Darum gehts
Jetzt beginnt auch das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) damit, die eigene Geschichte und fragwürdige fürsorgerische Zwangsmassnahmen aufzuarbeiten – zumindest punktuell.
Das SRK war in den 1960er- und 1970er-Jahren stark involviert in die umfangreiche Hilfsaktion des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Zehntausende von Tibeterinnen und Tibetern flohen damals nach Nepal und Indien. Die Flüchtlingswelle war 1959 ausgelöst worden, als die chinesischen Machthaber einen Aufstand in Tibet brutal niedergeschlagen hatten.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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SRK führte Tibeterheime
Ab 1961 nahm die Schweiz gesamthaft über 4000 Tibeterinnen und Tibeter auf. Das SRK betreute die Geflüchteten nach ihrer Ankunft und half bei der Integration und beim Aufbau einer neuen Existenz. Um ihre Kultur zu bewahren, wurden sie in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. So entstanden in der Deutschschweiz unter der Leitung des Roten Kreuzes 15 Tibeterheime.
Für die damals knapp dreijährige Tara Lhamo wurde dieser Neustart zum Trauma. Tara Lhamo, die eigentlich anders heisst, kam im Oktober 1970 gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester und ihrer Mutter in die Schweiz, weil hier bereits Verwandte von ihnen lebten. Ihr Vater war noch in Indien verstorben.
Probleme als Alleinerziehende
Doch von der vielgerühmten Schweizer Solidarität erlebte die Familie im Tibeterheim in Rüti ZH wenig. Im Gegenteil: Als Alleinerziehende entsprach die Mutter mit ihren beiden Kleinkindern weder dem gängigen Familienbild der Schweiz, noch erfüllte sie das Klischee einer anpassungsfähigen, bescheidenen tibetischen Familie.
Im Heim ergaben sich schon nach kurzer Zeit Probleme. Man mokierte sich darüber, dass die Mutter ihre Kinder noch stillte. Wenige Monate nach ihrer Ankunft hiess es, sie müsse nun zur Arbeit: «Es scheint, dass Frau Lhamo nun zu Leistungen verpflichtet werden kann», heisst es in einem Dokument. Gleichzeitig unterstellte man ihr, sie vernachlässige ihre Kinder.
Damit wurde die Familie de facto kurz nach ihrer Ankunft in der Schweiz aufgelöst. Gegen den Willen der Mutter wurden die Kinder fremdplatziert: Tara bei einer Industriellenfamilie in Zürich, ihre jüngere Schwester vorübergehend in Genf. Die Mutter arbeitete in einer Fabrik im Nachbardorf.
Aus Dokumenten geht hervor, wie sehr die Mutter sowohl physisch als auch psychisch unter der Situation litt. In einer Aktennotiz schreibt die Behörde über die Mutter: «Sie habe geglaubt, dass nur in China solche Zustände herrschten, wo die Eltern und Kinder getrennt lebten. Dass es in der Schweiz auch so sei, habe sie nicht gewusst. Sie mache lieber Selbstmord, wenn sie die Kinder nicht erhalte.»
Schliesslich eskalierte die Situation; die Heimleitung forderte die Mutter auf wegzuziehen. Während das jüngere Kind später zurück zur Mutter durfte, musste Tara bei der Pflegefamilie in Zürich bleiben.
Überforderte Pflegemutter
Dem Pflegevater war offenbar viel daran gelegen, ein tibetisches Flüchtlingskind aufzunehmen. Wegen seiner Kaderstellung in einem Industrieunternehmen war er jedoch wenig präsent. Und die Pflegemutter war überfordert. Das entging auch den Behörden nicht, wie Dokumente zeigen.
Die Zürcher Pflegekinderaufsicht machte gegenüber dem Roten Kreuz klar, dass das Pflegeverhältnis aufgelöst werden sollte, weil die Pflegemutter «dieser Aufgabe nicht gewachsen ist». Mehr noch: Die Pflegemutter gab offen zu, ihr Mann habe ihr das Pflegekind «untergejubelt».
Heute sagt Tara Lhamo bitter zum Beobachter: «Es war die Zeit, als sich gut situierte Familien damit brüsteten, wenn sie ein ‹Tibeterli› aufgenommen hatten.»
Doch aus dem Wechsel zu einer anderen Familie wurde nichts. Und je älter Tara wurde, desto spannungsgeladener wurde die Situation. Sie rebellierte, es kam zu Konflikten ohne Ende. «Ich war immer an allem schuld», sagt sie rückblickend. «Von den Pflegeeltern hörte ich, sie hätten alles für mich getan und ich sollte doch einfach dankbar sein.»
Als sie zwölf war, starb ihr Pflegevater. Tara kam ins Jugendheim. «Es ging mir schlecht. Die Sprache meiner leiblichen Mutter sprach ich kaum noch, in der neuen Welt fand ich mich nicht zurecht.» Und doch fing sie sich immer wieder auf.
Inzwischen ist Tara Lhamo 57. Das Auf und Ab hat sie durchs Leben hindurch begleitet. Seit ihrem 18. Geburtstag ist sie praktisch jedes Jahr umgezogen. Rastlos wechselte sie auch den Beruf. Mehrfach schlitterte sie in ein Burn-out, bis sie schliesslich einen Zusammenbruch erlitt.
Die Mutter kämpfte jahrelang für ihre Kinder
Daraufhin entschied sie sich 2018 dazu, ihre Geschichte aufzuarbeiten. Als sie ihre Akten fand, sei ein «Tor zur Hölle» aufgegangen. «Diese Dokumente zu lesen, war sehr schmerzhaft», erzählt sie dem Beobachter. Zum einen, weil ihr das Ausmass des Behördenversagens klar wurde, zum anderen, weil sich ein jahrzehntelanger Konflikt mit ihrer Mutter auflöste.
«Mir war immer gesagt worden, meine Mutter habe mich nicht mehr bei sich haben wollen.» Doch die Akten belegen das Gegenteil: Ihre Mutter kämpfte jahrelang um die Kinder und die elterliche Gewalt.
«Meine Mutter hatte keine Chance. Sie gab zwar nicht auf, aber sie wurde krank», sagt Tara Lhamo. Ihre Mutter ist inzwischen 86-jährig, lebt zurückgezogen und findet Halt in ihrer buddhistischen Praxis. Als Teil ihrer Aufarbeitung führt Tara Lhamo nun Interviews mit ihr. Sie will die Geschichte und die Erinnerungen ihrer Mutter festhalten. «Für sie ist es eine Erleichterung, dass ich verstehe, was passiert ist.»
Inzwischen hat sowohl Tara Lhamo als auch ihre Mutter vom Bundesamt für Justiz den Wiedergutmachungsbeitrag für fürsorgerische Zwangsmassnahmen erhalten: 25’000 Franken. Doch sie will, dass auch das Rote Kreuz seine damalige Rolle hinterfragt.
SRK startet Aufarbeitungsprojekt
Auf ihr Begehren hat das SRK inzwischen ein internes Aufarbeitungsprojekt gestartet, wie eine Sprecherin gegenüber dem Beobachter bestätigt. Ein Historiker und die Archivarin hätten nun im Bundesarchiv die relevanten Akten identifiziert. Die Auswertung beginne im Januar 2026. Den Abschluss stellt das SRK für Ende 2026 in Aussicht.
Beim Roten Kreuz betont man, es handle sich um eine «Einzelfallrecherche». «Weitere Anfragen von tibetischen Geflüchteten liegen uns derzeit nicht vor.»