Darum gehts
- Ex-SBB-Kader Ueli T. soll von 2007 bis 2024 fast 9 Millionen Franken ertrogen haben, sagt die Anklage
- Ab 27. Oktober steht Ueli T. in Bellinzona vor dem Bundesstrafgericht
- Die Masche lief über Rechnungen für nie erbrachte Leistungen; ein externer Tipp alarmierte die SBB
Er kaufte sich eine Luxusvilla im Kanton Solothurn – baute einen Pool und eine beeindruckende Waffenkammer. Er stellte eine luxuriöse Fahrzeugsammlung zusammen, gönnte sich edlen Whiskey und kostspielige Ferien: SBB-Kadermann Ueli T.* (54) liess es sich gerne gut gehen. Nur: Das Geld war wohl nicht nur seines. Die Bundesanwaltschaft wirft dem Aargauer vor, den SBB rund 9 Millionen Franken abgezwackt zu haben.
Ab dem 27. Oktober muss sich Ueli T. vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona TI verantworten. Die Vorwürfe: schwere Geldwäsche, gewerbsmässiger Betrug, mehrfache ungetreue Amtsführung sowie mehrfache Urkundenfälschung. Mitangeklagt sind gemäss 87-seitiger Anklageschrift, die Blick vorliegt, vier weitere Personen – darunter die Schwester von Ueli T. Die Verhandlung ist auf drei Tage angesetzt.
Anfang Januar erklärte der SBB-Kadermann gegenüber Blick: «Ja, ich bin geständig.» Und: «Es tut mir sehr leid.»
Angst um Ansehen im Dorf
Blick hat am Sonntag versucht, erneut mit Ueli T. zu sprechen. Zuerst öffnet niemand die Tür, dann erscheint die Lebenspartnerin. Im Verlauf des Gesprächs kämpft sie mit Tränen und schildert die Situation als sehr belastend. Im Hinblick auf die Verhandlung will weder sie noch Ueli T. etwas sagen, da der Anwalt es ihnen so empfohlen habe.
Die Lebenspartnerin sorgt sich um ihren Ruf im Dorf. Sie verweist darauf, dass ihr Kind hier zur Schule gehe. «Wir wollen nicht, dass alle im Dorf wissen, was passiert ist.» Zudem beklagt sie sich, die Situation sei nur wegen eines Mannes entstanden, der Ueli T. «verraten» habe.
SBB reagierten auf Hinweis
Wie Blick weiss, schöpften die SBB lange keinen Verdacht. Erst ein externer Tipp liess die Bundesbahnen aufhorchen. Der Hinweis kam von Andreas C.** (44).
Andreas C. und Ueli T. waren jahrelang befreundet. Zu Blick sagt Andreas C.: «Für mich war Ueli als angeblich erfolgreicher Unternehmer ein Vorbild. Sehr überzeugend, selbstsicher und schien alles immer im Griff zu haben.»
Ueli T. habe gerne seinen Luxus gezeigt. «Er lebte sehr verschwenderisch», erinnert sich Andreas C. «Geld gab er vor allem gerne für Waffen oder Autos aus.» Diese sind in der Anklageschrift festgehalten. Neben BMWs und einem Porsche auch ein Lamborghini Gallardo LP570-4 Blancpain1 – von dem es weltweit nur 12 Stück gibt. Unter den Waffen finden sich verschiedene Sturmgewehre, Pistolen und auch ein Schalldämpfer. Zudem soll T. sich mit dem Geld eine Villa im Kanton Solothurn sowie in Florida gegönnt haben.
Andreas C. gibt zu: «Ich hatte immer wieder ein mulmiges Bauchgefühl, was das Geld betraf. Aber wenn ich ihn darauf ansprach, hatte Ueli immer eine gute Erklärung bereit.» Und weiter: «Es vergingen noch einige Jahre, bis mir bewusst wurde, dass alles nur Show ist.»
Aufgrund von mehreren Vorkommnissen sei die Freundschaft zerbrochen. Ueli T. spannte ihm etwa die Frau aus. Sie ist nun die Lebenspartnerin von T.
Andreas C. informierte sich über die Firmen von Ueli T. «Weil es mir zu heiss wurde, informierte ich die SBB.» Andreas C. wurde von der Bundesanwaltschaft vorgeladen. Mit an der Befragung: Ueli T. und sein Anwalt. «Seither weiss er, wer ihn verpfiffen hat», sagt Andreas C. Er ist überzeugt: «Ohne meinen Hinweis hätten die SBB noch lange nicht realisiert, was da läuft.» Um andere vor seinem ehemaligen Freund zu warnen, hat Andreas C. eine Website erstellt und den Fall dokumentiert.
Auf Blick-Anfrage wollte sich die Ex-Frau von Ueli T. nicht äussern. Dafür spricht die Ex-Schwiegermutter Ruth M.** (74) aus Halle (D): «Er hat immer nach Höherem gestrebt und das, was er hatte, gerne gezeigt.»
Ueli T. liess Familie sitzen
Die Familie habe nichts von den Machenschaften von T. geahnt. Ruth M. gibt zu: «Wir haben uns gewundert. Wir dachten, dass er einfach ein hohes Einkommen habe – und er erwähnte in Gesprächen, dass er an der Börse spekuliert. Dass er aber ein Krimineller ist, daran haben wir nie gedacht.»
Als Schwiegereltern führten sie ein gutes Verhältnis zu Ueli T. – bis dieser im Herbst 2022 ihre Tochter und Enkel habe sitzen lassen. Ruth M.: «Er hat unsere Tochter mit der besten Freundin betrogen.»
Was Ruth M. am meisten zu schaffen macht: «Ueli hat seither gar kein Interesse an seinen Kindern.»
Nicht genug: Ueli T. zog auch sie in seine Masche hinein. Ruth M. erklärt: «Ueli eröffnete ein Konto auf den Namen meines Mannes, um das Geld zu waschen. Alle Unterschriften waren gefälscht.» Laut Anklageschrift hatte Ueli T. per Vollmacht Zugriff auf das Konto.
Ueli T. hat 30 Jahre lang für die SBB gearbeitet. Als 23-Jähriger begann er als Spezialhandwerker, mit 32 wechselte er ins Büro und stieg später zum Leiter der Beschaffungslogistik auf. Mehr als die Hälfte seiner Anstellungszeit soll er die SBB betrogen haben.
Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass der Mann ab 2007 mit seiner Betrugsmasche begann – bis zu seiner Verhaftung am 20. November 2024. Seine Masche unter anderem: Für Leistungen die nie erbracht wurden, stellte er zusammen mit weiteren Personen und Firmen Rechnungen aus. Als SBB-Manager liess er sie begleichen.
Weil einzelne Vorgänge verjährt sind und vor mehr als 15 Jahren waren, wird Ueli T. nicht für alle haften müssen.
Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt für Ueli T. und die Mitbeschuldigten die Unschuldsvermutung. Blick ist an der Verhandlung dabei und berichtet live.
* Name geändert
** Name bekannt