Darum gehts
- Eichenprozessionsspinner breitet sich in Schaffhausen aus, erste Wanderwege gesperrt
- Brennhaare der Raupen bleiben jahrelang giftig, gefährlich für Mensch und Tier
- Schaffhausen: 42 % Waldfläche, 7 % davon Eichenbestand
Kleine Raupe, grosse Gefahr: der Eichenprozessionsspinner. Und er breitet sich rasant aus. Die Rede ist von einem aktuellen Rekordbefall hierzulande. In den vergangenen Wochen gingen beim Waldschutz Schweiz «deutlich mehr Beratungsanfragen und Befallsmeldungen» ein.
Zwar ist der Nachtfalter selbst harmlos. Doch seine winzig kleinen Raupen – die ab Mitte April schlüpfen – haben es in sich: Mit ihren mikroskopisch kleinen Brennhaaren stellen die Winzlinge für Mensch und Tier eine Gefahr dar. Die hunderttausend feinen Härchen enthalten das Eiweissgift Thaumetopoein – was heftige allergische Reaktionen auslösen kann, sobald diese unsere Haut berühren, sie in unsere Augen gelangen oder wir diese einatmen.
Wie gefährlich die Winzlinge sein können, zeigt das Walderlebnis einer Schulklasse: 13 Baselbieter Schülerinnen und Schüler mussten nach einem Ausflug ins Spital, nachdem sie mit der Gift-Raupe in Kontakt kamen. Die Mutter eines betroffenen Kindes sagte zu Blick: Mehrere Primarschüler hätten gereizte Augen und gereizte Haut sowie Beschwerden beim Atmen gehabt.
Speziell betroffen: der Kanton Schaffhausen. Dort wurde Anfang Juni erstmals ein grossflächiger Befall – mehrere Hektare gross – eines Laubwaldes festgestellt. Normalerweise nehmen die Raupen einzelne oder wenige Bäume für sich ein. Experten rechnen damit, dass sich der gefährliche Winzling weiter ausbreitet.
Befall im Waldkanton
Schaffhausen ist ein klassischer Waldkanton. 42 Prozent der Kantonsfläche bestehen aus Wäldern. Sieben Prozent dieser Bäume sind Eichen. Was nach wenig klingt, ist im nationalen Vergleich enorm viel. Der Schnitt liegt gesamtschweizerisch bei lediglich zwei Prozent.
Das hat seine Gründe, wie der Waldschutzbeauftragte Andreas Hunziker (36) gegenüber Blick auf einem Waldspaziergang entlang einer Eichenallee in Gächlingen SH erläutert: «Die Eiche gilt für uns eigentlich als Zukunftsbaum. Sie kommt gut mit höheren Temperaturen und Niederschlagsschwankungen zurecht und könnte der fortschreitenden Klimaerwärmung besser trotzen als andere heimische Gehölze.» Der Kanton habe sie deshalb in den vergangenen Jahren gezielt in den Wäldern gefördert.
Doch genau das stellt den Kanton nun vor eine Herausforderung: Nicht nur die Eiche fühlt sich hier heimisch, auch der Eichenprozessionsspinner geniesst die immer wärmer werdenden Temperaturen. Dieses Jahr traf es den Kanton Schaffhausen besonders hart: Gleich mehrere Befälle plagen den Klettgau, den ländlichen Teil des Kantons. Wanderwege wurden gesperrt, Waldarbeiter klagen über juckende Pusteln und brennende Augen.
Kein Problem für den Wald, Problem für Mensch und Tier
Für die Bäume selbst seien die Raupen meist unproblematisch, sagt Hunziker: «Sie fressen zwar hie und da Blätter kahl, eine gesunde Eiche übersteht den Befall normalerweise aber gut.»
Anders sieht es bei Mensch und Tier aus: «Wenn es windig und trocken ist, sollte man befallene Gebiete komplett meiden. Die Härchen führen zu Reizungen, können durch den Wind kilometerweit verbreitet werden und bleiben auch noch nach Jahren giftig.» Ein gesunder Mensch habe nichts Ernsthaftes zu befürchten, Allergikerinnen und Allergiker könnten jedoch stärker reagieren und «bei Tieren ist es noch einmal etwas anderes. Hunde kommen nahe an die Raupen heran und schnüffeln, was zu Entzündungen der Atemwege führen kann.»
Der Kanton Schaffhausen bekämpft die Tierchen bisher nicht. Anders sieht es im «grossen Kanton» im Norden aus. In Deutschland wird die Raupe teilweise flächendeckend bekämpft. Insbesondere in der Nähe von Schulen und Altersheimen werden die ungebetenen Gäste wahlweise mit einer Zuckerlösung besprüht oder die Nester direkt vom Baum abgebrannt. Die Raupen haben sich längst in Siedlungsgebieten etabliert und sorgen immer wieder für Ärger.
Bekämpfung nur punktuell
Auch in der Schweiz werden Befälle punktuell von spezialisierten Firmen bekämpft. So beispielsweise dieses Jahr bei der Badi Bülach ZH und Schulen in der Nähe. Besonders wohl fühlen sich die Raupen an Südhanglagen, insbesondere, wenn der Frühling trocken ist, wie in den Kantonen Schaffhausen oder Basel.
Bei Letzterem hat man bereits länger Erfahrung mit der giftigen Raupe und gerät, ob des Befalls nicht in Panik, wie Julien Kurt von der Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion Basel auf Anfrage schreibt: «Der Eichenprozessionsspinner ist eine einheimische Art. Und er ist grundsätzlich keine grosse Belastung für den Wald.» Dort, wo Verletzungsrisiken bestehen, werden «Bäume grossräumig abgesperrt oder einzelne Nester entfernt.»
Zustände wie in Deutschland?
Auch im Aargau kommen die Raupen schon länger vor, wie Fabian Dietiker, Leiter Abteilung Wald des Kantons Aargau, auf Anfrage erklärt. Er rechnet in Zukunft durchaus mit weiteren Befällen: «Dies wegen des Klimawandels, aber auch wegen der waldbaulichen Förderung der Eiche.»
Gleichzeitig beschwichtigt Dietiker: Vor Zuständen wie in Deutschland müssten wir uns nicht fürchten. Denn: «Mischbestände von Baumarten in den Wäldern werden hierzulande stark gefördert», so der Experte. «Daher wird es nicht zu grossflächigem Befall kommen, wie dieser teilweise in Deutschland auftritt.»