Swissmedic in Schieflage
Nebenwirkung Grössenwahn

Das Schweizerische Heilmittelinstitut wurde in die finanzielle Misere getrieben. Die Gründe: Ein IT-Desaster und Selbstüberschätzung in der Chefetage. Einige Verantwortliche sind noch immer am Ruder. Die Eidgenössische Finanzkontrolle schaltet sich ein.
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Millionen für IT-Projekte verlocht: Swissmedic.
Foto: Getty Images
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Jahrzehntelang war Swissmedic eine Behörde wie andere: hohe Beständigkeit, aber mässiger Sex-Appeal. Ein stabiler Cashflow von rund 115 Millionen Franken erlaubte ein privilegiertes Dasein, wobei sich das Treiben in der geschützten Werkstatt doch eher unspektakulär gestaltete. «Ich bin Inspektor beim Schweizerischen Heilmittelinstitut für den Bereich Medical Devices» taugt nicht zwingend dazu, eine Tafelrunde in den Bann zu ziehen.

Irgendwann hatte man beim Institut, das sich zum Grossteil von Gebühren, also via Anbieter und Konsumenten, sowie über Bundesgelder finanziert, genug vom trägen Beamtenimage. Unter Direktor Raimund Bruhin (65) erkannte man ab 2019 den idealen Anlass, um sich nach der Decke zu strecken: Die Arzneimittelbehörde musste sich IT-mässig dringend auf Vordermann bringen. Während die Pharmakonzerne, mit denen man es zu tun hat, längst hoch technisiert waren, operierte die Zulassungsstelle noch immer mit alten Methoden. Die komplexen Prozesse, Netzwerke und Datenbanken bei Swissmedic galt es schleunigst zu digitalisieren.

Stakeholder-Meetings und Networking-Anlässe

Allerdings scheute man sich davor, wie andere Organisationen die teure, verhasste SAP-Software einzukaufen – Swissmedic wollte sich eine eigene IT-Landschaft aufbauen. Wir können das besser als SAP, sagten sich Bruhin und seine Mitstreiter. Also begann man im grossen Stil, Fachleute von aussen anzuheuern. Dutzende Externe sollten eine Swissmedic-eigene Lösung zimmern. «Swissmedic 4.0» hiess das Vorhaben. Und vom Transformationsprogramm TSP war die Rede. Den Zuschlag erhielten bekannte Branchengrössen. «Mit uns an der Hand ins digitale Land», säuselten die Neuen in den Büros.

Für die Führung war nur der Himmel hoch genug. Swissmedic musste an Strahlkraft gewinnen. Man setzte neuerdings auf ein sogenanntes Stakeholder-Management, was besser tönte als «Kontaktpflege», lud zu aufwendigen Meetings und Networking-Anlässen und ernannte Stakeholder-Manager, die mit der Medtech- und Pharmabranche anbandelten, mit denen die Behörde naturgemäss aber sowieso im Austausch steht. Wer kritische Fragen stellte, so erzählen mehrere Insider gegenüber SonntagsBlick, wurde von der Führung abgekanzelt.

Bruhin und Bruhin

Bruhin genoss laut Beobachtern viel Spielraum – der oberste strategische Verantwortliche, Institutsratspräsident Lukas Bruhin (57), der mit seinem Namensvetter weder verwandt noch verschwägert ist, liess diesem dem Vernehmen nach freie Hand. Als Präsident der mächtigen SRG Deutschschweiz ist Lukas Bruhin Umfelder gewohnt, in denen grosszügig angerichtet wird. Pikant: Die ganze Übung geschah mit dem Segen des Bundesrats. Federführend war bis 2023 Gesundheitsminister Alain Berset (54). Dessen langjähriger Generalsekretär war – Lukas Bruhin.

Allmählich aber wies die schöne neue Swissmedic-Welt Risse in der Fassade auf. Die Heerscharen der externen IT-Legionäre zehrten am finanziellen Fundament, und ein brauchbares Resultat wollte sich partout nicht abzeichnen. «Swissmedic 4.0» drohte zu floppen. Intern nahmen unter der Belegschaft die Spannungen zu.

Öffentlich ausgewiesen wird das Manöver nicht. Im Jahresbericht 2024 wird erstmals die Vernichtung von Eigenkapital ersichtlich, als plötzlich 44 Millionen Franken weniger ausgewiesen wurden. 2024 sind 27 Millionen Franken Informatikaufwand aufgeführt, was im Vergleich zum Vorjahr fast einer Verdoppelung entspricht. 24 Millionen Verlust lautet das bittere Betriebsergebnis gemäss Jahresbericht 2024. 2023 berichtete das Portal «Inside IT», dass für Informatikaufträge im Zeitraum von acht Jahren ein Dach von insgesamt 122 Millionen gesprochen wurde.

