Sie haben beim Bergsturz in Blatten alles verloren
Ein Paar wagt den Neuanfang

Daniel und Karin Ritler versuchen sich nach der Katastrophe von Blatten VS als Hoteliers. Blick hat die Köchin und den ehemaligen Schafzüchter besucht.
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Daniel und Karin Ritler haben im Bergsturz von Blatten fast alles verloren. Jetzt wollen sie im Lötschental ein Hotel eröffnen.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • 75 % Prozent der Blattnerinnen und Blattner sind im Lötschental geblieben
  • Daniel und Karin Ritler haben im Bergsturz fast alles verloren, jetzt wagen sie den Neuanfang
  • Gemeindepräsident Matthias Bellwald ist zuversichtlich, dass bereits 2026 die ersten Menschen ins Dorf zurückkehren können
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Drei Minuten blieben Daniel Ritler (58), um sein Leben und das seiner Frau Karin (56) zusammenzupacken. Er stand auf dem Feld und baute Zäune, als sie ihn anrief. Er müsse sofort weg, sagte sie. Blatten und Ried würden evakuiert. 

Daniel Ritler liess alles stehen und liegen. Er schnappte sich Karins Tasche und seinen Laptop. Dass er das Haus zum letzten Mal betreten würde, ahnte er nicht.

Das Lötschental braucht Betten

Heute, fast neun Monate, nachdem der Berg ins Tal gestürzt ist, und Blatten unter Schutt- und Gletschermassen begraben hat, stehen Daniel und Karin Ritler inmitten einer Baustelle im Nachbardorf Ferden. Ihr früheres Zuhause existiert nicht mehr. Trotzdem haben sie sich entschieden, im Lötschental zu bleiben. Mehr noch: Sie wollen ein Hotel eröffnen.

«Das Lötschental braucht Betten», sagt Daniel Ritler. Denn die meisten Hotels und Ferienwohnungen hat der Bergsturz zerstört. Im Erdgeschoss des Hauses zeigt er einen grossen Raum. «Hier soll der Speisesaal entstehen, dort drüben die Theke, da eine neue Küche.» Dann führt er nach oben in die Zimmer. Kübel und Säcke stehen herum. Die Wände sind unverputzt. Ritlers mussten überall Bad und Böden herausreissen. Auch die Fenster müssen sie ersetzen. Bei jedem Zimmer hat Karin Ritler gelbe Zettel mit einer To-do-Liste aufgehängt. «Bei den meisten ist inzwischen wieder mehr dazugekommen», sagt sie.

Bergsturz zerstört Walliser Dorf Blatten
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Katastrophe im Lötschtal:Bergsturz zerstört Walliser Dorf Blatten

Das Hotel gehörte einst einem Freund, am Tag der Evakuierung fanden Ritlers hier Zuflucht. Der bisherige Besitzer wollte es ohnehin verkaufen. Lange zögerten sie nicht. «Wir sind über 55», sagt Daniel Ritler. «Wenn nicht jetzt, wann dann?»

2,8 Millionen Franken investiert

Dass sie einmal Hoteliers werden würden, war nicht vorgesehen. Aber anpacken, das sind sie sich gewohnt. Der gebürtige Blattner Daniel Ritler ist Schafzüchter, im Winter arbeitet er als Skilehrer. Karin Ritler, die ursprünglich aus Österreich stammt und seit 30 Jahren im Lötschental lebt, ist gelernte Köchin. Gemeinsam bewirtschafteten sie einen Hof, führten einen Hofladen, einen Catering-Service und betrieben einen Glamping-Platz.

2,8 Millionen Franken haben Ritlers in ihr Vorhaben gesteckt: Ein Grossteil des privaten Ersparten, hinzu kommen Bankkredite, günstige Darlehen aus Wirtschaftsförderung und dem Tourismusfonds. Auch ein Gesuch bei der Schweizer Berghilfe haben sie eingereicht.

Ob sie Existenzängste hätten? Karin Ritler zögert nicht. «Ich schon.» Daniel Ritler wirkt gefasster. «Ich bin seit meinem 22. Lebensjahr selbständig, und es kam immer gut.» Es sei zweifellos ein grosses Projekt. «Aber ich habe Vertrauen.»

Geblieben sind nur zwei Kisten

Vertrauen hat auch Matthias Bellwald (63), Gemeindepräsident von Blatten. Vertrauen darauf, dass das Dorf wieder auferstehen wird.

Nach der Katastrophe zog die Blattner Gemeindeverwaltung ins Nachbardorf Wiler. Aus dem alten Gemeindehaus konnten nur hölzerne Familien- und Gemeindewappen und schlammverkrustete, verbeulte Weinkrüge gerettet werden. Sie passen in zwei graue Kisten, die hinten im Raum stehen.

Für Bellwald ist das Gemeindepräsidium längst zur Vollzeitaufgabe geworden. Schlaflose Nächte habe es auch gegeben, sagt er. «Vor allem in der Anfangsphase, bei der Evakuation und dann, als der Berg herunterkam. Das war für alle sehr hart und schwierig.» Nicht nur für den Gemeinderat, betont er, sondern für die ganze Dorfbevölkerung.

Gerade organisiert er die Gedenkfeier zum Jahrestag. Und parallel dazu läuft der Wiederaufbau. Vor zwei Wochen startete die Gemeinde einen gross angelegten Workshop mit der Bevölkerung. «Wir wollten wissen: Wie soll das neue Blatten aussehen?» Die Mehrzweckhalle sei rappelvoll gewesen. Über 270 Personen seien gekommen. Vor dem Bergsturz hatten in Blatten rund 300 Menschen gelebt. Rund drei Viertel von ihnen leben noch immer im Lötschental.

