Darum gehts
- Brienzer müssen erneut ihr Zuhause verlassen, Rückkehr wohl erst 2025 möglich
- Angst vor Schuttstrom und Zerstörung des Hab und Guts
- 1,2 Millionen Kubikmeter Fels rutschen 20 Zentimeter pro Tag
Die Nerven liegen blank. Erneut müssen die Brienzerinnen und Brienzer ihr Zuhause verlassen – dieses Mal wahrscheinlich für mehrere Monate. Wenn es schlecht läuft, kommt es erst im Frühjahr 2025 zu einer Rückkehr.
«Wir müssen in Monaten rechnen – bis in den Frühling 2025. Dies stellt eine enorme Herausforderung dar», sagte Gemeindepräsident Daniel Albertin am Dienstagabend im Rahmen einer Infoveranstaltung. Aktuell rutschen 1,2 Millionen Kubikmeter Fels mit einer Geschwindigkeit von 20 Zentimetern pro Tag ins Dorf hinab. Geologe Stefan Schneider machte klar: Es sieht nicht danach aus, dass die Geschwindigkeit wieder abnimmt.
In Brienz geht die Schuttstrom-Angst um
Bedeutet: Die Einwohner müssen weg. Zunächst gilt die Phase Orange, ab Sonntag, 13 Uhr, die Phase rot – absolutes Betretungsverbot. «Es ist einfach zu gefährlich, sich in Brienz aufzuhalten, mit dieser Situation am Berg. Hier länger, als bis Sonntag zu warten, wäre eine Gefahr gewesen», erklärte Schneider.
Das gefällt nicht jedem. Bei manchen macht sich die Angst breit, dass sie vielleicht nie wieder zurückkommen, der Schuttstrom alles Hab und Gut und das geliebte Gebäude zerstört.
Verzweifelter Hausbesitzer meldet sich zu Wort
«Ich verliere auf meinem Haus 355'000 Franken», klagte ein Mann, der sich nach den Statements der Behördenvertreter, zu Wort meldete. Es ging um eine mögliche Umsiedlung und eine Entschädigung für den Verlust des Hauses. «Die finanziellen Probleme sind für niemanden gelöst. Wir sind nicht blöd», sagt er. «Wir wissen nicht, was wir für unsere Gebäude bekommen», schiebt er nach. «Uns hilft niemand! Unser Land ist im Moment 10 Franken wert.»
Gemeindepräsident Daniel Albertin beschwichtigte: «Wir versuchen, euch so gut wie möglich zu helfen.» Dem Hausbesitzer reichte diese dünne Antwort nicht aus.
«Etliche werden bei einer dritten Evakuierung nicht mehr gehen. Dann wird es einen Skandal geben», kündigte er an. Albertin, sichtlich darum bemüht, zu beruhigen, entgegnete: «Ihr geht nicht für uns, ihr geht für euch.»
Brienzer sind besorgt
Die Sorge ist gross, das wird an diesem Abend spürbar. «Wenn es gefährlicher wird, dauert es nicht nur Monate, sondern viel, viel länger», lautete eine andere verzweifelte Wortmeldung.
«Versuchen wir die Evakuierung miteinander und nicht gegeneinander zu schaffen», appellierte der Gemeindepräsident gegen Ende der Veranstaltung. Da hatte sich die Stimmung wieder etwas beruhigt.
Brienz fordere alle, von der Gemeinde bis zur Bündner Regierung, so Albertin. Offensichtlich erfordert die neuerliche Evakuierung vor allem eines: starke Nerven.