Darum gehts
Herr de Soir, hatten Sie ein Déjà-vu, als Sie von Crans-Montana hörten?
Erik de Soir: Insofern ja, als sich bei mir Freunde von der Walliser Feuerwehr meldeten. Sie schreiben mir, wie sehr Crans-Montana sie an das Busunglück von 2012 erinnert. Wieder waren da die vielen Helikopter, wieder waren die damals involvierten Stellen im Einsatz. Manche der Retter, die damals halfen, die Opfer zu bergen und zu begleiten, haben danach ihren Job aufgegeben. Sie haben es nicht verkraftet.
Und was macht ein so schweres Unglück mit den Betroffenen?
Crans-Montana erinnert mich an grosse Katastrophen in Belgien wie den Switel-Brand von Silvester/Neujahr 1994/1995 oder die Mega-Gasexplosion in Ghislenghien von 2004. Ich war da als Therapeut im Einsatz und schrieb über Letzteres meine Doktorarbeit. Aus nächster Nähe habe ich miterlebt, welche Verwüstung schwere Verbrennungen bei Überlebenden und den Familien anrichten. Allein die Identifikation der Opfer ist sehr schwierig. Beim Switel-Brand betreute ich zum Beispiel eine Familie, die erst nach vier Wochen am Spitalbett eines Patienten feststellte, dass dieser gar nicht ihr Sohn ist.
Um Gottes willen.
Ja. Die Familie war flämisch-belgisch, und die Eltern hörten plötzlich, wie der Junge in diesem Bett niederländisch sprach. Die ganze Zeit über hatten sie neben einem anderen Jungen geweint und gebetet. Das hinterliess Schuldgefühle.
Erik de Soir (60) arbeitet seit dreissig Jahren als Traumatherapeut in Katastrophensituationen. Er hat je einen Doktortitel in Psychologie von der Universität Utrecht und in Sozial- und Militärwissenschaften der Königlichen Militärschule Belgiens. Er doziert heute an verschiedenen Universitäten. Beim Busunglück im Autobahntunnel von Siders VS von 2012 kamen 28 Belgier und Niederländer ums Leben, davon 22 Kinder. Er betreute die Überlebenden und Hinterbliebenen. De Soir ist Vater und Grossvater und lebt mit seiner Frau im Nordosten Belgiens.
Erik de Soir (60) arbeitet seit dreissig Jahren als Traumatherapeut in Katastrophensituationen. Er hat je einen Doktortitel in Psychologie von der Universität Utrecht und in Sozial- und Militärwissenschaften der Königlichen Militärschule Belgiens. Er doziert heute an verschiedenen Universitäten. Beim Busunglück im Autobahntunnel von Siders VS von 2012 kamen 28 Belgier und Niederländer ums Leben, davon 22 Kinder. Er betreute die Überlebenden und Hinterbliebenen. De Soir ist Vater und Grossvater und lebt mit seiner Frau im Nordosten Belgiens.
Derzeit liegen Dutzende von jungen Menschen schwerst verbrannt in Schweizer Spitälern. Was geht in diesen vor?
Solche Patienten haben oft grosse Angst, von ihren Familien allein gelassen zu werden. Diese wissen nicht, was sie sagen oder wie sie sich verhalten sollen, weil ihr Kind einbandagiert wie eine Mumie daliegt und sie es nicht einmal küssen können. Diese Patienten sagen dann zu mir: Hast du gesehen, wie sich meine Mutter von mir ferngehalten hat? Sie liebt mich nicht mehr. Da müssen wir als Betreuer vermitteln.
Man liest nun überall, dass die Heilung der Überlebenden und auch Hinterbliebenen viel Zeit braucht. Wie viel, denken Sie?
Die psychische und physische Genesung von diesen Menschen dauert jetzt bestimmt zehn Jahre oder länger.
Inwiefern stehen die Behörden da in der Pflicht?
Jede Familie sollte nun einen psychosozialen Betreuer zur Seite gestellt bekommen. Diese Person sollte die Bedürfnisse der Familien und Überlebenden aufnehmen. Und diese über eine sehr lange Zeit hinweg begleiten. Was die Behörden jetzt vor allem nicht tun dürfen, ist, sich auf den Schutz ihrer eigenen Interessen zu konzentrieren.
Der Gemeindepräsident von Crans-Montana sagte diese Woche an der Pressekonferenz, dass die Gemeinde stärker von der Katastrophe betroffen sei als alle anderen. Wie kommt das bei betroffenen Familien an?
Der Gemeindepräsident trug die Verantwortung für die Kontrollen. Und sollte sich in erster Linie für das Versagen entschuldigen. Man sieht jetzt ja auch, wie die Wut in der Bevölkerung hochkocht. Ganz bestimmt auch bei den Angehörigen. Diese Wut ist kontraproduktiv für den Trauerprozess der Hinterbliebenen.
Wut gehört doch anfänglich zur Trauer. Was ist schlecht daran?
Ich habe das im Fall des Busunglücks 2012 gesehen. Einige der Eltern schlossen sich plötzlich der Hypothese an, wonach die Unfallursache angeblich der Selbstmord des Chauffeurs war. Dafür gibt es in den Ermittlungsakten keinerlei Belege. Doch die Eltern klammerten sich daran. Sie waren wütend auf den Busfahrer, seine Familie. Sogar auf mich, der einige Eltern betreut hat.
Warum auf Sie?
