Darum gehts
- Vier Frauen in Scuol werfen Spitex-Putzhilfe Diebstahl vor
- Gemäss den Frauen fehlen Schmuckstücke für über 100'000 Franken
- Strafverfahren läuft, Spitex nimmt Mitarbeiterin in Schutz
Waltraud P.* (89) ist wütend auf ihre Putzhilfe von der Spitex. «Diese Frau ist regelrecht dummdreist!», zetert sie, als Blick die Gruppe Seniorinnen trifft. «Ich habe sie sogar auf frischer Tat ertappt!» In Scuol GR bahnt sich gerade ein Skandal an, der in der vermeintlich ruhigen und erholsamen Umgebung des Unterengadins bereits jetzt hinter vorgehaltener Hand die Runde macht.
Waltraud P., Elfriede M.* (83), Christa F.* (85) und ihre Tochter Andrea L.* (64) haben allesamt Strafanzeige eingereicht – wegen Diebstahls. «Insgesamt fehlen uns über 100'000 Franken an Schmuck», sagt Andrea L. und vergräbt das Gesicht in den Händen. Die Frauen möchten nur anonym auftreten – aus Angst vor Repressalien.
Bei allen geputzt – bei allen fehlt Schmuck
Zwischen Juni und September dieses Jahres kam die Spitex-Putzhilfe Maria N.* bei ihnen vorbei, reinigte die Wohnungen und schmiss den Haushalt. «Sie war übertrieben freundlich», erinnert sich Christa F. «Es sind generell alle sehr freundlich bei der Spitex, aber bei ihr war es ein bisschen zu viel.» Merci-Schokolade, Erdbeerkuchen, sogar Pilze brachte sie vorbei – im Übermass.
Als Maria N. bei Waltraud P. putzte, verliess die 89-Jährige einmal kurz die Wohnung – und machte die Tür hinter sich zu. «Als ich wiederkam, stand plötzlich die Wohnungstür sperrangelweit offen. Maria N. stand neben dem Schreibtisch mit dem Schmuck drin und tat so, als würde sie den Swiffer-Lappen wechseln.» Kurz darauf habe die Putzhilfe viel zu früh gesagt: «Ich bin fertig!»
Zwei Tage später habe Waltraud P. verreisen wollen und dafür Schmuck herausgesucht. «Und da merkte ich: Es fehlt ein Ring und ein Armband, das mein verstorbener Mann mir damals zur Verlobung geschenkt hatte.» P. glaubt, dass sie die Spitex-Mitarbeiterin in flagranti erwischt hatte. «Aber in dem Moment habe ich es nicht realisiert.»
Waltraud P. alarmiert sofort ihre Nachbarinnen, bei denen Maria N. ebenfalls geputzt hatte. Und prompt: Bei allen fehlte etwas! Bei Elfriede M. beispielsweise verschwand ein wertvolles Gold-Nugget an einer Halskette. Ein unwiederbringliches Stück Ehegeschichte: «Das hat mir mein Mann aus Alaska mitgebracht.» Auch ihr Gatte lebt nicht mehr.
Seniorinnen werden nicht ernst genommen
Die drei rüstigen Rentnerinnen und Andrea L. erstatten Anzeige – werden aber anfänglich kaum ernst genommen. Weder von der Polizei noch von der Spitex. «Da können wir nichts machen, es gibt keine Beweise», hiess es gemäss Andrea L. von den Gesetzeshütern. Gar herablassend habe die Spitex reagiert. Andrea L. erzählt: «Die Frau am Telefon lachte, nachdem ich ihr die Sache geschildert hatte, und sagte nur: ‹Und jetzt?›.»
Knapp über 100'000 Franken beträgt der Schaden, den die vier Frauen nach eigenen Angaben insgesamt davongetragen haben. Geklaut wurden Halsketten, Ohrringe, Armbänder, Colliers, Uhren und Fingerringe – teilweise unersetzliche Einzelanfertigungen.
Die Gruppe fühlt sich alleingelassen. Andrea L.: «Es wird einfach unter den Teppich gekehrt.» Seit Monaten haben sie weder von der Polizei noch von der Spitex etwas gehört. Maria N. soll derweil immer noch bei der Spitex beschäftigt sein, erzählt man sich.
Staatsanwaltschaft bestätigt Strafverfahren
Die Kantonspolizei Graubünden schweigt zum Thema. Erst die Staatsanwaltschaft bringt ein bisschen Licht ins Dunkel. Sprecher Franco Passini bestätigt auf Blick-Anfrage ein laufendes Strafverfahren wegen Diebstahls gegen die Spitex-Mitarbeiterin.
Und: «Anfang September fand eine Hausdurchsuchung statt. Die polizeilichen Ermittlungen sind noch im Gang.» Sobald der Polizeirapport eintreffe, prüfe die Staatsanwaltschaft das weitere Vorgehen: «Insbesondere, ob ein Strafbefehl zu erlassen, Anklage zu erheben oder das Strafverfahren einzustellen ist.»
Maria N. aktuell «nicht im Einsatz»
Auf Anfrage bestätigt Rebekka Hansmann-Zehnder (62), Direktorin Pflege & Betreuung am Gesundheitszentrum Unterengadin (CSEB), von der Anzeige und den Ermittlungen Kenntnis zu haben. «Der Schutz unserer Kundinnen und Kunden hat für uns oberste Priorität, wir nehmen deshalb sämtliche Hinweise auf mögliche Unregelmässigkeiten sehr ernst.»
Sie nimmt Maria N. in Schutz. Die Mitarbeiterin sei seit vielen Jahren für die Organisation tätig und werde als «engagierte Fachperson» geschätzt. «Beanstandungen gab es bisher keine», sagt Hansmann-Zehnder. Aktuell arbeite Maria N. aber nicht: «Im Sinne einer Vorsichtsmassnahme und ausdrücklich ohne Vorverurteilung ist die Mitarbeiterin – auch zu ihrem eigenen Schutz – bis zur Klärung der Vorwürfe nicht im Einsatz.»
Die Beschuldigte reagierte auf verschiedene Kontaktaufnahmen seitens Blick nicht. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Dass sie den verschwundenen Schmuck irgendwann wiedersehen, glauben die älteren Damen nicht mehr. Elfriede M. ist sich sicher: «Der ist längst eingeschmolzen!»
- Namen geändert