Darum gehts
- Neues Auszahlungssystem führt zu Verzögerungen
- Muriel M. ist 1'498.51 Franken im Minus und verzweifelt
- SECO behebt Fehler, neun von zehn bereits korrigiert
Für Arbeitslose in der Schweiz ist es bereits herausfordernd, finanziell über die Runden zu kommen. Doch jetzt hat sich ihre schwierige Situation zugespitzt. Denn: Die Arbeitslosenkassen haben seit Anfang Jahr ein neues IT-System, das zu massiven technischen Problemen – etwa bei Auszahlungen – geführt hat. Das Resultat: Arbeitslose haben ihr Geld teils immer noch nicht erhalten.
Eine von ihnen: Muriel M.* (41). Die gelernte Versicherungsfachfrau wohnt mit ihrem Ehemann (43) und dem gemeinsamen Töchterchen Giulia (3) im Kanton Basel-Landschaft. Sie ist arbeitslos und braucht das Taggeld der Kasse dringend. «Es ist eine Katastrophe. Die Situation ist sehr prekär», sagt sie im Gespräch mit Blick. «Mein Bankkonto ist bereits im Minus. Wie soll ich all die anstehenden Rechnungen bezahlen?»
Konto im Minus
Muriel M. zeigt Blick am Donnerstag um 10.30 Uhr ihren Kontostand: 1498.51 Franken im Minus. Bezahlen müsste sie die Wohnungsmiete von 1770 Franken, die Krankenkasse für ihre kleine Familie von über 1000 Franken, weitere Rechnungen und einen Teil der Steuern. «Aber wie?», fragt sie. «Dafür haben wir das Geld nicht.»
Sie berichtet, dass sie im Schnitt 4500 Franken Arbeitslosengeld pro Monat erhält und ihr Mann im Gastrobereich für einen 70-Prozent-Job etwa 2700 Franken verdient. Zusammen kommt das Paar auf etwas über 7000 Franken. «Wir leben gut und kommen durch. Aber sparen können wir nur für die Steuern», sagt Muriel M. Gerade deshalb sei sie auf die Auszahlung angewiesen – «wie viele andere auch!»
«Arbeitslosenkassen sollen vorwärtsmachen!»
Was die Mutter am meisten ärgert: «Ich habe alle meine Angaben eingereicht, wie immer.» Normalerweise gehe es dann schnell, bis das Arbeitslosengeld auf dem Konto sei. Doch es tue sich nichts. Dabei müsse sie auch die Bezahlfristen einhalten. «Ich habe auch schon mehrmals beim Amt angerufen. Doch ich wurde jedes Mal vertröstet», berichtet Muriel M. «Es kann mir kein Mensch sagen, wann das Taggeld ausbezahlt wird.» Unglaublich sei auch: «Man hat mir gesagt: Wenn das System nicht läuft, dann läuft es nicht.»
Ihr grösster Wunsch: «Dass die Arbeitslosenkassen vorwärtsmachen! Es kann nicht sein, dass wir in der Schweiz ein solches Problem haben und Arbeitslose, die sonst schon in einer schwierigen Situation sind, bestraft werden.» Wenn man sich an die Pflichten halte, müsse auch das Arbeitslosengeld hereinkommen. Oder: «Man hätte diese Menschen zumindest vorwarnen müssen – und zwar früh genug! Dann hätte man allenfalls eine Lösung finden können», findet Muriel M.
SECO «Tag und Nacht» an der Behebung dran
Fabian Maienfisch vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) sagt zu Blick: «Seit der Einführung des neuen, schweizweiten Programms am 6. Januar 2025 traten zehn grosse Fehler auf – neun davon konnten bereits behoben werden.» Die SECO-Fachpersonen seien Tag und Nacht an der Behebung der noch bestehenden Störungen dran.
Wie viele Personen von einer verspäteten Auszahlung betroffen sind, könne aktuell nicht abgeschätzt werden. «Die Auszahlungen laufen weiter, und offene Fälle werden schrittweise abgearbeitet», sagt Maienfisch.
Das SECO sei sich «sehr bewusst», dass Verzögerungen bei den Auszahlungen bei Einzelnen zu finanziellen Engpässen führen können. Die Arbeitslosenentschädigung sei jedoch «gesetzlich garantiert» und könne «bis drei Monate nach dem Ende einer Kontrollperiode geltend gemacht» werden.
Muriel M. sucht dringend einen Job
Doch das nützt Muriel M. nichts. Für sie bleibt die Situation «sehr bedrückend». Sie wäre froh, wenn sie einen Job im kaufmännischen Bereich finden könnte. Doch sie weiss: «Im Moment ist dort der Arbeitsmarkt sehr ausgelastet.»
Sie habe ihren letzten Job im September 2024 aus wirtschaftlichen Gründen verloren und bis Ende Oktober 2025 temporär gestempelt und gearbeitet – seit Anfang November sei sie voll arbeitslos. «Ich würde auch einen längeren Arbeitsweg in Kauf nehmen. Und ich kann vier Sprachen», sagt Muriel M. fast verzweifelt. Sie würde sogar ihre Tochter, die wegen der Job-Suche eh schon zu einer Tagesmutter gehe, vermehrt dorthin schicken – «auch, wenn da wieder mehr Kosten auf uns zukommen würden».
Die 41-Jährige möchte vor allem eines: «Nicht mehr abhängig von diesem Arbeitslosensystem sein. Von einer Kasse, die nicht funktioniert.» Die Situation sei für sie und ihren Mann belastend, doch das Paar versucht, Tochter Giulia zu schützen. «Wir schotten sie von der Problematik ab und schauen, dass sie alles hat, was sie braucht.»
Trotzdem merke die Familie das Fehlen des Geldes schon bei kleineren Dingen – so etwa bei ihrem monatlichen Ritual: «Immer, wenn ich das Arbeitslosengeld bekomme, gehen wir zusammen in den McDonald's.» Doch diesmal habe sie Tochter Giulia vertrösten müssen, so Muriel M. «Bei uns zählt im Moment jeder Franken.»
* Name bekannt