Hier ziehen die Clanmitglieder ums Haus
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Anwaltsfamilie in Walenstadt:Hier ziehen die Clanmitglieder ums Haus

Vermummte lauern Anwaltsfamilie in Walenstadt SG auf – Polizei lässt sie wieder frei
Die Spur führt in die Berliner Unterwelt

Maskierte Männer mit Baseballschläger und Pfefferspray bedrohen Anfang Februar die Anwaltsfamilie Ghaemmaghami in Walenstadt SG. Die Polizei nimmt drei Verdächtige fest. Doch sie werden nach einem Tag wieder freigelassen.
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Anwaltsfamilie Ghaemmaghami aus Walenstadt SG. Die Brüder Páyá (36, links) und Payám (44) sowie Vater Assad Ghaemmaghami (74).
Foto: Sebastian Babic

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Bewaffnete Männer schleichen im Februar um das Haus einer Anwaltsfamilie in Walenstadt SG
  • Die Polizei findet Waffen, Bargeld und nimmt drei Verdächtige fest
  • Nach 48 Stunden freigelassen, trotz Verdacht auf Verbindungen zu Berliner Clans
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Sebastian BabicReporter Blick

Eine Anwaltsfamilie aus Walenstadt SG wird bedroht. Wer dahinter stecken soll: ausgerechnet eine der berüchtigtsten Grossfamilien Deutschlands, der Abou-Chaker-Clan. Dessen Mitglieder werden immer wieder mit organisierter Kriminalität, Polizei-Razzien und aufsehenerregenden Gerichtsprozessen in Verbindung gebracht.

So schleichen am 8. und 9. Februar dieses Jahres auf dem Arbeits- und Familiensitz der Ostschweizer Anwaltsfamilie Ghaemmaghamis dunkle Gestalten herum. Nicht einmal die Überwachungskameras schrecken sie ab.

Klar zu erkennen: Die Gestalten tragen blaue Latexhandschuhe und sind vermummt. In einer Szene ist ein Baseballschläger in der Hand eines der Verdächtigen erkennbar.

Täter verstricken sich in Widersprüche

Am frühen Morgen des 9. Februar werden Nachbarn auf die Gestalten aufmerksam und sprechen sie an – und vertreiben sie so. Die Nachbarn alarmieren auch die Polizei. Diese ist schnell vor Ort und nimmt drei Personen, die in einem schwarzen BMW 730d unterwegs sind, in einer spektakulären Aktion fest.

Der Fahrer des BMWs mit Zürcher Kennzeichen, Ahmed A.*, und seine zwei Begleiter werden nach ihrer Festnahme von den Behörden befragt. Sie verstricken sich in heftige Widersprüche. Die zwei Begleiter behaupten etwa, wegen der schönen Gegend nach Walenstadt gekommen zu sein («Wir wollten uns den Sonnenaufgang ansehen»). Fahrer Ahmed A. sagt jedoch: «Ich war auf der Suche nach den Mördern meiner beiden Cousins!»

Im Fahrerraum des BMWs werden Latexhandschuhe, eine Sturmhaube, Pfefferspray und ein Baseballschläger sichergestellt. Dazu Bargeld – über 5000 Euro. Die Polizei fragt nach.

Die Antworten des Fahrers: «Der Baseballschläger war ein Geschenk, ich kenne den Schenker aber nicht.» Die Sturmhaube sei zum Schlitteln gedacht, Skifahren könne er aber nicht. Woher die Handschuhe kommen? «Keine Ahnung!» Die 5000 Euro? «Die Schweiz ist halt teuer.»

Aussagen, die bei jedem Hobby-Sherlock die Alarmglocken läuten lassen. Dennoch: Keine 48 Stunden vergehen, bis die drei Männer wieder auf freiem Fuss sind. Sie werden per Strafbefehl zu Geldstrafen verurteilt und freigelassen. Keine Untersuchung, keine Suche nach den Hintermännern. Doch: Mindestens einer der Angeklagten hat mit dem organisierten Verbrechen zu tun, ein zweiter ist wegen schwerer Gewaltdelikte vorbestraft.

Vom Abou-Chaker-Clan bedroht?

«Mit wenigen Klicks wäre das klar geworden», sagt Paya Ghaemmaghami (36) gegenüber Blick. Der verstorbene Cousin des Fahrers wäre ein Mitglied des Abou-Chaker-Clans aus Berlin gewesen. Rund 1000 Clanmitglieder seien bei dessen Beerdigung vor Ort gewesen, wie die Bild-Zeitung berichtete.

Der Cousin A. sagt bei der Polizei aus: «Mir wurde gesagt, dass die Mörder meiner beiden Cousins hier leben würden.» Und noch mehr: «Ich beauftragte die beiden anderen, auf der Türklingel zu schauen, ob sie hier leben. Ich war auf der Suche nach der Familie S.»

Die Geschichte der «beiden anderen» klingt anders: «Wir kamen hierher, um uns die Natur anzuschauen!», sagten beide einhellig. Fahrer A. habe sie eingeladen. Man habe sich «den Sonnenaufgang ansehen» wollen. Dass man sich auf Privateigentum befunden habe, habe man nicht gewusst.

«Blödsinn!», sagen die Ghaemmaghamis. «Diese ganze Aktion diente nur dazu, uns von der Teilnahme an einer Gerichtsverhandlung abzuhalten! Die Bilder sprechen ihre eigene Sprache.» Und: «Warum sonst, sind die Angreifer bewaffnet und tragen Latexhandschuhe?»

Behörden gehen zimperlich vor

Woher die Bedrohung kommt, wissen die Ghaemmaghamis nicht mit Sicherheit. Sie vermuten aber: «Seit einigen Jahren vertreten wir einen Klienten, der von einem Autohändler über den Tisch gezogen wurde.» Sie erstritten für den Klienten Schadenersatz in Millionenhöhe. «Der Autohändler brüstete sich mit Kontakten zu Biker-Gangs und Berliner Grossfamilien», sagen die Ghaemmaghamis. «Auch unser Klient wurde 2019 in ähnlicher Wiese bedroht.» Schon damals habe die Staatsanwaltschaft kaum reagiert, obwohl der Autohändler in den Dokumenten als Hauptverdächtiger gehandelt wurde und der Bedroher verurteilt wurde. «Weil die Staatsanwaltschaft aber ungenügend gearbeitet hat, konnte dieser bereits untertauchen.» Im Februar hätte eine Verhandlung gegen den Autohändler stattfinden sollen.

Was ist also los in Walenstadt? Die Behörden verteidigen sich auf Blick Anfrage «Aufgrund der am selben Tag durchgeführten Ermittlungshandlungen sowie der dabei erhobenen Beweise erwies sich das Verfahren betreffend die drei angehaltenen Personen als spruchreif, weshalb drei Strafbefehle erlassen wurden und die Voraussetzungen für die Anordnung von Untersuchungshaft nach nicht mehr gegeben waren.» Mehr könne man wegen des pendenten Verfahrens nicht sagen, schreibt die Medienstelle der Staatsanwaltschaft St. Gallen. Die NZZ hatte am Donnerstag über den Fall berichtet.

Die Ghaemmaghamis betonen: «Die Wahrheit ist, unsere Einsprache gegen die Strafbefehle wurde gutgeheissen und weitere Untersuchungshandlungen angeordnet – aber viel zu spät. Es ist offensichtlich, dass die Strafverfolgungsbehörden des Kantons St. Gallen nicht motiviert sind, den Fall aufzudecken.»

* Name geändert

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