Darum gehts
- Das 500-Seelen-Dorf Brienzwiler BE steht ohne Führung da, Gemeinderat ist abgetreten
- Ex-Gemeindepräsident Adrian Schild nennt die Gründe
- Bewohner machen sich Sorgen um die Zukunft des Dorfs
Eine kalte Bise weht durch die Gassen, die Strassen in Brienzwiler BE sind leer. Der Dorfladen bei der Gemeindeverwaltung hat am Montagnachmittag geschlossen. Kaum etwas deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass es in diesem idyllischen 500-Seelen-Dorf zu einem beispiellosen Eklat gekommen ist.
Denn die kleine Berner Oberländer Gemeinde steht plötzlich ohne Führung da: Der gesamte siebenköpfige Gemeinderat hat per sofort seinen Rücktritt erklärt. Nach einem monatelangen Zermürbungskampf mit einer Gruppe von Kritikern namens «Pro Brienzwiler» zieht die Behörde die Reissleine.
Per E-Mail Rücktritt gefordert
Adrian Schild (54) war bis vor kurzem der Gemeindepräsident. Im Gespräch mit Blick am Montag bedauert er das abrupte Ende – sieht aber keinen anderen Ausweg mehr: «Wenn man sich mit so viel Herzblut und Freizeit für die Allgemeinheit engagiert und der Dank dafür gleich null ist, gelangt man an einen Punkt, an dem man nicht mehr bereit ist, das mitzutragen. Dieser Punkt ist nun erreicht.»
Vor allem der Schutz der Mitarbeitenden sei nicht mehr gewährleistet gewesen, so Schild. «Die Kritik hat leider dazu geführt, dass man persönlich gegen die Gemeindeschreiberin vorgegangen ist. Das kann ich nicht akzeptieren.» Nachdem die Angestellte gekündigt hatte und Schild per E-Mail persönlich zum Rücktritt aufgefordert worden war, brachte dies das Fass endgültig zum Überlaufen. Dazu kamen persönliche Angriffe, zu denen er sich nicht näher äussern will.
Tempo 30, Gebühren-Chaos und das Finanz-Zerwürfnis
Wie konnte der Dorfstreit derart eskalieren? Die Fronten verhärteten sich an drei wesentlichen Punkten: Den Auftakt machte das geplante Tempo 30 auf der Kantonsstrasse – ein Anliegen, bei dem dem Gemeinderat die Hände gebunden waren, weil der Kanton die Reduktion vorgab. Ein Thema, das sie von der vorherigen Regierung übernahmen. Viele Kritiker fühlten sich übergangen.
Gleichzeitig holte den Rat ein massives, geerbtes Gebühren-Chaos ein: Jahrelange Datenfehler machten den Beizug eines teuren externen Büros nötig, woraufhin die Opposition der Behörde Geldverschwendung und Intransparenz vorwarf. Die Situation eskalierte schliesslich vollends, als sich die Gemeinde nach über 30 Jahren im Streit von der externen Finanzverwaltung trennte. Im Dezember 2025 wurde diesem Unmut Luft gemacht: Die Gemeindeversammlung wies das Budget zurück. Aus Sicht des ehemaligen Gemeindepräsidenten sei das klar «eine Retourkutsche» gewesen.
«Jetzt haben wir einen Scherbenhaufen»
Im Dorf sitzt der Schock tief. Ursula Schmutz (64), Bäuerin und Hausfrau, lebt seit 37 Jahren in Brienzwiler. Sie arbeitet gelegentlich im Gemeindegarten und kann den Frust der Behörden nachvollziehen: «Mir hat es den Magen umgedreht, als ich das gehört habe.»
Die Schärfe der Angriffe versteht Schmutz überhaupt nicht: «Wir reden hier nicht von Schwerverbrechern, sondern von Leuten, die sich für unser Dorf eingesetzt haben. Es ist traurig, dass man sie so weit getrieben hat, dass jetzt alle miteinander den Bettel hinwerfen.» Sie blickt mit grosser Sorge auf die kommenden Monate: «Jetzt haben wir hier einen Scherbenhaufen im ganzen Dorf. Das dient niemandem.»
Auch der Dorfbewohner Kaspar Würgler (61) nimmt den Gemeinderat in Schutz: Die Mitglieder hätten Familien und opferten ihre Freizeit, betont der 61-Jährige. Er findet: «Auch Profis machen Fehler.» Für den Dauerstreit im Dorf hat er kein Verständnis. Hier gehe es längst nicht mehr um die Sache: «Man kocht auf kleiner Flamme etwas hoch – es sind Luxusprobleme und persönliche Ressentiments, die bewirtschaftet werden.»
Keine abgesprochene Aktion
Der geschlossene Rücktritt sei im Übrigen keine abgesprochene Aktion gewesen, betont der Ex-Gemeindepräsident Adrian Schild: «Jeder Gemeinderat hat den Entscheid eigenständig gefällt, ob er gehen möchte oder nicht.»
Nach dem zermürbenden Streit richtet Schild klare Worte an die Gegenseite: «Wenn andere denken, sie können es besser machen, dann nur zu. Wir wollen da niemandem im Weg stehen.» Für die Zukunft wünscht er sich, dass wieder Ruhe ins Dorf einkehrt und gute Lösungen gefunden werden.
Die Kritiker bleiben an diesem Tag still. Von «Pro Brienzwiler» wollte niemand zu den Rücktritten Stellung nehmen.