Darum gehts
- Tiktok-Trend sorgt für Empörung und Kritik
- Streamer veröffentlichen Daten vermeintlicher Pädophiler ohne deren Zustimmung
- Ric Dluzinski überführte 290 Täter und kritisiert unethisches Verhalten der Streamer
Sie sind jung, brutal und skrupellos. Erst kürzlich sorgten sogenannte «Pedo-Hunters» für Schlagzeilen. Im Netz geben sie sich als Kinder aus, verabreden sich an abgelegenen Orten mit potenziellen Pädokriminellen und verprügeln sie.
Nun sorgt ein neuer Trend auf der Online-Plattform Tiktok für Empörung: Junge Nutzer streamen in Echtzeit, wie sie angebliche Pädophile entlarven – und begehen dabei selber Straftaten, vor den Augen Tausender Zuschauerinnen und Zuschauer.
Für ihre Liveübertragung werben die Streamer gezielt junge Frauen an, die bereit sind, sich als Minderjährige auszugeben. Über OmeTV, eine Plattform für zufällige Videochats, kontaktieren die Lockvögel dann gezielt fremde Männer mit Neigungen für Minderjährige.
In den Chats erfragen die Frauen gezielt persönliche Daten – ihre Gesprächspartner sind dabei für Zuschauerinnen und Zuschauer zu erkennen, die Gesichter unverpixelt, die Stimmen identifizierbar. Im Lauf der Sendung gehen zahlreiche Geldspenden ein, die in die Tasche des Streamers fliessen.
Ric Dluzinski hingegen zeigt, dass es auch anderes «Pedo-Hunting» gibt. Auf Social Media ist er mit rund 240.000 Followern unter dem Namen «Bodenlos TV» bekannt. In zehn Monaten hat Dluzinski nach eigenen Angaben rund 290 Pädophile überführt. Zuletzt sagte er Anfang Januar als Zeuge vor Gericht aus, als ein Familienvater wegen versuchten Kindesmissbrauchs ohne Körperkontakt zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten ohne Bewährung verurteilt wurde – aufgrund der Arbeit von Dluzinski.
«Eine absolute Katastrophe»
Auch er gibt sich in Live-Streams als Kind aus und chattet mit Pädophilen, respektiert dabei jedoch Persönlichkeits- und Datenschutzrechte: Gesichter werden verpixelt, Stimmen verzerrt. Alle relevanten Informationen aus gesicherten Telefonaten und Chatverläufen übergibt Dluzinski der Polizei und erstattet Anzeige.
Die Pädophilenjagd auf Tiktok kritisiert er mit klaren Worten: «Das ist eine absolute Katastrophe. Es werden reihenweise Straftaten begangen.» Das Motiv der Streamer sei offenbar gar nicht, gegen Missbrauch vorzugehen. Vielmehr stünden bei ihnen Unterhaltung, Follower, Klicks und Geld im Vordergrund.
In den Streams stifteten die Frauen ihr jeweiliges Gegenüber immer wieder offensiv zu Straftaten an. Da die Chats einvernehmlich ablaufen und sich die Lockvögel als 16-Jährige ausgeben, habe eine Anzeige gegen die Männer rechtlich keine Aussicht auf Erfolg: «Das hat mit Pedo-Hunting überhaupt nichts zu tun.» Was Dluzinski extrem schade findet, denn solche Aktionen würden dafür sorgen, dass auch seine Arbeit mit kritischen Augen betrachtet werde.
Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren
Rechtlich gesehen ist das Vorgehen der jungen Pädophilenjäger riskant, bestätigt Martin Steiger, Anwalt für Recht im digitalen Raum: «Gespräche dürfen nicht beliebig und ohne Einwilligung aufgezeichnet werden.» Die betroffenen Männer aber hätten einer Aufzeichnung nicht zugestimmt, zudem bestehe weder ein überwiegendes privates noch ein öffentliches Interesse an einer Veröffentlichung der Streams. Dass persönliche Daten zugänglich und Gesichter für die Öffentlichkeit erkennbar seien, mache den Schaden nur noch grösser.
Aktionen wie diese verletzten das Persönlichkeits- und Datenschutzrecht. Die Streamer, so Steiger, bewegten sich damit im Bereich des Vergehens, also Strafbeständen, die mit einer Geldstrafe oder Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren geahndet werden. Wer von einer solchen Aktion betroffen sei, könne sowohl gegen Mitwirkende als auch gegen die Verantwortlichen vorgehen, etwa gegen Plattformen, die solche Streams ermöglichen.
In der Praxis scheuten sich allerdings viele davor, Anzeige zu erstatten, so der Jurist weiter: «Es ist nachvollziehbar, dass man ungern bei der Polizei oder einem Anwalt erklären möchte, öffentlich blossgestellt worden zu sein, etwa im Zusammenhang mit einem sogenannten Pedo-Hunting-Fall».
Blick bat mehrere Streamer um eine Stellungnahme. Eine Antwort blieb bis anhin aus.