Darum gehts
- Einbruchswelle «Home-Jacking» in Genf: Reiche Villenbesitzer Ziel von brutalen Überfällen
- Täter spähen Opfer über soziale Medien aus, gestohlene Luxusgüter im Millionenwert
- Fälle seit 2022 verdreifacht; 2023 über 500 Fälle in Frankreich dokumentiert
Sie nennen es «Home-Jacking» – in der Deutschschweiz ist der Begriff nahezu ungebräuchlich, in Genf dagegen kennt man das Wort längst. Schon seit Monaten berichten Westschweizer Medien wie RTS, «Le Temps» und die «Tribune de Genève» über die brutale Einbruchsserie, die reiche Villenbesitzer am Genfersee in Angst versetzt. Jetzt schlägt auch die internationale Presse Alarm: Die «Financial Times» (FT) widmet dem Phänomen einen grossen Bericht – und liefert neue Details zur Herkunft der Täter.
Besondere mediale Aufmerksamkeit erhielt der Begriff im Juli 2025, als Vermummte in ein Haus in Collonge-Bellerive GE eindrangen und dort auf die Bewohner warteten. Seither taucht Home-Jacking in der Westschweiz häufig auf.
RTS berichtete im Herbst 2025, dass sich die Fälle in den Kantonen Genf und Waadt seit 2022 verdreifacht hätten – mit teils traumatisierenden Gewaltszenen. Ein hoher Genfer Polizeioffizier erklärte gegenüber RTS, solche Überfälle seien für die Täter mittlerweile lukrativer als andere Raubdelikte, weil Banken und Juweliere ihre Sicherheitssysteme massiv verstärkt hätten.
Prominente Opfer, dramatische Nächte
Auch Namen sind bekannt: Formel-1-Legende Alain Prost (71) wurde im Mai bei Nyon VD überfallen, ein Familienmitglied dabei verletzt.
Mittsiebziger Christophe Burrus, ehemaliger Senior Partner der Privatbank Vontobel, hörte «Wir werden dich töten!», während ihm ein Angreifer auf dem Brustkorb kniete. Burrus löste den Alarmknopf neben seinem Bett aus und ging später öffentlich mit seiner Geschichte an die Medien.
Unternehmer und Influencer Alexandre Mourreau (40) wurde innerhalb weniger Monate gleich zweimal überfallen und um Luxusuhren im Wert von 5 Millionen Franken erleichtert. Seither weiss er nicht mehr, ob er in Genf bleiben will.
Frankreich im Fokus
Nun rückt laut «FT» ein weiterer Aspekt in den Vordergrund: die durchlässige Grenze zu Frankreich. Weil diese ohne systematische Passkontrollen passiert werden kann, gerät die grenzüberschreitende Polizeiarbeit zunehmend unter Druck.
Laut Genfer Kantonspolizei ordnen Ermittler sieben Überfälle im vergangenen Jahr eigenständigen Banden aus Südfrankreich zu und bringen vier serbische sowie sieben französische Staatsangehörige aus der Region Marseille mit den Taten in Verbindung. Der Genfer Privatsender Léman Bleu berichtete zudem über mutmassliche Täter von mindestens fünf weiteren Genfer Home-Jackings, die in Marseille verhaftet wurden – laut Staatsanwaltschaft drei Verdächtige osteuropäischer Herkunft, die an die Schweiz ausgeliefert werden sollten.
Besonders perfide: Die Banden sollen ihre Opfer im Vorfeld gezielt ausspähen – auch über soziale Medien. Fotos von Uhren, Schmuck, Autos, Ferien und dem allgemeinen Lebensstil liefern den Tätern laut Polizei wertvolle Hinweise darauf, wer wohlhabend genug ist, um sich zu lohnen.
Phänomen macht an Sprachgrenze halt
Auffällig: Ausserhalb der Romandie ist von einer vergleichbaren Welle bislang nichts bekannt. Wie die «NZZ» berichtete, ist der Begriff «Home-Jacking» – abgeleitet vom englischen «Carjacking» – bislang nur im französischsprachigen Raum gebräuchlich.
Die Welle sei aus Frankreich, wo es 2023 über 500 solcher Fälle gab, ins benachbarte Genf herübergeschwappt. Eine Deutschschweizer Entsprechung mit ähnlich hohen und steigenden Fallzahlen ist derzeit nicht dokumentiert. Ob dies an einer tatsächlich tieferen Fallzahl liegt, an der grösseren Distanz zu den französischen Banden oder schlicht an einer anderen statistischen Erfassung, ist offen.
Klar ist: Sollte sich der Trend fortsetzen, dürfte er zum Standortnachteil für Genf werden. Die von Unternehmern gegründete «Fondation pour l'attractivité du canton de Genève» (Flag) warnt laut «NZZ», Genf dürfe diesen Wettbewerbsvorteil nicht verlieren – sonst drohten Firmenwegzüge etwa nach Zürich oder ins Ausland.
Frankreich betont Zusammenarbeit
Die französische Botschaft in der Schweiz reagierte auf die Vorwürfe und liess gemäss «FT» verlauten, die grenzüberschreitende Kooperation mit den Schweizer Behörden sei «eng, umfassend und flexibel».
Politiker in Genf fordern zudem mehr Grenzpolizisten, gezielte Kontrollen auch an kleineren Übergängen sowie einen schnelleren Zugriff der Polizei auf Nummernschild-Datenbanken.
Diskutiert wird überdies, die bisher öffentlich einsehbaren Immobilien-Verkaufsdaten – inklusive Namen der Käufer – künftig geheim zu halten, um Kriminellen die Adresssuche zu erschweren. Die noble Gemeinde Vandœuvres GE plant bereits eine Art «virtuelle Grenze» mit automatischer Kennzeichenerfassung und Kameras an den Ortseingängen.