Weiter Weg bis zum Wiederaufbau

Fünf Häuser am Rand des Dorfes sind vom Bergsturz verschont geblieben. In sie sollen – wenn alles nach Plan läuft – noch dieses Jahr erste Menschen zurückkehren können. In drei Jahren soll dann das neue Blatten entstehen, belebt und bewohnt werden.

Bis dahin ist es ein weiter Weg. Glasfasernetz und Stromversorgung sind wieder in Betrieb, doch die Kantonsstrasse ist zerstört. Mit ihrem Neubau soll im April in diesem Jahr begonnen werden. 

Im November präsentierten die Behörden die neue Gefahrenkarte für Blatten. Geblieben sind 14,2 Hektar überbaubare Zone. Rund 16 Hektar waren verschüttet worden. «Natürlich hätte man gerne mehr», sagt Bellwald. Andererseits gebe es nach einer solchen Katastrophe auch ein Bedürfnis nach Gewissheit. Trotzdem schmerze es: «Es tut weh, wenn man sieht, dass Teile des ehemaligen Dorfes jetzt rot eingezont und verschüttet sind.» 

Auch Bellwald selbst hat sein Zuhause verloren – das Elternhaus, das er gerade renovieren liess. Heute liegt es in der Gefahrenzone. 

«Wo sollen wir denn sonst hin?»

Ob er Verständnis habe für Stimmen, die sagen, man solle hier gar nicht mehr bauen? «Ich verstehe die Frage», sagt er. Und doch hält er dagegen: «Wir haben schon immer mit diesen Naturgefahren gelebt. Das hier ist unsere Heimat. Unsere Familien leben seit Hunderten von Jahren hier.» Er stelle jeweils die Gegenfrage: «Wo sollen wir denn sonst hin?» Vor einem Jahrtausendereignis sei man nirgends sicher.

Die Blattnerinnen und Blattner, sie sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Auch wenn es ihr Dorf nicht mehr gibt, bleibt der Zusammenhalt gross. «Das Vereinsleben geht weiter, die Musikgesellschaft, der Kirchenchor. Das hält die Gemeinschaft zusammen», sagt Bellwald. Die eigentliche Herausforderung sei es nun, die Motivation so lange hochzuhalten und Geduld walten zu lassen, bis die Rückkehr möglich ist.

Es gibt keine Erhebung dazu, wie viele Blattnerinnen und Blattner in ihr Dorf zurückkehren möchten. Viele würden dies aber wollen, sagt Bellwald. Aber er verstehe, wenn manche nicht noch drei Jahre warten können, bis das neue Blatten steht. Sei es wegen des Alters, der Arbeit oder der Familie.

Blatten unter Schutt und Schnee

Dort, wo dereinst das neue Blatten entstehen soll, liegen heute noch Schutt und Schnee. Bellwald bleibt stehen und zeigt hinauf zum Bietschhorn. Dann erzählt er eine Sage zum Verständnis der Ewigkeit, die man sich hier seit Generationen weitererzählt: Einmal in tausend Jahren streife ein Vogel mit seinem Flügelschlag den Berg.

Dass es Menschen gebe, die den Bergen nicht mehr trauten, könne er sich vorstellen, sagt er. Aber er sagt auch: «Wir leben mit der Natur, und wir lieben die Berge.» Er sei auf fast allen Gipfeln hier oben gewesen – «und ich werde, so Gott will auch wieder hochgehen».

Bellwald blickt auf den Schuttkegel. «Manchmal habe ich das Gefühl, es sei fast keine Zeit vergangen, als ob es erst gestern geschehen wäre», sagt er leise. «Dann schaue ich in mein Tagebuch und denke: Unglaublich, was alles passiert ist.»

Dann richtet er den Blick wieder nach vorn. «Jetzt müssen wir einfach vorwärtsmachen.»

«Es war das Paradies»

Auch die Ritlers blicken nach vorn. Sie müssen es, denn von ihrem früheren Leben ist nicht viel übrig geblieben. Die Schafe konnten sie rechtzeitig evakuieren, sie stehen heute im Stall eines Freundes im Rhonetal. Ein Viertel des Landes jedoch ist verschüttet. Maschinen, Werkzeuge, persönliche Gegenstände – alles haben sie verloren. In ihr Haus konnten sie nie zurückkehren.

«Wir hatten das perfekte Zuhause», sagt Karin Ritler. «Es war das Paradies.» Sie hatten es selbst aufgebaut. «Dass alles auf einmal weg sein würde, hätte ich nie gedacht», sagt Daniel Ritler. 

Rückkehr ungewiss

Kraft für den Neuanfang geben ihnen Familie, Freunde und auch Fremde. Von überall her erreichten sie Nachrichten, Einladungen und auch finanzielle Unterstützung. Und da sei dieses Bewusstsein: «Wenn wir nicht evakuiert worden wären, wären wir heute nicht mehr am Leben.»

Für Daniel Ritler ist klar: «Das Leben, das wir hatten, ist Geschichte.» Ein neues Blatten werde es geben, davon ist er überzeugt. Aber es werde nicht dasselbe sein. Ob Ritlers eines Tages dorthin zurückkehren werden, wissen sie noch nicht.

Jetzt fokussieren sie sich erst einmal aufs Hotel. Am 28. Mai wollen sie es eröffnen. Dann, wenn sich der Bergsturz zum ersten Mal jähren wird.

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