gäste für «sehr wichtig» oder «wichtig». Last Chance in Reinkultur.
Die Sogwirkung solcher Orte kann Forscher Salim gut nachvollziehen. Er weist aber auf ein Paradox hin: Weite Reisen zu gefährdeten Orten, die oft in sensiblen Ökosystemen liegen, verursachen zusätzliche CO2-Emissionen – womit die Reisenden indirekt dasjenige belasten, um dessen Fortbestand sie sich sorgen. Salim hat für den Widerspruch eine prägnante Formel gefunden: «Gletscherlandschaften können zu Tode geliebt werden.»
Es regt sich Widerstand
Bei gewissen Hotspots geht die Liebe eigentlich schon über den Tod hinaus. Der Rhonegletscher, ebenfalls im Oberwallis, steht dafür als Mahnmal.
Jahr für Jahr wird hier eine neue Höhle ins schrumpfende Eis geschlagen, damit Besucher ein «eisblaues Vergnügen» haben. Um den Rückgang zu verlangsamen, wird der Gletscherrand mit Abdeckvliesen aus Polypropylen überzogen – problematisch wegen Ablagerungen von Mikroplastik. Und: ein verzweifelter Versuch, die «letzte Gelegenheit» hinauszuzögern.
Noch spielen die Last-Chance-Touristen das traurige Spiel mit: Zahlreich fahren sie mit ihren Autos die Furka hoch und zahlen 9 Franken für den Eintritt in die Eisgrotte. Anfang August forderten nun aber Umweltverbände mit einer Petition den Stopp dieser Attraktion.
Investitionen trotz Untergangsszenarien
Auch Philippe Sproll verdient Geld mit erlebnishungrigen Reisenden. Nicht zu knapp: Die Aletsch Arena, deren Geschäftsleiter Sproll ist, gehört zu den etablierten Grössen im Schweizer Markt und ist der wirtschaftliche Motor einer ganzen Region. Zwar generiert die Destination gegen 80 Prozent ihrer Wertschöpfung im Winter, doch die Bahnen verzeichnen im Sommerhalbjahr zunehmende Frequenzen. Der Gletscher zieht.
Wie besorgt ist ein Touristiker um sein Geschäft, wenn ein Herzstück dem Untergang geweiht ist? Im Fall von Sproll: überhaupt nicht besorgt. Zumindest noch nicht. «Wir glauben, dass der Aletschgletscher für die nächsten 50 Jahre noch eine hohe Anziehungskraft hat.»
Wie gross der Glaube ist, belegt das Projekt einer neuen Seilbahn zum Eggishorn, 56 Millionen Franken teuer. Die Eröffnung ist für den Dezember 2028 geplant. «Hie entsteijt Züekunft», steht dazu auf der Website. «Es ist eine Investition für die Inszenierung des Gletschers», sagt der Geschäftsleiter. Das passt zur Strategie der Aletsch Arena, ihre Angebote künftig stärker auf die Sommersaison auszurichten. Mit Skifahren wird selbst hier, auf einem Plateau von über 2000 Metern, irgendwann Schluss sein.
Sensibilisierung auf allen Kanälen
Philippe Sproll denkt aber nicht nur unternehmerisch. Er ist auch ein naturverbundener Mensch, und als solchen beschäftigt ihn das Verschwinden des Eises stark. «Das macht schon traurig», sagt er. Darum ist es ihm wichtig, seine Gäste dafür zu sensibilisieren, wie der Klimawandel die Umwelt beeinträchtigt. «Es wäre völlig falsch, so zu tun, als würde nichts passieren.»
Im Aletschgebiet will man die Thematik laut Sproll künftig noch aktiver bearbeiten, um die Vorgänge begreifbar zu machen. In der Fachwelt spricht man dabei von Geotourismus – sozusagen das positiv besetzte Gegenstück zum fatalistischen Last-Chance-Tourismus.
Die Wissensvermittlung geschieht einerseits auf klassische, edukative Weise. So entsteht mit der neuen Bahn aufs Eggishorn ein Knowledge-Center, wo die Veränderungen in der Gletscherwelt auch digital erlebbar werden. Und beim Aussichtspunkt Moosfluh, weiter vorn bei der Zunge, werden die geologischen Folgen der Eisschmelze auf einem Themen-Rundweg erklärt.
Daneben findet das Gletschersterben auch überraschende Bühnen, im eigentlichen Wortsinn: Auf der Bettmeralp wird 2027 das Freilichtspiel «Das Wunder vom Grossen Aletschgletscher» aufgeführt. Das Stück thematisiert humoristisch, wie ein touristischer Ort trotz Klimakrise zukunftsfähig gemacht wird. Philippe Sproll wird ganz genau hinschauen.
Flucht in den Sarkasmus
Cathérine Hartmann, die Psychologin von der ZHAW, sieht in solchen Sensibilisierungsoffensiven einen Beitrag zur Umweltbildung. Doch sie mahnt: «Wissen in Form von Informationsvermittlung allein hilft nicht, dass sich Personen umweltfreundlicher verhalten. Dafür braucht es auch Handlungswissen.» Für die Wissenschaftlerin ist entscheidend, dass Informationen nicht bloss abbilden, was mit den Gletschern geschieht, sondern auch aufzeigen, was sich konkret tun lässt, um die Situation zu verbessern. «Jeder Einzelne kann das.»
Mit dieser Botschaft hinauf zum Viewpoint Eggishorn. Dort sagt Stephen Cousins, ein Gletschertourist aus England, er habe den Glauben daran aufgegeben, dass er als Einzelperson viel ausrichten könne gegen die Erderwärmung. Dafür sei diese Aufgabe schlicht «too big».
Cousins ist zum dritten Mal beim Aletschgletscher, den stetigen Rückgang der Eismassen findet er «bedrohlich». Da hilft nur eine kräftige Ration britischer Sarkasmus. «Das zu sehen, ist enttäuschend. Ich bin ziemlich eigennützig, deshalb sage ich: Am meisten enttäuscht mich, dass ich diesen Gletscher nicht in seiner ganzen Grösse gesehen habe.» Da hat jemand die letzte Gelegenheit bereits verpasst.