Darum gehts
- Grossbrand zerstört am 3. Mai in Bärau BE zwei Mehrfamilienhäuser
- Feuerwehrchef: «Heftigster Brand in 30 Jahren», elf Personen direkt betroffen
- 30'000 Franken Schaden für Jo Wiesner, dessen zweite Brandkatastrophe
Fassungslos stehen Jo Wiesner (28) und seine Freundin Vanessa Stocker (28) in der Brandruine ihrer Dreieinhalbzimmerwohnung in Bärau bei Langnau im Emmental BE. Vom Schlafzimmer zeugt einzig der russgeschwärzte Federkern der Matratze. In der Stube liegen verkohlte Dachbalken; und da, wo die Küche war, ragt ein zerstörter Backofen aus dem Schutt.
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Als es in der Nacht auf Sonntag, den 3. Mai, bei ihnen lichterloh brennt und das Feuer zwei Mehrfamilienhäuser und ein Nebengebäude in Schutt und Asche legt, rettet sich das Paar im Pyjama und Finken ins Freie. Vanessa wirft sich noch einen Mantel über. «Ich wusste, die Nacht ist kalt.» Am Abend war das Paar erst im Fitnessstudio und danach mit Freunden essen gewesen.
«Etwa 20 Minuten nach Mitternacht gingen wir zu Bett», erinnert sich Jo. Er sei sehr müde gewesen und sofort eingeschlafen. Doch zehn Minuten später weckt ihn seine Freundin. «Ich hörte Geräusche, glaubte an Einbrecher.» Jo denkt sich zunächst nichts Schlimmes. «Vanessa ist schreckhaft.» Dann vernimmt auch er etwas: «Es hörte sich an wie aufs Dach prasselnder Regen.» Durch die Schlafzimmertür nimmt er einen roten Lichtschein wahr, springt aus dem Bett und schaut nach. «Ein Nebengebäude stand in Flammen.» Er wählt die 118, meldet den Brand, erhält von der Feuerwehr Anweisung, die anderen Hausbewohner aus dem Schlaf zu klingeln. Er tut, wie ihm geheissen.
Ein so heftiger Brand wie noch nie
Vom Grossbrand in Bärau direkt betroffen sind elf Personen, weitere Anwohnerinnen und Anwohner werden während der Löscharbeiten in der Nachbarschaft evakuiert. Jo und Vanessa gehen zunächst davon aus, «rasch in unsere Wohnung zurückkehren zu können». Doch als sie vorm Haus stehen, sehen sie, wie die Flammen bereits die Hausfassade emporzüngeln. Vanessa will noch mal zurück, ihren Rucksack samt Laptop und Notizen für die in drei Wochen anstehende eidgenössische Prüfung zur Finanzplanerin holen. Jo hält sie zurück. «Zum Glück. Wer weiss, ob ich es rechtzeitig rausgeschafft hätte.»
Wie heftig die Feuersbrunst wütet, machen die Worte von Werner Eberle (60) deutlich. Drei Tage nach dem Unglück wird der Kommandant der Feuerwehr Region Langnau in der «Berner Zeitung» mit den Worten zitiert: «Einen so heftigen Brand habe ich in meinen 30 Jahren bei der Feuerwehr noch nie gesehen.»
Kurz keimt in der Brandnacht Hoffnung bei Jo und Vanessa auf. Vor Kälte und Adrenalin zitternd, sitzen sie auf den Stufen eines Nachbarhauses, als ein Feuerwehrmann sagt: «Ihr könnt ein paar Sachen aus der Wohnung holen. Er nahm an, wir wohnten da. Als ich auf unser Haus zeigte, meinte er: ‹Oh nein, das ist weg!›»
Schon einmal alles verloren
Frühmorgens schläft das Paar völlig erschöpft in der Zivilschutzunterkunft der Gemeinde ein. Stunden später öffnet im benachbarten Zollbrück BE der Jakob-Markt, ein kleines Einkaufszentrum, extra für die vom Brand Betroffenen. «Wir konnten uns mit dem Nötigsten eindecken: Unterwäsche, Hosen, Schuhe, Pullis», zeigen sich Vanessa und Jo dankbar. Vanessa macht der Verlust ihres Hab und Guts sehr zu schaffen. «Das meiste kann man ersetzen, aber die Fotoalben mit Erinnerungen an unsere Reisen sind verloren. Das schmerzt.» Jo trauert vor allem um ein Winnie-the-Pooh-Plüschtier und ums allererste Messer, das er schmiedete. «Beide haben einen grossen emotionalen Wert für mich.» Den Pooh-Bär bekam er als Einjähriger geschenkt. «Als ich ihn einmal verlor, machte ich so ein Theater, dass die Küchenmannschaft meines Vaters mit Taschenlampen den ganzen Garten durchsuchte.»
Dass Wiesner im Gegensatz zu seiner Freundin Tage nach dem Brand gelassener reagiert, hat weniger mit Coolness, dafür mehr mit Stressresistenz zu tun. Für ihn ist es nicht das erste Mal, dass ihm ein Feuer raubt, was er besitzt. Die Redewendung «wie Phönix aus der Asche» bekommt bei Jo besondere Bedeutung: Nur ein Jahr nachdem er sich 2019 selbständig gemacht hatte, brannte seine Schmiede nieder. Über Nacht verlor er alles: Hämmer, Zangen, Meissel. Das Einzige, was er damals aus der Asche retten konnte, war sein Amboss.
Aufgeben ist keine Option
Er hätte aufgeben, den Kopf in den Sand stecken können. Dass er keine Versicherung hatte, die für den Schaden aufkam, lag schlicht und ergreifend daran, dass er sich als 22-Jähriger die Prämien nicht leisten konnte. «30'000 Franken waren futsch. Viel Geld für jemanden wie mich.» Um an neues Startkapital zu kommen, startete Wiesner eine Crowdfunding-Kampagne. Nach drei Monaten hatte er das Geld zusammen, um sich Werkzeuge, Maschinen, Schmiedeofen und einen ausgemusterten Seecontainer anzuschaffen. Die neue Messerwerkstatt (www.messerwerkstatt.ch) steht im Weiler Bramboden LU auf 1053 Metern über Meer – direkt neben dem Restaurant Weitsicht seines Vaters Stefan Wiesner (64), der sich als Naturkoch und «Hexer aus dem Entlebuch» einen Namen machte.
Die Eltern von Jo greifen dem jungen Paar jetzt unter die Arme. Vorübergehend sind die beiden bei seiner Mutter untergekommen. «Im Vergleich zu anderen ist unsere Situation gut. Ausserdem haben wir das Wichtigste gerettet, was wir haben – unser Leben.»