Darum gehts
- Erwin Lämmler (88) startet diesen Sonntag am Bergrennen in Corcelles-le-Jorat VD
- Seit 66 Jahren schraubt und tüftelt er an seinem NSU-Töff
- Seine Erlebnisse kennt er besser als die Namen seiner Enkelkinder
Erwin Lämmler (88) will schneller werden. Nicht am Rollator, nicht im Kreuzworträtsel. Lämmler will auf seinem Töff ans Limit. 11'000 Touren soll die Maschine erreichen, so das Ziel des Seniors. Heisst: Die hohe Umdrehungszahl seines Motors soll den Töff ans Limit bringen. «Mein Lebensprojekt habe ich noch nicht erreicht, aber Zeit dafür habe ich noch», sagt der 88-Jährige und grinst. Schafft er es dieses Wochenende?
In seinem Atelier in L'Orient VD hat Lämmler alles, was er braucht: Werkzeuge, Drehbank und Hunderte Ersatzteile. Seit 66 Jahren fährt und repariert Lämmler an seiner NSU Max 250 mit Jahrgang 1953. Früher auf der Strasse, heute an Bergrennen. Eine Strassenzulassung hat der Töff längst nicht mehr.
Zündende Ziele
Seine «Maschine», wie er den Töff nennt, begleitet ihn länger als seine inzwischen verstorbene Ehefrau. Mit ihr hat er zwei Kinder, dann sechs Enkel und zehn Urenkel. Die Maschine ist nach seiner Familie sein zweites Lebensprojekt. Abgeschlossen ist es noch nicht.
Dieses Wochenende fährt Lämmler sein nächstes Rennen in Corcelles-le-Jorat VD – mit 88 Jahren. Wobei er nicht gerne von Rennen spricht. «Das ist eine Vorführung, weil Rennen in der Schweiz eigentlich verboten sind», sagt er spitzbübisch und doppelt nach: «Aber klar: Am Ende ist es eben doch eine Art Rennen.» Er ist zuversichtlich, dass es gut kommt: «Am Sonntag will ich meine Bestzeit erreichen.» Viel habe er auf dieser kurzen, aber interessanten Strecke erlebt – Erfolge und Niederlagen. Wenn es nach ihm geht, sollte es nicht sein letztes Rennen sein.
Die letzten Vorbereitungen trifft Lämmler in seinem Atelier. Seit 60 Jahren lebt der Ostschweizer im Vallée de Joux zwischen dem Genfersee und der französischen Grenze. Er schraubt die Zündkerze aus dem Zylinderkopf und prüft: «Sie ist rehbraun, gut so.» Er dreht sie vorsichtig wieder ein. «Ich kenne jedes Einzelteil an dieser Maschine», sagt er stolz. Zu jedem Teil hat Lämmler eine Geschichte auf Lager. Zuletzt ersetzte er den Tank und baute aus Aluminium einen neuen.
Während andere sich um das Lebensende kümmern, schmiedet Lämmler neue Pläne. «Mein Alter ist kein grosser Umstand, ich fühle mich fit und bin bereit für das nächste Abenteuer», sagt er. Und doch humpelt Lämmler durchs Atelier. Er verletzte sich bei einem Motocross-Training vor zwei Jahren.
Töff kennt er besser als die Familie
Lämmler tüftelt alleine im Keller. An den Rennen begleiten ihn aber Tochter Eva und zwei Freunde. Sie helfen ihm beim Anziehen und Aufsteigen. «Ich schaffe es alleine, aber etwas Unterstützung ist schön», bemerkt er. Auf dem Sattel montierte Lämmler ein dickes Polster. «So sitze ich etwas komfortabler und altersgerecht.» Wie ein Kind im Spielwarengeschäft läuft Lämmler in seinem Atelier umher. Für das Foto steigt er auf den Töff – mit einem Schemel.
Während er spricht, lehnt er sich zur Seite und zieht an den Bremsen. «Ein guter Bremser ist ein guter Rennfahrer.» Hinter ihm steht eine Drehbank. Für die Reparaturen baut Lämmler alles selbst. Bohren, Fräsen, Schweissen. «Es gibt nichts, was ich nicht selbst fabrizieren kann.»
Weit öffnet er seine klaren, blauen Augen. Er schaut den Töff an, als wäre dieser sein neustes Weihnachtsgeschenk. Lämmler erklärt jeden Winkel am Töff. «Wo ich was reparierte, weiss ich besser als die Namen meiner Enkel und Urenkel.»
Flucht aus der Ostschweiz
Die Wanduhr in seiner Stube tickt. Schlägt sie zur vollen Stunde, übertönt sie Lämmlers Stimme. Ihn kümmert das nicht. Lämmler erzählt auch von seiner Kindheit in Herisau AR. Wie er unter «armen» Verhältnissen aufgewachsen sei. «Wir mussten unten durch.» Geld war nicht viel vorhanden. «Im Appenzell gab es keine Zukunft für mich.»
Sein Lehrer begeisterte ihn für die Elektrotechnik. «Wir bauten zusammen einen Elektromotor. Das war faszinierend.» Dafür sei er ihm heute noch dankbar. Später machte Lämmler eine Lehre als Werkzeugmechaniker bei einer Nähmaschinenherstellerin. Den Lohn sparte er und investierte das Geld in seine NSU, erzählt er in einem Ostschweizer Dialekt mit welschem Akzent.
Lämmler zupft ein Buch aus dem Regal. Auf dem Cover steht NSU, der Hersteller seines Töffs. Später wurde NSU Teil des Audi-Konzerns. Stolz erzählt der Senior aus dem Buch – die Geschichte kennt er auswendig.
Fragen zum Töff und dem Motorsport beantwortet Lämmler schlagfertig und ausführlich. Fragen zu Leben und Tod beantwortet er kurz und knapp, driftet aber schnell zurück zum Töff. «Krank im Bett sterben? Nein, danke», meint er und wird konkret: «Lieber sterbe ich plötzlich und schmerzlos in der Nähe meines Töffs – das wär mir am liebsten.»