Darum gehts
Der Bruch geschieht mit einem Knall. Brooklyn Beckham (25) will nichts mehr mit seinen Eltern Victoria (51) und David (50) zu tun haben. Er kappt den Kontakt. Und das darum: «Mein ganzes Leben lang haben meine Eltern die Darstellung unserer Familie in der Presse kontrolliert.» Dazu gehörten inszenierte Social-Media-Posts von Familienfesten und ein Haufen unechter Beziehungen. Der Vorwurf: Die Marke Beckham war stets wichtiger als die Kinder.
All das hat der junge Beckham diese Woche auf sechs vollgeschriebenen Slides auf Instagram verkündet. Eine Abnabelung im grellen Licht der Öffentlichkeit. Das ist selten. Nicht aber der Bruch mit den Eltern. Der ist in der Gesellschaft verbreitet.
Bruch geschieht nicht leichtfertig
Eine Studie der Universitäten Halle und Köln mit über 10’000 deutschen Teilnehmenden zeigt: Sieben Prozent der Befragten haben gar keinen Kontakt zum Vater, zwei Prozent keinen zur Mutter. Und fast jede zehnte Person erlebte eine Phase der Entfremdung zur Mutter während der vergangenen zehn Jahre, jede fünfte zum Vater.
Für die Schweiz fehlen Daten. Doch zumindest die Zahl der «Kontaktabbruch»-Selbsthilfegruppen ist gestiegen: 2017 waren bei Selbsthilfe Schweiz sechs gemeldet, heute das Doppelte. Und an der Universität Luzern führen Ethnologinnen gerade eine Studie zum Thema durch. Sie soll noch dieses Jahr veröffentlicht werden und ist Teil des Projekts «De-Kinning und Re-Kinning? Entfremdung, Scheidung, Adoption und die Transformation von Verwandtschaftsnetzwerken». Der Schweizerische Nationalfonds fördert dieses.
Die Forscherin Laura Preissler hat für die Untersuchung dreissig Betroffene begleitet – überwiegend erwachsene Kinder, die nichts mehr mit den Eltern zu tun haben wollen. Sie sagt: «Der Bruch kommt nicht von heute auf morgen.» Ein langer Prozess der Entfremdung gehe ihm voraus. Die Gründe reichten bis in die Kindheit zurück. Und seien gravierend.
Ihre Mutter wertete sie ab
So hat es Martina Wild (43) erlebt, sie wohnt in der Zentralschweiz und heisst in Wirklichkeit anders. Irgendwann habe sie realisierte: «Ich werde für meine Mutter nie gut genug sein.» Vor vier Jahren schrieb sie ihr einen Brief und verabschiedete sich. Die Mutter rief sie daraufhin an, über Tage immer wieder, Wild hob nicht ab. Dann gab diese auf. Seither herrscht Funkstille. Mit dem Vater telefoniert Wild noch ein paar Mal im Jahr.
Als Kind begleitete sie vor allem ein Gefühl: Etwas musste falsch sein mit ihr. Ursache war die Mutter, sagt sie. Deren Abwertung. Eine 4,5 in Mathe? Noch heute hat Wild ihre Worte im Ohr: «Du faules Kind!» Nichts war der Mutter genehm. Nicht die Freundinnen der Tochter – die würden sie nur ausnutzen. Nicht, was Wild der Mutter zum Geburtstag schenkte. Wild erinnert sich: «Sie verschenkte die Sachen einfach weiter.» Nicht ihre Frisur, Schminke, Kleider – selbst als sie längst erwachsen war. Oft seien die mütterlichen Kommentare zweideutig gewesen: «Das ist ein schöner Jupe, Liebes, aber dein Po sieht darin so dick aus. Hast du zugenommen?»
Mit Mitte dreissig machte Wild wegen einer Depression eine Psychotherapie und realisiert: Die Mutter hatte ihr keine Liebe gegeben. Da sah sie diese bereits nur noch sporadisch. Nun zog sie die Reissleine.
Wild ist damit nicht allein. Die Ethnologin Laura Preissler hat bei den Studienteilnehmenden Ähnliches beobachtet: Gewalt, Vernachlässigung, Missbrauch, Sucht, eine psychische Erkrankung der Eltern, das langfristige Gefühl der Kinder, nicht gesehen oder wertgeschätzt zu werden oder chronische Konflikte rund um Erbschaften. Preissler sagt: «Aus Sicht der erwachsenen Kinder geschieht der Kontaktabbruch aus Selbstschutz.»
