Protest gegen KI-Datencenter
«Die globale Bewegung gegen Big Tech ist in der Schweiz angekommen»

Gegen ein neues Datencenter in Beringen SH formiert sich Widerstand. Nach der Räumung ihres Protestcamps machen Aktivistinnen und Aktivisten weiter – nun in Deutschland.
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In Beringen SH entsteht ein neues Datencenter.
Foto: Raphaël Dupain

Darum gehts

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Mit selbstgebastelten Masken vor dem Gesicht stehen einige Aktivistinnen und Aktivisten auf einer Anhöhe in Beringen SH. Hinter ihnen sind Kräne und Baugerüste zu sehen. Bald wird dort ein neues Datencenter der US-Firma Stack Infrastructure entstehen.

Einige von ihnen halten Transparente in den Händen. «Kein neues Datenzentrum», «Kein Trinkwasser für Tech-Oligarchen» und «KI kurzschliessen» stehen darauf. Auf einem weiteren ist ein gezogener Stecker zu sehen.

Camp aufgelöst

Die Aktivistinnen und Aktivisten gehören zur Gruppierung Aufstände der Allmende. An diesem Freitagmittag hat sie zu einer Medienkonferenz geladen.

Eigentlich hätte dieser Austausch im Widerstandscamp «KI kurzschliessen» stattfinden sollen. Mit der einwöchigen Aktion hätten die Aktivisten gegen den Ausbau von KI-Infrastruktur und insbesondere gegen den Bau des Rechenzentrums in Beringen protestieren wollen. Doch das Camp, das die Gruppe in Benken ZH auf einem Privatgrundstück aufgebaut hatte, musste nach Aufforderung der Kantonspolizei Zürich wieder geräumt werden.

Die Kantonspolizei Zürich schreibt auf Anfrage, dass ein solches Camp gemäss Gemeindeverordnung bewilligungspflichtig sei und kein entsprechendes Gesuch eingereicht worden sei. Vor Ort seien Personenkontrollen durchgeführt worden. Eine Strafanzeige wurde laut Polizei nicht eingereicht.

Big Tech in der Schweiz

An der Medienkonferenz kritisiert die Gruppe, dass sich die Region Schaffhausen zunehmend zu einem Standort für grosse Datencenter entwickle. «Wir sehen eindrücklich, mit welcher Geschwindigkeit Big Tech auch in der Schweiz ein gigantisches KI-Infrastrukturprojekt vorantreibt», sagt ein Aktivist der Gruppe.

Im Zentrum der Kritik steht der Ressourcenverbrauch künstlicher Intelligenz und der dafür notwendigen Infrastruktur. Datencenter seien «Energiefresser» und «Brandbeschleuniger für die Klimakrise», so eine der Aktivistinnen.

Die Schweiz ist ein Hotspot für Rechenzentren: Gemessen an der Bevölkerung ist die Dichte hierzulande besonders hoch. Rund 120 Anlagen soll es bereits geben – und der KI-Boom treibt den Ausbau weiter voran.

Fehlende Transparenz

Kritik am Datencenter kommt auch aus der Politik. Die Schaffhauser SP-Kantonsrätin Eva Neumann aus Beringen beschäftigt sich seit 2021 mit dem Projekt.

Am Telefon sagt sie zu Blick: «Wahnsinnig finde ich, wie viele Ressourcen diese Datencenter verbrauchen: Wasser, Strom und Land.» Gleichzeitig entstehe aus ihrer Sicht wenig Nutzen für die Region: «Es gibt kaum Arbeitsplätze, und auch die Steuereinnahmen stehen in den Sternen.»

Besonders stört sie die fehlende Transparenz der Betreiber. «Es sind internationale Datencenter, aber wir wissen nicht, was für Daten hier gesichert werden. Sie rücken keine Informationen heraus», sagt Neumann.

Hoher Wasserverbrauch

Das Rechenzentrum werde bei voller Auslastung rund 75 Prozent des heutigen Stromverbrauchs des Kantons Schaffhausen benötigen, kritisiert Neumann. Hinzu komme der Wasserverbrauch von rund 55’000 Kubikmetern Trinkwasser pro Jahr zur Kühlung der Server.

Gerade im Klettgau müsse man sich solche Fragen stellen, sagt sie: «Das ist eine der trockensten Gegenden der Schweiz. Wir müssen diskutieren, ob der letzte Tropfen Wasser an die Bevölkerung oder an ein Datencenter geht.»

Abwärme und wirtschaftliche Chancen

Befürworter sehen im Rechenzentrum auch eine Chance für die Region. So soll die entstehende Abwärme genutzt und teilweise ins lokale Fernwärmenetz eingespeist werden. Der Beringer Gemeindepräsident Roger Paillard sagte gegenüber Energie Schweiz: «Diese Abwärme ist eine kostengünstige und umweltschonende Energiequelle.» Zudem habe die Versorgungssicherheit der Gemeinde stets Vorrang.

Auch wirtschaftlich sehen Befürworter Potenzial. Neben Arbeitsplätzen während der Bauphase könnten langfristig Aufträge in Bereichen wie Wartung, Energie, IT und technische Infrastruktur entstehen.

«An allen Ecken Krisen»

Für die Aktivistinnen und Aktivisten geht die Kritik am Datencenter über das einzelne Bauprojekt hinaus. Sie sehen den Ausbau von KI-Infrastruktur als Teil grösserer gesellschaftlicher Entwicklungen.

«Wir sehen im Moment an allen Ecken Krisen: ökologische Zusammenbrüche, Krieg», sagt ein Aktivist, der sich als Jannis Baumer vorstellt, nach der Medienkonferenz vor der «Garage», einem Quartiertreff in der Stadt Schaffhausen. Dorthin hatten die Aktivistinnen und Aktivisten Teile des Programms nach der Räumung des Camps verlegt.

Das Thema KI verbindet laut Baumer viele dieser Entwicklungen miteinander: den Energie- und Ressourcenverbrauch, den Abbau von Rohstoffen und den Einsatz neuer Technologien in Konflikten.

Globale Bewegung

Neben ihm sitzt Aktivistin Sara. Sie sagt, es gehe darum, sichtbar zu machen, dass KI nicht einfach eine abstrakte Technologie sei. «KI ist nicht etwas, was von selbst passiert und von selbst immer weiter wächst. Dahinter stecken politische Entscheidungen.»

Sara verweist darauf, dass es nicht nur in der Schweiz Proteste gegen Datencenter gebe. «Es ist wichtig, zu sehen, dass es keine Schweizer Bewegung ist. Die Bewegung ist global.»

Tatsächlich kommt es etwa in den USA immer wieder zu grösseren Protesten gegen Rechenzentren. Auch in Europa, beispielsweise in Deutschland oder Belgien, regt sich Widerstand – teils mit Erfolg.

Camp nach Deutschland verlegt

Die Aktivistinnen und Aktivisten wollen weitermachen. «Die globale Bewegung gegen Datencenter und Big Tech ist in der Schweiz angekommen», sagt eine der Aktivistinnen an der Medienkonferenz. «Sie lässt sich nicht durch Einschüchterungsversuche stoppen.»

Am Samstag teilte die Gruppe Aufstände der Allmende mit, dass das Camp nach Tengen in Deutschland nahe der Schweizer Grenze verlegt worden sei.

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