Weil ich zusätzlich auch die Familien der beiden Fahrer begleitete. Diese Wut ist ein Schutzmechanismus – er schützt vor dem Abgrund grosser Trauer. Doch er hindert die Familien daran, ihr Leben wieder aufzunehmen. Manche der Eltern haben bis heute nicht mit dem Trauern begonnen, sie stecken fest. Wahr ist aber auch, dass die damalige Kommunikation der Walliser Behörden das noch verstärkt hat. Sie machten Fehler – wahrscheinlich mit der Absicht, den Menschen weiteres Leid zu ersparen.
Welche Fehler?
Dafür muss ich ausholen.
Bitte.
Drei Monate nach der Buskatastrophe begleitete ich die Familien zurück in die Schweiz. Vor der Reise hiess es von den Schweizer Behörden, die Eltern würden den Bus nicht anschauen können. Er stehe in einem Hangar irgendwo in Genf und werde untersucht. Als wir im Wallis ankamen und mit Bussen Richtung Unfallort fuhren, sagte ein verantwortlicher Walliser Polizist zu den Eltern, man habe keine persönlichen Gegenstände der Kinder gefunden. Dann stiegen wir auf dem Autobahn-Parkplatz in der Nähe des besagten Tunnels aus. Und schüttelten der Schweizer Delegation die Hände. Als einer der Eltern plötzlich in 300 Meter Entfernung den Unfallbus erblickte.
Erik de Soir zeigt uns während unseres Video-Interviews ein Foto des Reisecars, das er damals geschossen hat. Eingeschlagene Fensterscheiben, abgestellt neben einem Abfallcontainer – der Bus wirkt achtlos abgestellt und vergessen.
Wie haben die Eltern reagiert?
Sie waren schockiert. Sie wollten sofort in den Bus hinein. Die Walliser Behörden liessen sie nicht, er sei zu instabil. Also bestanden ich und drei Feuerwehrleute aus unserer Delegation darauf, dass wir ihn uns kurz ansehen können.
Und was fanden Sie vor?
Im Bus waren noch viele persönliche Dinge der Kinder verstreut. Wir mussten Druck aufsetzen, damit die Polizei sofort den Bus durchsuchte und die Gegenstände übergab. Am Ende fuhren wir mit zwei grossen Taschen voller Habseligkeiten nach Belgien zurück. Diese Art von Fehler – das Zurückhalten von Informationen – machen Behörden, wenn sie Opfer und Hinterbliebene schützen wollen. Doch das sät nur Misstrauen und Wut.
Zumindest die Landesregierung versucht nun, richtig zu handeln. Eine Bundesratsdelegation kam für den Gedenkanlass am Freitag nach Martigny. Was bedeutet dies den Betroffenen?
Dieses Trauerritual ist wichtig. Auch, dass dabei wichtige Leute anwesend sind. Passiert in Belgien eine Katastrophe, kommen der König und die Königin zum Unfallort und treffen die Opfer. Sie erkennen das Leid der Opfer an: Das ist eine Tragödie. Das tut gut. Doch ein bisschen Präsenz zu markieren, reicht nicht.
Meistens bleibt es aber dabei.
So ist es. Anlässlich einer Katastrophe in Belgien rief mich einmal der Premierminister direkt auf dem Handy an. Wir hatten davor noch nie Kontakt. Er wollte wissen, ob es angebracht ist, die Überlebenden im Spital zu besuchen. Nur eine Woche später versuchte ich, ihn zu erreichen, und bekam nicht mal mehr seinen Presseverantwortlichen ans Telefon. Die Sache war für ihn abgehakt.
Was also sollte unsere Regierung tun?
Das fragten mich nach der grossen Gasexplosion von 2004 in Belgien auch Prinz Philippe und Prinzessin Mathilde, die jetzt König und Königin sind. Und ich sagte: «Seid da für die Familien. Und bleibt da.» Das rate ich nun auch der Walliser und der Schweizer Regierung.
Wie kann das konkret aussehen?
König Philippe und Königin Mathilde blieben damals in regelmässigem Kontakt mit den betroffenen Familien. Sie nahmen an Angehörigen-Treffen teil und hörten ihnen aufrichtig zu. Selbst später noch, während eines Besuchs der Königlichen Militärakademie, wo ich tätig war, wollte der damalige Prinz Philippe mich treffen und erfahren, wie es den Opfern ging.
Eine Frage bleibt: Kann die Wunde der vielen Eltern, die jetzt ein Kind verloren haben, je heilen?
Es kommt darauf an. Meine Frau, die Trauerexpertin Lies Scaut, beschreibt den Prozess als Ruderboot der Trauer. Ein Ruder steht für Trauer: Gefühle empfinden, Emotionen ausdrücken. Das andere für wiederaufbauendes Verhalten: frühere Aktivitäten und Alltagsroutinen wieder aufnehmen. Man braucht beide Ruder, um voranzukommen. Nach dem Busunglück 2012 kehrten einige Eltern relativ früh an ihren Arbeitsplatz zurück, gleichzeitig trauerten sie. Sie erholten sich besser als diejenigen, die sechs Monate lang zu Hause blieben.
Auch schwierig ist, dass die Menschen um die Angehörigen herum nicht wissen, was sie tun sollen, was sagen. Was raten Sie ihnen?
Sie müssen nicht viel sagen. Sie sollten die Familien jetzt mit ganz praktischen Dingen unterstützen. Für sie kochen, einkaufen gehen, ihre Kinder zur Schule bringen, zum Sport. Am Ende ist es aber auch wichtig, dass das ganze Land die Überlebenden und Opferfamilien nicht vergisst. Allein die mediale Halbwertszeit von solchen Ereignissen ist kurz. Viel zu kurz.
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