Marisa F. und Emma P. aus der Ostschweiz wurden von Stiefvater jahrelang missbraucht
«Alle wussten es, aber niemand hat etwas gesagt»

Marisa F.* (24) und Emma P.* (32) wurden als Kinder vom Stiefvater René F. (63) jahrelang zu sexuellen Handlungen genötigt und nackt gefilmt. Der Freikirchler aus Herisau AR steht nun vor Gericht, seine Opfer sprechen mit Blick.
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Noch heute posiert René F. mit Menschen auf seinen Profilbildern in den sozialen Medien, die ihn angezeigt haben.
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Darum gehts

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Sandro ZulianReporter News

Mittlerweile sind Emma P.* (32) und Marisa F.* (24) im Leben angekommen. Emma P. arbeitet im sozialen Bereich, Marisa F. hat gerade ihre Lehrabschlussprüfung hinter sich. Blick trifft die beiden Frauen in St. Gallen, sie sind zum Scherzen aufgelegt, wirken unbeschwert.

Bis zu diesem Punkt in ihrem Leben haben die beiden jungen Frauen bereits einiges durchgemacht. Denn Marisa F. und Emma P. wurden als Kinder Opfer von einem Pädophilen – ihrem eigenen Stiefvater!

Als Marisa F. über die Taten von damals spricht, weicht die anfängliche Unbeschwertheit einem tiefen Schmerz. «Manchmal habe ich mir gedacht: ‹Vielleicht habe ich das ja verdient?›» Ihre Stimme bricht, Tränen fliessen.

Freikirchler und «liebevoller Typ»

Der Mann, der für die Pein der beiden jungen Frauen zur Verantwortung gezogen werden soll, ist René F. (63). Der frühpensionierte Mann aus dem Berner Seeland stand am Donnerstag vor dem Kantonsgericht Appenzell Ausserrhoden in Trogen. Wegen sexueller Handlungen mit Kindern, sexueller Nötigung und Herstellung, Besitz und Konsum von harter Pornografie, alles mehrfach begangen.

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Noch heute posiert René F. mit Menschen auf seinen Profilbildern in den sozialen Medien, die ihn angezeigt haben.
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René F. ist aktiv in der Herisauer Freikirche «Vineyard». Noch heute finden sich René F.s Opfer in den Anzeigebildern seiner Social-Media-Profile. Auf Facebook hat er eine Vielzahl von Kinderstars mit «gefällt mir» markiert und beschreibt sich so: «Ich bin ein aufgestellter Typ, liebevoll, romantisch veranlagt […] und vieles mehr, finde es heraus.» Herausfinden mussten Emma P. und Marisa F. etwas ganz anderes über René F.

«Alle wussten es – keiner sagte etwas!»
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Opfer sprechen über Missbrauch:«Alle wussten es – keiner sagte etwas!»

Sexuelle Handlungen mit Emma P., Marisa F. nackt gefilmt

Anfang der 2000er-Jahre zog René F. in das Haus, in dem Emma P. lebte. Er kannte ihre Mutter von früher und hatte ein gutes Verhältnis. Dort übernahm er eine Art «Ersatzvaterrolle», so die Anklageschrift. Für Emma P. war René F. der «Stiefvater», wie sie selber sagt.

Ab 2003 sei die sexualisierte Gewalt losgegangen: Streicheln im Intimbereich des neunjährigen Mädchens, Zungenküsse, Masturbieren. Blick verzichtet aus Respekt vor den Opfern auf weitere Details.

«Beschützt» habe er Emma P. vor «Eskalationssituationen mit ihrer Mutter», schreibt die Anklage. Und beschenkt: Er habe ihr beispielsweise «den Wunsch-Znüni in die Schule» gebracht und ihr auch mal erlaubt, zu schwänzen. «Mit neun hat er mir Zigis gegeben», sagt Emma P. Im Gegenzug musste sie verschweigen, was in ihrem Kinderbett geschah.

Später wendete sich F. einem neuen Opfer zu: Marisa F. Zwischen 2013 und 2015 machte er fünf verschiedene Videos der damals 12 bis 14 Jahre alten Marisa. Sie zeigen das Mädchen auf dem WC oder in der Dusche, beim Urinieren. Eine der Dateien trägt den Namen: «Mein Film». Das sollte ihm zum Verhängnis werden. 

«Die Opfer mussten immer wieder weinen»
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Anzeige von Emma P. bringt Fall ins Rollen

Denn Marisas Mutter, mit der René F. bis heute verheiratet ist, meldet sich vor einigen Jahren bei Emma P. Schon lange spürte Emma P., dass etwas in ihrer Kindheit passiert sein musste. Dieses Gefühl sollte sie nicht täuschen. «Ich bekam vor einigen Jahren einen Anruf von Marisas Mutter.» Marisas Mutter sagte damals zu Emma P.: «Ich glaube, René F. ist pädophil.» Da wusste Emma P.: Sie muss Anzeige erstatten.

Ende September 2023 wurde René F. verhaftet, sein Zuhause durchsucht, die Filme mit Marisa gefunden. Sie belasten den Mann schwer. Nach der U-Haft lebt er seit Februar 2024 wieder frei.

Gemäss Anklageschrift waren Marisa und Emma nicht seine einzigen beiden Opfer. Eine dritte Frau macht sexuelle Handlungen von René F. schon viel früher geltend. Auch dort war er eine Art Vaterfigur, ein «Ersatz-Götti» des dritten Opfers Petra M.* (40). Bei ihr im Bett habe es zwischen 1995 und 1998 an die 40 Übergriffe gegeben.

Täter schweigt

Vor Gericht wirkt der Beschuldigte nervös. Immer wieder schaut er sich unruhig um. Auf die vielen Fragen der vorsitzenden Richterin verweigert der Freikirchler die Auskunft. Mit brüchiger Stimme sagt er immer wieder: «Keine Aussage.»

Bei einer Verurteilung droht René F. eine Freiheitsstrafe von knapp fünfeinhalb Jahren. Ausserdem soll er eine vollzugsbegleitende, ambulante Behandlung erhalten und ihm soll der Kontakt zu Minderjährigen lebenslänglich verboten werden. Die Untersuchungs- und Anwaltskosten von über 30’000 Franken würden ihm auferlegt.

Mutter hält zu René F.

Marisas Mutter steht heute noch zum mutmasslichen Täter. «Er ist ihr absoluter Traummann», sagt Marisa F. und schüttelt traurig den Kopf. Im Gerichtssaal erscheint die Mutter allerdings nicht, wie die 24-Jährige in einer Pause schulterzuckend zu Blick sagt: «Sie sitzt zu Hause mit den Mitgliedern der Freikirche – zusammen drücken sie ihm die Daumen.»

Die Gesellschaft sei in der Pflicht, sagt Emma P. «Alle wussten es, aber niemand hat etwas gesagt. Wenn ihr also das Gefühl habt, etwas stimmt nicht: ansprechen, nachhaken und nicht wegschauen.»

Marisa schliesst mit den Worten: «Wir haben uns das nicht ausgesucht und trotzdem ist es passiert. Das haben wir nicht verdient.» Und Emma P. sagt: «Diese Scham, die gehört nicht zu mir. Ich habe nichts falsch gemacht.» Beide hoffen auf eine Verurteilung von René F., der teilweise geständig ist. Das Urteil folgt voraussichtlich am Montag. Es gilt die Unschuldsvermutung. 

*Namen geändert 

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