«Ich war kein perfekter Institutsdirektor.» So wendet sich Adriano Aguzzi (65) an die Öffentlichkeit – der Star-Neuropathologe der Universität Zürich, der seit Jahrzehnten tückische Hirnkrankheiten erforscht.
Der Grund für sein Bekenntnis: In sieben seiner Studien fanden Prüfer der Universität Zürich «zweifelsfrei» wissenschaftlich relevante Fehler. Meist geht es um manipulierte oder falsch zugeordnete Bilder. Der Fälscher war laut Aguzzi ein Postdoc aus seinem Team. Als leitender Autor trägt Aguzzi dafür die wissenschaftliche Hauptverantwortung.
Doch nun entlastet ihn ein Untersuchungsbericht der Uni Zürich – zumindest teilweise. Denn ein entscheidender Vorwurf liess sich nicht erhärten.
Bilder falsch zugeordnet, verändert, wiederverwendet
Insgesamt hat die Universität Zürich 36 Publikationen aus 28 Jahren unter die Lupe genommen. Bei sieben davon liegen laut Bericht klare Fehler vor: Abbildungen – etwa Mikroskopie-Bilder oder sogenannte «Western Blots» – wurden falsch beschriftet, unsauber bearbeitet oder unzulässig verändert. In zwei Fällen tauchten sogar Bilder aus ganz anderen, älteren Versuchen wieder auf.
«Ein Verrat an all dem, was Wissenschaft ist»
Aguzzi selbst wählt in seiner Stellungnahme deutliche Worte. Das Fälschen von Ergebnissen nennt er «einen Verrat an all dem, was Wissenschaft ist». Es handle sich auch nicht um ein opferloses Vergehen: In seinem eigenen Labor habe man einst ein Jahr lang an einem Projekt gearbeitet, das auf gefälschten Befunden beruhte. «Nichts funktionierte, weil die Grundlagen unwahr waren», schreibt er. Das ganze Team habe darunter gelitten.
Warum er den Betrug nicht verhindern konnte? Seine Antwort: Wissenschaft beruhe auf Vertrauen. «Ohne Vertrauen wäre der Wissenschaftsbetrieb funktionsunfähig.» Man gehe grundsätzlich davon aus, dass vorgelegte Daten echt seien. Selbst strengste Labors seien schon von entschlossenen Betrügern getäuscht worden.
Warum er trotzdem freigesprochen wird
Entscheidend ist ein juristischer Punkt: Von «Fehlverhalten» spricht das Reglement der Uni nur, wenn jemand absichtlich oder fahrlässig handelt. Beides konnte die Untersuchung Aguzzi nicht nachweisen.
Die Manipulationen seien mit blossem Auge gar nicht erkennbar gewesen, heisst es – sichtbar wurden sie erst dank neuer KI-Werkzeuge, die es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht gab. Zudem hätten alle Studien die übliche Fachprüfung durch andere Wissenschaftler bestanden. Das Fazit des Berichts: kein Verschulden – Verfahren eingestellt.
«Ein riesiger Stein fällt vom Herzen»
Gegenüber Blick zeigt sich Aguzzi erleichtert. «Natürlich fällt mir ein riesiger Stein vom Herzen, dass mich die Untersuchung vollständig entlastet hat», sagt er. Für ihn sei die Sache in Zürich damit erledigt. Dennoch werde er einige Experimente wiederholen, die aus seiner Sicht von einem fehlbaren Mitarbeiter gefälscht worden seien: «Ich bin nicht ganz sicher, ob alles wirklich falsch war. Wer weiss, vielleicht lässt sich noch etwas davon retten.»
Ins Rollen kam die Sache durch den US-Journalisten Charles Piller. In seinem Buch «Doctored» nahm er die Alzheimer-Forschung kritisch unter die Lupe und stellte auch der Uni Zürich Fragen zu Aguzzis Studien. Neu ist der Verdacht nicht: Bereits 2019/2020 hatte die Universitätsleitung Aguzzi ermahnt, seine Manuskripte sorgfältiger zu prüfen.
Selbstkritik – und ein Seitenhieb
In seiner Stellungnahme räumt Aguzzi Fehler ein. Einige seiner Äusserungen in den sozialen Medien seien «unbedacht» gewesen und hätten unnötige Spannungen verursacht. Das habe sein Labor zur Zielscheibe böswilliger Online-Angriffe gemacht. «Rückblickend hätte ich disziplinierter sein sollen.»
Gleichzeitig verlangt er eine klare Unterscheidung: zwischen jenen, die Daten gefälscht hätten, und jenen, die von ihnen getäuscht worden seien. Er selbst habe wissenschaftlichen Betrug «niemals begangen, begünstigt oder toleriert».
Neustart mit Velo in Appenzell
Beruflich hat Aguzzi längst umgesattelt. Seit knapp drei Jahren wohnt er in Appenzell – und schwärmt vom Dorf, der Natur am Alpstein und der direkten Demokratie der Landsgemeinde. Bis zur Pensionierung pendelte er nach Zürich: «Es ist zwar weit, aber ich konnte mich im Zug exzellent konzentrieren.» Bei gutem Wetter fuhr er mit dem Velo – «ohne Akku!» – von Appenzell nach St. Gallen und stieg dort in den Intercity.
Nun ist der Weg kürzer: Aguzzi hat ein eigenes Institut gegründet, das «Institut für die Wissenschaft des alternden Gehirns» (ISAB), nur 17 Kilometer von seinem Wohnort entfernt. Man starte mit 15 Mitarbeitenden, wolle aber rasch wachsen und zu einem «Leuchtturm der biomedizinischen Forschung in der Ostschweiz» werden. Die Webseite hat er nach eigenen Angaben komplett selbst gestaltet und programmiert – Logo inklusive. «Ich bin zu 200 Prozent begeistert.»
«Patienten und Familien warten weiterhin auf Antworten», sagt der Professor. Ans Aufhören denkt er trotz AHV-Alter nicht.
Adriano gibt weiter guzzi.