Darum gehts
- Peter Braunwalder, 64, beendet Karriere nach 38 Jahren als Busfahrer in St. Gallen.
- Er bewältigte 2,5 Millionen Kilometer und blieb stets ruhig trotz Konflikten.
- Seine sieben Enkel begleiteten ihn auf seiner emotionalen Abschiedsfahrt.
Der Blick ist fixierend, der Händedruck kräftig und lang. «I bi de Peter», sagt Peter Braunwalder. Der 64-Jährige trägt seit Jahrzehnten einen markanten Hufeisenbart. In St. Gallen kennt man ihn.
Er ist einer, der sagt, was er denkt: «Ich könnte vor dem Papst stehen und würde nicht anders schwätzen», sagt Braunwalder ohne auch nur den Anflug eines Lächelns.
Hässige Passagiere
Aufgewachsen in Goldingen SG, ennet dem Ricken, zügelte Braunwalder als Kind nach Untereggen SG, in der Nähe der Stadt St. Gallen. Nur langsam gewöhnte er sich als Aussenseiter ans Leben in der Peripherie der grössten Ostschweizer Stadt. «Meine Kindheit hat mich abgehärtet», lässt er durchblicken.
Das A und O beim Busfahren sei, die Ruhe zu bewahren, erzählt Braunwalder, während er seelenruhig den Blinker stellt und dann mit seinem tonnenschweren «Gschirr» – so nennt er den Bus – eine gigantische Kurve zieht: «Es gibt Leute, die morgens nur aufstehen, um andere hässig zu machen.»
An eine Szene erinnert er sich gleichermassen gern und ungern. Ein Buspassagier las die Anzeige falsch und begriff nicht, dass er sich in einem Schnellkurs befand. «Als ich bei seiner Station durchfuhr, trieb ihn das zur Weissglut. Er polterte und rief Sachen wie ‹huere Schofseckel!› und ‹du hast den Grind auch nur zum Strählen!›» Braunwalder blieb ruhig – und liess ihn planmässig erst vier Stationen später raus.
Ruhige Passagiere und 50 Grad im Bus
Blick will wissen, inwiefern sich die Buspassagiere im Laufe der Jahre verändert haben. «Sie steigen nach wie vor hinten ein», witzelt Braunwalder. «Aber im Ernst: Es ist deutlich ruhiger geworden im Gegensatz zu früher. Heute haben alle Stöpsel im Ohr und reden kaum mehr.»
Eine Sache aber hat sich deutlich gebessert gegenüber früher, sagt Braunwalder: «In den alten, grünen Bussen von St. Gallen herrschten damals 50 Grad im Sommer. Die Jungen würden heute niemals mehr in diese alten Büchsen reinhocken.»
Die schlimme Zeit in den 80ern und 90ern
Während Braunwalder von der alten Zeit spricht, verdüstert sich sein Blick fast zeitgleich. «Ein prägender Moment war die offene Drogenszene in St. Gallen.»
Die Drogenszene von Ende 80er- bis Anfang 90er-Jahre sei «kein schöner Anblick» gewesen. Oft habe er gesehen, «wie einer mit Gift in den Adern und verdrehten Augen zu Boden geht». Damals lebten die Süchtigen teilweise im Waaghaus, direkt am Marktplatz in St. Gallen – heute noch das grösste Nadelöhr des öffentlichen Verkehrs.
«Viel Glück – aber auch ein bisschen Können»
Zurück zu erfreulicheren Themen: «Bei mir musste der Maler nicht einmal den Pinsel anfassen, um einen Kratzer auszubessern – geschweige denn eine Beule.» Drei Mal sei er in seiner Karriere aber «abgeschossen» worden. Heisst: Andere Verkehrsteilnehmer sind in ihn rein.
Während seiner letzten Runde klopfen immer wieder Arbeitskollegen an seine Scheibe, winken ihm zu. Eine ganze Meute von Buskontrolleuren posiert sogar mit ihm.
Am Bahnhof flutet plötzlich eine Schar Kinder den Bus. Es sind fast ausnahmslos seine Enkel. «Er hat sieben, das Achte ist in Arbeit», sagt Schwiegertochter Melodi Braunwalder und deutet auf ihren runden Bauch. Sie alle wollen dabei sein auf Grosspapis letzter Fahrt. Sohn Samuel Braunwalder (36), Melodis Mann, sagt: «Er ist länger Bus gefahren, als ich alt bin!»
Dann ergreift Braunwalder das Mikrofon und setzt zum letzten Funkspruch an: «Diese Stimme wird hier bald verstummen. Ich habe meine letzte Fahrt.» Er bittet die Buschauffeure, nicht direkt zu antworten, damit es keinen «Funkverkehr wie am Flughafen» gibt. «Danke für die vielen schönen Jahre mit euch. Schluss.»
Und als sich dann tatsächlich noch einer meldet und Braunwalder im Namen der ganzen Belegschaft dankt, quittiert der Pensionär das nur mit: «Vielen Dank für die Worte, aber du hast dich nicht an meine Bitte gehalten.» Gelächter erfüllt den Bus.
Millionen von Kilometern im Bus verbracht
Wie viele Kilometer Braunwalder in seiner 38-jährigen Karriere abgespult hat, hat er nie notiert. Ein Buschauffeur bei der VBSG fährt im Schnitt jährlich zwischen 65'000 und 70'000 Kilometer. Mit 38 Dienstjahren kommt Braunwalder also auf satte 2,5 Millionen.
«Uf Wiederseh», sagt Braunwalder zu einer Passagierin, die den Bus verlässt. Dann schaut er plötzlich ein bisschen irritiert ins Leere und bemerkt: «Wiedersehen gibt es ja gar keins, ist ja meine letzte Fahrt.»