Hinter dem PR-Anstrich schimmert das Fiasko hervor

Unbeachtet der finanziellen Schieflage luden in jenen Tagen die IT-Leute nach Feierabend zu «TSP-Partys» – zum Unmut vieler Mitarbeitenden, die wegen der miesen Finanzlage 2025 auf ein Weihnachtsessen verzichten mussten. Eine solche Massnahme kennt man aus der Privatwirtschaft – auch beim Ringier-Verlag ist dies vorgekommen –, nicht aber von einer subventionierten Behörde. Umso grösser war der Ärger, dass sich Swissmedic parallel dazu einen aufwendigen Auftritt am World Economic Forum in Davos GR gönnte. «Swissmedic at the World Economic Forum 2025: Exploring Innovation in Healthcare», wurde auf Linkedin stolz verlautbart.

Am 4. Juni 2025 verkündete das Institut in einer Medienmitteilung kleinlaut: «‹Swissmedic 4.0› hat die Prototypen-Mentalität gelebt: Wenn ein solcher entwickelt wurde und funktionierte, wurde er weiterverfolgt. Beim Nichterfolg wurde er nach dem Motto ‹Trial and Error› fallen gelassen.» Hinter dem PR-Anstrich schimmert das Fiasko hervor: Dutzende Millionen Franken sind weg, der Durchbruch in der IT lässt auf sich warten.

Zu den Verlierern gehört nicht nur Swissmedic, sondern auch der Schweizer Standort. Das finanzielle Loch soll die Privatwirtschaft stopfen – über Gebühren in der Höhe von rund 25 Millionen Franken bei der ohnehin schon unter Druck stehenden Medtecbranche.

Eine Regulationsbehörde ohne Homeoffice-Regel

Auf Anfrage teilt eine Swissmedic-Sprecherin mit, dass die «strategische Entscheidung für eine moderne, sichere und zukunftsfähige Infrastruktur und eine datenzentrierte Arbeitsweise» notwendig sei, «weil viele IT-Systeme am Ende des Lebenszyklus angekommen sind» und für die Zusammenarbeit im internationalen Umfeld eine moderne IT-Infrastruktur unumgänglich sei. Der Abschlussbericht zum Programm TSP sei in Erarbeitung und werde voraussichtlich am 12. Juni 2026 zusammen mit dem Geschäftsbericht publiziert.

Laut der Swissmedic-Sprecherin haben die externen Kosten für TSP in der Zeitspanne von 2022 bis 2025 rund 27 Millionen Franken betragen. «In dieser Zeit wurden externe Spezialistinnen und Spezialisten in unterschiedlichen Rollen eingesetzt, unter anderem in Architektur, Softwareentwicklung, SAP-Transformation, IT-Security, Qualitäts- und Programmmanagement.» Das TSP sei, so betont Swissmedic weiter, «nicht als abgeschlossenes IT-Projekt angelegt, sondern als mehrjähriges Transformationsprogramm mit verschiedenen Teilvorhaben und Umsetzungsschritten». Die Digitalisierung von Swissmedic gehe weiter.

Prüfung mit dem Kennzeichen PA-26628

Ende 2025 liess sich Raimund Bruhin krankschreiben – was ihn nicht daran hinderte, in seinem Wohnort Urdorf ZH als Gemeindepräsident zu kandidieren – und wurde auf Ende Jahr regulär pensioniert. Am 1. Januar übernahm Vincenza Trivigno (55) das Ruder. Sie setzt derzeit ein Sparprogramm um und räumt mit alten Privilegien auf. So kannte die Regulationsbehörde beispielsweise keine Homeoffice-Regel. Es wird von Angestellten berichtet, die sich wochenlang nicht im Büro blicken lassen. In der Privatwirtschaft ein No-Go. Jetzt hat die neue Chefin eine 50-Prozent-Präsenzpflicht eingeführt. Die Gewerkschaft tobt.

Wie sehr Swissmedic mit der Vergangenheit aufräumen kann, bleibt offen – einige der damals mutmasslich Verantwortlichen sind noch «in charge». So Vizedirektor Philippe Girard oder Infrastruktur-Chef und GL-Mitglied Daniel Leuenberger. Auch die Rolle von Lukas Bruhin, der seit 2020 den Institutsrat präsidiert, dürfte zu reden geben. Sogar Trivigno dürfte sich als vormaliges Mitglied des Stiftungsrats Fragen gefallen lassen müssen.

Wie SonntagsBlick in Erfahrung gebracht hat, wird die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) die Angelegenheit unter die Lupe nehmen. Ein Sprecher der EFK bestätigt auf Anfrage, dass eine «Prüfung der Digitalisierungsvorhaben» bei Swissmedic mit dem Kennzeichen PA-26628 geplant ist. Dann wird sich zeigen, ob Swissmedic eine Behörde wie jede andere ist.

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