Darum gehts
- Die Thurgauerin Marina Vidovic hat eine Biografie geschrieben
- Darin geht es um ihre Familiengeschichte – und die Suche nach ihrer Identität
- Denn der Fehler einer österreichischen Kinderwunschklinik hat ihr Leben verändert
Wann die eigene Geschichte beginnt – diese Frage hatte sich Marina Vidovic nie gestellt: bei der Geburt? Beim Kennenlernen der Eltern? Oder noch viel früher? Sie nahm ihr Leben so hin, wie es war. Doch dann veränderte eine Entdeckung alles.
Vidovic sitzt in einem Café im Zürcher Niederdorf. Die braunen Locken fallen ihr offen auf die Schultern. Die 33-Jährige hat ihre Geschichte aufgeschrieben. Im Buch «Richtig im falschen Leben: Von Zufall und Herkunft», das dieser Tage erscheint, erzählt sie von sich, von ihrer Familie – und von der Suche nach ihrer Identität.
Vidovic wächst zusammen mit ihren Eltern und ihrer eineinhalb Jahre älteren Schwester Kristina im Thurgau auf. Dorthin waren ihre Eltern Miluska und Tomislav aus Serbien eingewandert.
Ihr Buch beginnt sie mit Erinnerungen an die Sommer ihrer Kindheit, die sie jeweils in der Heimat der Eltern verbrachte. «Wie sich die Zugvögel jährlich auf die lange Reise in den Süden machten, so brach auch meine Familie jeden Sommer in die Heimat auf», schreibt sie. Dort wartet die Grossmutter, die sie stets mit offenen Armen und Freudentränen in den Augen empfängt. Vidovic erinnert sich an ihr kleines Haus, die Blumen im Garten, den Duft von Kaffee, der die Küche erfüllt.
Beide Schwestern sind durch künstliche Befruchtung in der österreichischen Kinderwunschklinik des Fortpflanzungsmediziners Herbert Zech (77) entstanden. Dass ihre Eltern diesen Weg gegangen waren, war in der Familie kein Geheimnis. Darüber wurde offen gesprochen.
«Du bist und bleibst meine Schwester»
Der erste grosse Einschnitt in Vidovics Leben kommt 2009: Ihr Vater, ein stolzer und starker Mann, stirbt an einem Hirntumor. Dann, ein paar Jahre später, kommt die zweite Erschütterung: Vidovics Schwester stellt fest, dass ihre Blutgruppe genetisch nicht zu ihren Eltern passen kann. Ein DNA-Test bringt die Gewissheit, dass Kristina biologisch nicht mit der Familie verwandt ist. Es stellt sich heraus, dass in der Geburtsklinik ein Embryo vertauscht worden war.
«Ich weiss noch, dass ich zu meiner Schwester sagte: Es ändert sich nichts. Du bist und bleibst meine Schwester», erzählt Vidovic heute. Damals glaubt sie das auch. «Wenn man so etwas nicht selbst erlebt hat, kann man kaum verstehen, was das mit einem macht.» Denn während die Familie versucht, die Wahrheit zu begreifen, folgt die nächste Überraschung: Auch Marina selbst ist betroffen. Die Eizelle ihrer Mutter wurde mit dem Samen eines fremden Mannes befruchtet.
Klage gegen die Klinik
«Meine Existenz basierte auf einer Lüge», schreibt Vidovic über diesen Moment. «Mein ganzes Leben fühlte sich falsch an.» Der Mann, den sie immer als ihren Vater gesehen hat, ist nicht ihr biologischer Vater.
Besonders schwer wiegt für sie, dass ihr Vater zu diesem Zeitpunkt bereits tot ist. «Das war das Schwierigste», sagt sie. «Mit der wichtigsten Person darüber nicht mehr sprechen zu können.» Gleichzeitig sagt sie, sei sie auch froh: «Er konnte im Glauben sterben, dass seine Töchter seine biologischen Töchter sind.»
Für ihre Schwester bedeutet die Wahrheit den Verlust der gesamten biologischen Herkunft. Für Vidovic bleibt zumindest die genetische Verbindung zur Mutter. Doch auch sie beginnt zu zweifeln, zu fragen, zu suchen. Wer bin ich, wenn ein Teil meiner Geschichte fehlt?
Die Familie klagt gegen die Klinik. Es folgen Jahre voller juristischer Abklärungen und Gerichtsverfahren. Die Klinik kann die Namen der genetischen Eltern nicht liefern und auch nicht abschliessend erklären, wie es zu den Fehlern kam. Der Prozess zieht sich hin, bis die Parteien sich aussergerichtlich einigen und der Fall 2018 gegen Geld schliesslich eingestellt wird.
Die Fragen bleiben.
«Wenn man seine Herkunft nicht kennt, sucht man nicht nur nach Verwandten», sagt Vidovic. «Man sucht auch nach sich selbst.» Sie erinnert sich daran, wie sie fremde Gesichter auf der Strasse betrachtete und nach Ähnlichkeiten suchte.
Näher zusammengewachsen
Schreiben wird für sie zum Weg, mit diesen Fragen umzugehen. Satz für Satz versucht sie zu verstehen, was geschehen ist. «Durch das Schreiben konnte ich Dinge verarbeiten und irgendwann Frieden damit schliessen.»
Dabei wird ihr auch klar, was Familie für sie bedeutet. «Meine Schwester ist und bleibt meine Schwester», sagt sie. «Und meine Mutter hat nie einen Unterschied zwischen uns gemacht.» Verwandtschaft entstehe durch Biologie. «Aber Zugehörigkeit ist eine Wahl. Eine innere Haltung.»
Die Schicksalsschläge hätten die Familie sogar näher zusammengebracht. «Wenn sich etwas verändert hat, dann nur, dass wir noch enger geworden sind», sagt sie.
Trotzdem bleibt der Wunsch, den unbekannten Teil ihrer Herkunft kennenzulernen. Lange fühlt sich dieser Wunsch wie ein Verrat an ihrem verstorbenen Vater an. Doch die Fragen lassen sie nicht los.
Tatsächlich findet sie nach jahrelanger Suche ihren biologischen Vater. Die Begegnung liegt erst wenige Monate zurück. Heute haben sie Kontakt.
Recht auf Kenntnis der biologischen Herkunft
Mit ihrem Buch verbindet Vidovic auch ein Anliegen: Kinder, die durch Reproduktionsmedizin entstehen, sollten ein Recht darauf haben, ihre biologische Herkunft zu kennen, sagt sie. «Ich wünsche niemandem, mit diesen Fragen durchs Leben gehen zu müssen und keine Möglichkeit zu haben, Antworten zu finden.» Ob jemand diese Informationen später tatsächlich wissen wolle, müsse jede Person selbst entscheiden. «Aber die Option sollte es geben.»
Vielleicht, sagt Marina Vidovic, beginne ihre Geschichte lange vor ihrer eigenen Geburt: etwa mit der Entscheidung ihrer Eltern, in die Schweiz zu kommen. Oder mit all den Zufällen, die ihr Leben überhaupt erst möglich gemacht haben.
«Dass genau ich heute existiere, ist ein grosses Geschenk», sagt sie.
Marina Vidovic, «Richtig im falschen Leben: Von Zufall und Herkunft», Arisverlag.