Darum gehts
- US-Finanzminister Bessent kritisiert Schweizer Küche beim WEF in Davos
- Köche und Hoteliers verteidigen regionale Spezialitäten wie Fondue und Schnitzel
- Spaghetti kosten über 50 Franken in Davos während des WEF
Dem US-Finanzminister Scott Bessent (64) schlug sein Besuch am WEF in Davos gehörig auf den Magen. Bei Interviews mit US-Medien liess er sich zweimal dazu hinreissen, die Schweizer Kulinarik kleinzumachen, wenn auch mit einem Augenzwinkern: «Nach ein paar Tagen mit Deutschschweizer Essen überlege ich mir, auf Käfer und Insekten umzusteigen», sagte Bessent gegenüber «Politico».
Ein Stich ins eidgenössische Gastro-Herz, zumal die Kritik aus dem Land des Fast Foods und der hochverarbeiteten Lebensmittel kommt. Sucht Bessent nur das Haar in der Bündner-Gerstensuppe oder trifft die Kritik einen Nerv? Blick hat sich vor Ort umgehört.
«In den USA können nur Einwanderer richtig gut kochen»
«Unser Schnitzel schmeckt eindeutig besser als Käfer», sagt Maksim Ryshkov (43), Direktor des Fünfsterne-Hotels Seehof in Davos. Er muss lachen, wenn er an die Aussage von Finanzminister Bessent denkt. «Hier in Davos wird durchwegs gut gekocht, es gibt sehr wenig Reklamationen.» Stolz sagt Ryshkov, dass während des WEF bei ihm regelmässig auch Staatschefs essen – und gerne immer wieder kommen. Besonders beliebt: Das Wiener Schnitzel!
«Die Leute in Davos wollen keine Sterne-Küche oder ausgefallene High-End-Exotik», erklärt der Hoteldirektor. Währschaftes wie Nüssli-Salat, Fondue, Raclette oder Entrecote seien gefragt. «Natürlich alles hochwertig zubereitet.»
«Wenn Leute wie Scott Bessent meckern, belastet mich das nicht», sagt Simone Projetti Romani (49), Küchenchef des Seehofs. Er kontert sogar: «In den USA können nur Einwanderer richtig gut kochen.» Er habe selbst in New York gearbeitet. «Es gibt sehr gute russische, italienische, asiatische oder mexikanische Köche – aber keine US-Amerikaner», so der Küchenchef.
«Dann soll er halt in den USA bleiben»
In andern Hotels sind die Verantwortlichen vorsichtig mit öffentlichen Aussagen. «Wir wollen keine Kunden verärgern», sagt die General-Managerin eines anderen Hotels aus dem höheren Preissegment.
Die Inhaberin eines süssen Dreistern-Hotels im Zentrum von Davos möchte auch lieber nicht mit Namen erscheinen. Sie macht aber klar, dass ihr die Aussagen von Bessent auf die Nerven gehen: «Dann soll er halt Käfer essen. Oder einfach in den USA bleiben.»
Der Inhaber des einzigen Dönerladens im Zentrum von Davos schüttelt ebenfalls den Kopf. «Wir haben die Preise mächtig erhöht während des WEF, und es hat kein einziger Kunde reklamiert», sagt er.
Die Menükarten der Restaurants und Caterer zählen zu den besser gehüteten Geheimnissen des WEF. Klar ist jedoch: Die Preise sind hoch – es gibt etwa Spaghetti für über 50 Franken oder ein Linsencurry für 41 Franken.
Seitenhieb mit Vorgeschichte
Der Seitenhieb von Bessent ist eigentlich ein versteckter Rundumschlag. Hintergrund: Seit spätestens 2018 wird am WEF immer wieder heiss diskutiert, ob man Insekten als globale Proteinquelle erschliessen kann, um den Welthunger und die Klimakrise zu bewältigen.
Rechte US-Influencer wie Tucker Carlson (56) nahmen diese Diskussionen zum Anlass, um gegen Insekten als Nahrungsmittel Stimmung zu machen. Carlsons Dokumentation «Let them eat bugs» aus dem Jahr 2023 stellt die Förderung von Insektennahrung als soziale Umerziehung dar. Es ranken sich diverse Verschwörungstheorien um Insekten als Nahrung.
«Nächstes Mal Pop-Tarts!»
Bessent wiederholte seinen Insekten-Seitenhieb gegen das WEF-Essen beim ultrarechten Sender «Real America’s Voice». Dort legte er lachend nach: «Das nächste Mal muss ich mir ein paar Pop-Tarts mitbringen.» Notabene, ein Frühstücksgebäck, das zu fast drei Vierteln aus Zucker besteht.
Dass die Aussage nicht ganz ernst gemeint ist, ist offensichtlich. Dennoch stellt sich die Frage: Könnte diese internationale Negativwerbung einen Einfluss auf die Schweizer Gastronomie haben?
Gastro-Präsident: «Vielleicht nur Sandwiches»
Beat Imhof (53), Präsident von GastroSuisse, verneint auf Blick-Anfrage klar: «Unser Ruf eilt uns voraus. Im positivsten Sinne: Wir sind das Land mit der höchsten Dichte an Michelin-Sternen. Ich bin überzeugt davon, dass die Aussage keine Auswirkungen haben wird.»
Dass auch die Schweizer etwas Humor haben, zeigt der oberste Gastronom fast im gleichen Atemzug: «Vielleicht musste der Finanzminister so viel arbeiten, dass es nur für eine Bestellung bei dar amerikanischen Sandwich-Kette Subway gereicht hat.»