Darum gehts
- Gutachten wirft SBB Fehler beim Gotthard-Unfall 2023 vor
- Störungsmeldungen sollen nach Radbruch ignoriert worden sein, SBB weist Vorwürfe zurück
- Sperre dauerte über ein Jahr, Gesamtschaden: 150 Millionen Franken
Es war der teuerste Radbruch der Schweizer Bahngeschichte: 150 Millionen Franken Schaden und über ein Jahr Sperre für die wichtigste Nord-Süd-Verbindung.
Noch immer sind die Ermittlungen zum Zugunglück im Gotthard-Basistunnel im August 2023 nicht abgeschlossen. Und jetzt taucht die Frage in den Akten auf: Hätten die SBB das Gotthard-Chaos verhindern können? Ein neues Gutachten im Auftrag der Tessiner Staatsanwaltschaft belastet die Bundesbahnen schwer. Das berichtet die «Rundschau».
Laut Gutachten wurden unmittelbar nach dem Radbruch mehrere Störungsmeldungen auf den Bildschirmen der SBB-Überwachungszentrale in Pollegio angezeigt. Diese hätten auf die gefährliche Situation hingewiesen. Doch weder die Systeme noch die Mitarbeitenden in der Zentrale hätten rechtzeitig reagiert. Wer das neue Gutachten erstellt hat, wird nicht klar – eine entsprechende Blick-Anfrage bei der Tessiner Staatsanwaltschaft ist noch hängig.
«Die Systeme haben richtig funktioniert»
Die SBB wehren sich gegen die Vorwürfe. «Das ist falsch und eine isolierte Einschätzung», schreibt Fabienne Thommen, Leiterin der SBB-Medienstelle, in einer Mitteilung am Mittwoch. Und sie betont: «Die Betriebsführung hat korrekt gehandelt, die Systeme haben richtig funktioniert – Ursache ist der Radbruch eines Güterwagens.»
Und die SBB verweisen auf die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust). Sie würde ebenfalls nicht von einem Fehlverhalten ausgehen. Kein Versagen der SBB konnte festgestellt werden.
«Güterwagen werden intensiver kontrolliert»
Im Abschlussbericht der Sust, der 2025 veröffentlicht wurde, finden sich die Störmeldungen. Der Bericht kritisiert aber kein Ignorieren, sondern gibt zum Schluss lediglich einen Sicherheitshinweis.
Dass der Unfall hätte verhindert werden können, wenn die SBB anders gehandelt hätten, findet sich so nicht im Sust-Abschlussbericht. Und was sagt die Sust zu den neuen Vorwürfen? «Wir äussern uns grundsätzlich nicht zu Gutachten von Dritten», heisst es auf Blick-Anfrage.
Die SBB betonen, dass man bereits entsprechende Konsequenzen aus dem Unfall gezogen habe. SBB-Sprecherin Thommen: «Sie kontrollieren Güterwagen intensiver, haben Entgleisungsdetektoren an neuralgischen Stellen vor dem Gotthard-Basistunnel eingebaut und erfolgreich in Betrieb genommen und konnten im Gegenzug die temporäre Geschwindigkeitsreduktion im Portalbereich wieder aufheben.»