Familie hat als Wert an Bedeutung verloren
Nun berichtet schon die Bibel über das Phänomen Entfremdung. Absalom zettelte gegen seinen Vater König David sogar einen Krieg an. Doch gibt es Hinweise darauf, dass Brüche zwischen Kindern und Eltern in den letzten Jahren häufiger geworden sind. Medienberichte über Betroffene mehren sich. Oder Bücher wie «Funkstille» von Christiane Jendrich (2022), «Der Schmerz verlassener Eltern» von Claudia Haarmann (2024) oder «Den Kontakt abbrechen und Heilung finden» von Eamon Dolan (2025). Offenbar treffen sie einen Nerv. Und diesen hat der gesellschaftliche Wandel überhaupt erst frei gelegt.
Längst lebt man nicht mehr als Grossfamilie auf einem Hof zusammen, ist nicht mehr wirtschaftlich voneinander abhängig. Heute liegt der Fokus mehr auf dem Ich. Stichwort: Selbstschutz – diese Idee ist neu. Genauso wie Psychotherapie als Massenphänomen. Man schaut zu sich, will sich selbst verwirklichen. Und es ist okay. Es ist okay, single, kinderlos oder queer zu sein, niemand guckt mehr schief. Es ist das neue Normal. Und das ist gut so.
Doch nicht alle mögen da mithalten. Allen voran die verlassenen Eltern. Ihre Generationen erlebten Härte. Mussten Mutter und Vater ehren. Sind sie mit ihnen unzufrieden, machen sie auch als Erwachsene noch die Faust im Sack. Über ihre Gefühle sprechen, überhaupt diese wahrzunehmen – viele kommen gar nicht auf die Idee. Diese Sozialisierung zeigt sich auch in der Reaktion, wenn das eigene, erwachsene Kind sagt: Mutter, ich brauche Abstand.
Die Eltern fallen aus allen Wolken
Laura Preissler, die Ethnologin der Universität Luzern sagt: «Für die Eltern kommt der Kontaktabbruch oft überraschend.» Sie können den Entscheid ihrer Töchter und Söhne nicht nachvollziehen. Finden ihn überzogen, ungerechtfertigt. Doch dahinter verbirgt sich noch mehr, so die Forscherin: «Die Eltern empfinden eine tiefe Trauer.»
Was die Sache noch erschwert: das Tabu. Vor einigen Jahren besuchten wir anlässlich einer Recherche eine Selbsthilfegruppe für verlassene Eltern im Bollwerk in Bern. Im Stuhlkreis sass eine Frau, deren Tochter alle Brücken hinter sich abgebrochen hatte. Sie sagte: Alle um sie herum wüssten davon, doch niemand spreche sie als Mutter darauf an. Man ist allein mit dem Schmerz. Und das führt zu einem anderen Gefühl: Scham. Eine Mutter in Preisslers Gruppe spielte mit dem Gedanken, umzuziehen. Ihre Sorge: Die Nachbarn könnten schlecht von ihr denken, wenn sie nun plötzlich nicht mehr mit dem Enkelkind im Kinderwagen spazieren geht.
Viele Eltern können irgendwann loslassen. Einige aber denken auch nach Jahren noch jeden einzelnen Tag an das verlorene Kind. Ein Kontaktabbruch geht an niemandem spurlos vorbei: Weder an den Eltern, noch an den Kindern.
Spiele live mit und gewinne bis zu 1'000 Franken! Jeden Dienstag und Donnerstag ab 19:30 Uhr – einfach mitmachen und absahnen.
So gehts:
- App holen: App-Store oder im Google Play Store
-
Push aktivieren – keine Show verpassen
-
Jetzt downloaden und loslegen!
-
Live mitquizzen und gewinnen
Spiele live mit und gewinne bis zu 1'000 Franken! Jeden Dienstag und Donnerstag ab 19:30 Uhr – einfach mitmachen und absahnen.
So gehts:
- App holen: App-Store oder im Google Play Store
-
Push aktivieren – keine Show verpassen
-
Jetzt downloaden und loslegen!
-
Live mitquizzen und gewinnen